Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Via dolorosa.
Am 20. Oktober begann der Passatwind um 9½ Uhr. Ich nenne diesen Wind mit Vorliebe so, denn er weht mit staunenerregender Regelmäßigkeit. Nach Mittag schwoll er zum Sturme, einem vollständigen Wüstensturme, an und jagte so dichte Wolken von Sand, Staub und Salz vor sich her, daß die Landschaft oft völlig verschwand. Dennoch war es ein prächtiger Anblick, wie diese kreideweißen Wolken von dem Westufer des Lakkor-tso über den See und von dem östlichen Ufer landeinwärts wirbelten, während die ebenso weißen Wogen gegen den Strand tosten. Als wir an diesem entlangzogen und der Wind mit besonderem Nachdruck uns von der Seite packte, schwankten die Kamele wie Trunkene, und die Reiter hatten Mühe, sich im Sattel zu halten. Zwei wichtige klimatische Charakterzüge haben wir gefunden: die Regenzeit tritt im Spätsommer ein und dauert den Vorherbst hindurch, und ihr folgt, nach einem kurzen Zwischenraum von schönen Tagen, eine Periode mit vorherrschendem Westwind, die den Spätherbst und Winter charakterisiert.
Dann und wann fliegt eine Filzdecke, ein Sack oder sonst ein Gegenstand von einem Kamele und muß wieder festgebunden werden. Ich muß den Deckel meines Marschroutenbuchs gegen den Wind halten, damit mir die Blätter nicht zerrissen werden, und wie gewöhnlich ist man von der Kälte durchfroren. Heute blieb eines der Pferde aus Lhasa liegen und mußte getötet werden. Der Schimmel aber, den wir auf dem Rückzuge nach dem Hauptquartier für verloren hielten, kommt noch immer mit. Die übrigen Tiere hielten sich aufrecht, obwohl es mehrere Todeskandidaten unter ihnen gab.
Wir gehen flußabwärts nach Westen und haben auf beiden Seiten sehr hohe Bergketten. Am Endpunkt der rechten Kette schwenkt der Fluß nach Norden ab und ergießt sich in den See, an dem hier ein Salzfeld mit gewaltigen Hügeln weiß wie Mehl glänzt. Bald darauf befinden wir uns unten auf dem ziemlich steilen Ufer und halten uns auf einer hohen Terrasse, bis wir an einen neuen Fluß gelangen, der von Südsüdosten kommt und sich ebenfalls in den See ergießt. An seinem linken Ufer wurde Halt gemacht ([Abb. 289]). Alle Berge in der Nähe waren scharf gezeichnet mit horizontalen Linien, die bei gewissen Beleuchtungen wie schwarze Bänder aussahen. Ich beschloß, am nächsten Morgen zu messen, wie hoch die oberste Wasserlinie über dem jetzigen Seespiegel lag.
Während des Marsches ereignete sich ein eigentümliches Abenteuer. Der alte Muhammed Tokta blieb zurück, aber niemand achtete darauf. Hamra Kul, der mit einigen müden Pferden langsam hinter der Karawane herzog, fand ihn in einer Grube, wo sich der Alte, wie er ganz vergnügt erklärte, des Reitens müde, hatte vom Pferde fallen lassen, welches sicherlich nichts dagegen gehabt und sich nachher zu der Karawane gesellt hatte. Hamra Kul nahm den Alten auf einem seiner Pferde mit, und im Lager wurde er wie gewöhnlich weich in Decken und Pelze gebettet. Abends machte ich ihm meinen gewöhnlichen Krankenbesuch, um mich nach seinem Befinden zu erkundigen und mich zu überzeugen, daß es ihm an nichts fehle. Manchmal pflegte er eine kleine Dosis Sulfonal zu erhalten, um schlafen zu können. Diesmal sollte er jedoch einen langen, tiefen Schlaf tun, ohne vorher ein Schlafmittel einzunehmen. Er antwortete auf alle Fragen und wollte am liebsten Milch haben, weshalb ich den anderen sagte, sie sollten ihm alle noch vorhandene Milch bringen, von der er auch eine große Schale voll austrank. Als ich ihn nach seinem Befinden fragte, lächelte er freundlich. Die Sonne war jedoch noch nicht wieder aufgegangen, als er schon steif und kalt war. Keiner hatte gemerkt, wann sein letzter Lebensfunke in der Morgenkälte erlosch. Mollah Schah, der die letzte Nachtwache hatte, war fortgegangen, um Brennmaterial zu sammeln. Der Tod hatte den alten Kameltreiber im Schlafe überrascht; seine Augen waren fest geschlossen, und er lag noch ganz in derselben Lage wie am Abend vorher.
