290. Das Gebirge auf der nördlichen Talseite bei Lager Nr. 114. ([S. 321].)
291. Das Gebirge auf der südlichen Talseite bei Lager Nr. 114. ([S. 321].)
Jamdu und sein Kamerad ließen sich nicht mehr sehen, weshalb ich die Revolver und Messer, die ich ihnen zu schenken gedacht hatte, behalten konnte. Die alten Yakbesitzer waren abgelohnt worden und mit ihren Tieren abgezogen, aber es waren uns neue versprochen worden. Anfangs mußten wir jedoch allein für unser Gepäck sorgen. In dem reizenden Tale Ramlung stellten sich die neuen Yake ein, begleitet von ihren Besitzern und unseren beiden alten Reisegefährten, die augenscheinlich nicht um ihre Geschenke kommen wollten. Nach Osten hat man von hier eine weite Aussicht; bei Sonnenuntergang waren die in der Ferne verschwimmenden Kämme wie von einem Steppenbrande beleuchtet. Scharf gezeichnet stehen die schwarzen und weißblauen Zelte der Tibeter im Vordergrund zwischen dem hohen, harten, gelben Grase, in dem die Männer ihre Pferde von Zeit zu Zeit nach einer anderen Stelle führen. Im Zenith ist der Himmel rosig, am östlichen Horizont dunkelblau; letzteres ist der Widerschein von den Gegenden, in denen schon Nacht herrscht. Wir hatten nicht mehr als 16 Kilometer zurückgelegt; es kam sehr selten vor, daß wir unter solchen Verhältnissen mehr als 20 Kilometer marschieren konnten.
Am 14. Oktober zogen wir mit 30 neuen Begleitern und 22 Yaken ab, die für ein Tsos täglich pro Yak gemietet waren. 8 Tsos wurden uns hier für 1 Liang chinesischen Silbers gegeben, wobei wir natürlich übervorteilt wurden. Die Tibeter versuchten sichtlich, die Länge der Tagereisen möglichst abzukürzen, aber es gelang ihnen nicht, ich bestimmte stets die Lagerplätze. Das Wasser fängt jedoch an, immer seltener zu werden, und manchmal war es unmöglich, ohne die Hilfe der Tibeter Quellen zu finden. Schagdur, der stets fürsorglich war, verschaffte uns sowohl süße wie sauere Milch aus einem Zelte, das er in einer Schlucht entdeckte. Das Terrain senkt sich langsam nach Norden, und manchmal kann man in dieser Richtung bis zu sechs parallele Bergketten hintereinander zählen. Wir zogen hier auf einem südlicheren Wege als Littledale. An der Scholungquelle erwartete uns am Abend des 15. eine neue Reihe von Yaken, und auch am folgenden Tage wuchsen neue Trabanten wie mit einem Zauberschlage aus der Erde. Die bisherigen Yakleute machten Schwierigkeiten und wollten durchaus mit Tsos von Lhasa bezahlt werden, denn chinesisches Silbergeld war ihnen fremd. Als ich ihnen jedoch erklärte, daß sie in solchem Falle gar nichts bekämen, wurden sie fügsamer.
Tscherdons Pferd starb, und von den anderen können nur noch wenige ihre Reiter tragen. Vier Mann reiten Maulesel, die viel zäher und ausdauernder sind als Pferde. Muhammed Toktas Füße waren so geschwollen, daß die Stiefel heruntergeschnitten und die Füße mit Filz umwickelt werden mußten. Auf der ganzen Tagereise sahen wir keinen Tropfen Wasser; das Gras ist erbärmlich, und das Land immer spärlicher bewohnt. Doch werden stets so viele Schafe, als wir brauchen, für uns bereitgehalten.
Am 18. Oktober machten wir eine interessante, 20 Kilometer lange Reise nach Südwesten. Vom Lager ritten wir nach dem Abhang der Kette, die unser Längental im Süden begrenzte, hinauf. Die Tibeter nahmen mit allen Yaken und unserem Gepäck den Weg durch eine Schlucht und erklärten, daß wir über einen leichten Paß müßten. Ja, für die Yake mochte er nicht schwer sein, aber für die Kamele war er sicherlich mörderisch. Wir zogen daher längs des Fußes des Gebirges über zahllose Rinnen weiter. Von dem Vorsprunge, wo wir nach Süden abbiegen, wird jetzt in unserer Nähe der Salzsee Lakkor-tso sichtbar. Littledale zog in ziemlicher Entfernung nach Norden hin an diesem See vorüber; er machte die sehr richtige Beobachtung, daß die meisten der tibetischen Salzseen im Austrocknen begriffen sind. Dies fällt bei dem Lakkor-tso besonders auf. Längs seiner Ufer erstrecken sich alte Uferlinien, die sich zu bedeutender Höhe über den Seespiegel erheben. An flachen, langsam abfallenden Uferstrecken bilden sie Wälle, hinter denen oft Lagunen stehen. Die Ufer sind kreideweiß von Salz, das, trocken und pulverisiert, vom Winde in weiße Wolken aufgewirbelt wird, die Wasserdampf oder stäubendem Mehle gleichen. Während des weiteren Marsches nach Süden nach dem heutigen Lager am Flusse Somme-sangpo, der westwärts dem See zuströmt, gingen wir oft über Buchten, die jetzt ausgetrocknet, aber von mächtigen Wällen eingefaßt und mit Pyramiden und Kegeln angefüllt waren, die aus entschieden vom Winde ausgemeißelten Salzablagerungen bestanden.
Bei dem Lager war die Weide gut. Im Süden zieht sich noch immer eine wilde, gewaltige Bergkette hin, die uns, soweit wir sehen können, noch mehrere Tage den Übergang mit Kamelen schwerlich erlauben wird.
Der Hund Hamra mußte erschossen werden, weil er uns nachts nie ruhig schlafen ließ. Hatte er keine Tibeter anzubellen, so bellte er unsere eigenen Nachtwachen und die Karawanentiere an. Zwei Pferde starben; seltsamerweise gebaren in derselben Nacht zwei Kamelweibchen zu früh Füllen. Turdu Bai glaubte, dies sei der Kälte, −15,4 Grad, und dem Umstande zuzuschreiben, daß sie außer der Zeit kaltes Wasser getrunken hatten. Die Mütter befanden sich jedoch vorzüglich und durften am 19. ausruhen. Auch an diesem Lagerplatze erhielten wir neue Wächter und 40 Yake. Schon um 9 Uhr waren es fast −10 Grad; man konnte den Fluß zufrieren hören, denn es klang und knallte in den neugebildeten Eisscheiben.