Dieser Todesfall brachte für die Übrigen ein Gefühl der Erleichterung mit sich, denn auf Besserung hatte keiner mehr gehofft, seitdem der Körper des Kranken angeschwollen war und eine häßliche, dunkle Farbe angenommen hatte. Ihm selbst war das Leben während seiner viermonatigen Krankheit nur eine drückende Last gewesen, und der Tod war hier als Erlöser erschienen. Er war ein redlicher, ehrlicher Mensch, und ich hörte nie, daß jemand unfreundlich gegen ihn war, obgleich er wider seinen Willen seinen Kameraden zur Last war; alle hatten ihn gern, weil er selbst freundlich und stets guter Laune war und von seiner Krankheit nie viel Aufhebens machte. Noch die letzten Abende hatte er trotz aller Verbote versucht, sich aufzurichten und zu grüßen, wenn ich ihn besuchte.
Die übrigen Muselmänner trafen sofort Anstalten zur Beerdigung, und noch ehe ich mit der Todesnachricht geweckt wurde, gähnte schon finster und unheimlich das Grab, das ihn in seine kalten Arme schließen sollte. Aus den Boothälften wurde ein provisorisches Zelt errichtet, in dem die Leiche gewaschen wurde. Sodann wurden ihr die Kleider und der Pelz des Alten wieder angelegt und sie auf einer Kamelleiter zu Grabe getragen, wo dieselbe Zeremonie wie bei Kalpets Leichenbegängnis stattfand. Muhammed Tokta war der vierte, der auf dieser anstrengenden Reise im innersten Asien und Tibet zugrunde ging; es war ein großer Verlust!
Die beiden Kranken, die jetzt auf der Liste standen, Almas und Ahmed, fühlten sich nach diesem neuen Begräbnisse durchaus nicht besser; dem ersteren war das ganze Gesicht geschwollen, und ich war seinetwegen lange in Unruhe, ehe er sich wieder erholte.
Diese unheimliche Krankheit, die bei den drei in Tibet gestorbenen Männern mit ungefähr gleichen Symptomen auftrat, hat ihre Ursache nicht in falscher Ernährung. Wir hatten Nahrung vollauf, und kräftige obendrein. An frischem Fleisch litten wir in Tibet nie Mangel, besonders seitdem wir bewohnte Gegenden erreicht hatten, wo wir von den Einwohnern stets Schafe und Fett erhielten. Daß die Jagd auf Yake, Kulane und Antilopen immer guten Ertrag gab, habe ich bereits erwähnt. Dazu hatten wir jetzt auch angenehme Abwechslung durch süße und saure Milch, Butter und Fische, und von dem aus Tscharchlik mitgenommenen Proviant von Reis, Mehl und Talkan war noch im Überfluß da; er war auf zehn Monate berechnet, und wir waren erst 5½ unterwegs. Der Vorrat mußte bis Ladak reichen; daß er nicht 10 Monate reichen konnte, beruhte darauf, daß wir die Kamele, wenn sie anfingen hinzuschwinden, mit Brot und Reis zu retten suchten, was auch den Vorteil hatte, daß die Lasten kleiner wurden und die Karawane sich leichter bewegen konnte. Bevor wir durch die Yake Entsatz erhielten, war es sogar notwendig gewesen, möglichst viel vom Proviant zu verzehren; denn wir hätten ihn sonst, wenn uns ein Tier nach dem andern starb, schließlich wegwerfen müssen.
Diese Krankheit rührt von der Luftverdünnung her. Die Atmosphäre hat hier nur die halbe Dichte wie am Meer, und das Blut saugt nicht die genügende Menge Sauerstoff ein, um das Leben aufrechtzuerhalten. Wir leben unter abnormen Verhältnissen. Unser Körper und seine Atmungs- und Kreislauforgane sind nicht für sie gebaut. In den Funktionen dieser Organe treten Störungen ein, und der, welcher schon an und für sich nicht gesund und kräftig ist, hat natürlich noch größere Aussicht zugrunde zu gehen. Das Herz arbeitet hier unter Hochdruck, und wenn seine Muskeln und Gewebe nicht hinreichend stark sind, vermag es nicht, das Blut in die peripherischen Teile zu treiben. Ein hervorragender schwedischer Arzt hat mir erklärt, daß dies die Ursache ist, weshalb die Füße und Beine bei meinen Leuten buchstäblich hinschwanden, und er war der Ansicht, daß die Kranken sich vielleicht hätten retten lassen, wenn es möglich gewesen wäre, sie beständig in horizontaler Lage, die Füße sogar etwas höher als den Kopf, zu halten. Auf einer Karawanenreise ist es natürlich sehr schwer, die Kranken genügend zu pflegen; man müßte vor allem an einem Orte bleiben, bis sie völlig wiederhergestellt wären. Doch in einem Lande wie Tibet ist dies sehr oft unmöglich, wenn nicht die ganze Karawane in Gefahr geraten soll. Es bleibt einem keine andere Wahl, als die Kranken mitzuschleppen, und es ist klar, daß eine solche Anstrengung und Unruhe für ihre absterbenden Kräfte zu groß ist.