Die Yake waren schon früh aufgebrochen, von ihren zu Fuß gehenden, pfeifenden Treibern und einem Kosaken eskortiert. Darauf folgten, von einigen Muselmännern geführt, die kranken Kamele und Pferde, alle ohne irgendeine Last. Nachdem die Beerdigung vorüber war, verließen die übrigen das düstere Lager und nahmen, wie gewöhnlich, meine Instrumentkisten auf einigen noch tüchtigen Kamelen mit. Besonders weit war es nicht mehr bis Ladak, gegen 800 Kilometer, aber bei den Tagemärschen, die wir machten, erschien die Entfernung endlos. Insofern war allerdings das langsame Tempo vorteilhaft, als ich Zeit hatte, das durchreiste Land gründlicher zu erforschen, mehrere astronomische Punkte festzustellen und mit dem Kochthermometer öfter die Höhe zu bestimmen.
Ich brach mit Schagdur und Sirkin nach dem Abhange des im Westen des Lagers liegenden Berge auf. Die Höhe der alten Uferlinien über dem jetzigen See sollte mit dem Nivellierspiegel gemessen werden. Die Höhe des Spiegels über dem Boden betrug 1,5 Meter, und die Entfernungen zwischen den gemessenen Punkten verkürzten sich beinahe beständig, so daß die Linie, auf deren Einzelheiten ich jetzt nicht eingehen kann, eine Parabel bildete.
Während des heutigen Tagemarsches sowohl wie später bei mehreren andern Gelegenheiten konnte ich feststellen, daß die nach Westen abfallenden Bergseiten stets energischer entwickelte Uferlinien haben als die nach Osten abfallenden, auf denen die Linien sehr oft sogar ganz fehlen. Auf den Nord- und Südabhängen sind sie einigermaßen deutlich. Da dies die Regel ist, fragt man sich: was war die Ursache? Natürlich dasselbe, was noch heute die Ursache ist, der Westpassat. Dieser treibt die Wogen nach den Ostufern, wo der Wellenschlag eine sehr kräftige Brandung erzeugt, während die Westufer vor dem Winde geschützt liegen.
Das Resultat der Nivellierung ergab, daß die höchste Uferlinie nicht weniger als 133 Meter über dem jetzigen Seespiegel lag, dieser also um diesen ungeheuren Betrag gesunken war. Sein Areal hat sich dementsprechend verkleinert, und wir ritten mehrere Tagereisen weit auf einstigem Seeboden.
Über einen kleinen, weichen Paß gelangten wir an noch einen Salzsee, der genau dieselben Eigenschaften wie der Lakkor-tso, ebenso grünes Wasser und ebenso weiße Ufer hat, aber bedeutend kleiner ist. Sein ganzer westlicher Teil ist trocken gelegt, und dort glänzen außerordentlich umfangreiche Salzablagerungen weiß wie Schnee. Wir gingen am Ufer entlang, mußten aber bald wieder über einen Paß.
Unter dem Passe rastete Hamra Kul mit zwei verendeten Pferden; mit dem einen kam er abends noch ins Lager, aber das zweite, einen Apfelschimmel aus Korla, ließ ich sofort töten, denn es konnte nicht mehr auf den Beinen stehen. Es hatte einen seltsamen Blick, als es seinen langwierigen, harten Dienst beendete. Es schloß nach dem tiefen Stiche in den Hals die Augen und lag ganz still. Als aber der Blutstrahl versiegte und die Mattigkeit und Ruhe des Todes folgte, öffnete es wieder die Augen, wie um zum letzten Male von diesem elenden Leben und seinen mageren Weiden Abschied zu nehmen. Dabei blickte das linke Auge gerade in die Sonne, die sich darin widerspiegelte, so daß es wie der klarste Edelstein glänzte. Es hatte den Anschein, als existierten wir, seine Henker, nicht mehr für das sterbende Tier, sondern nur noch die Sonne. Man fühlt in solchen Augenblicken eine drückende Beklemmung, und ich hatte unsägliches Mitleid mit diesen geduldigen, wehrlosen Tieren, die ich nur mitgeschleppt hatte, um meine unbezwingliche Sehnsucht, das Unbekannte zu erforschen, zu befriedigen. Man stellt maßlose Anforderungen an diese armen Tiere. Und was gibt man ihnen dafür? Nichts; nicht einmal das, was sie als treue Diener des Menschen entschieden mit Recht beanspruchen können: genügende Kost, d. h. Futter, Weide und Wasser, gut und reichlich bemessen. Man lockt sie gleichsam mit falschen Vorspiegelungen: „Eilt fort von diesen unerträglichen, blutdürstigen Bremsen und Mücken, von der Hitze und den Sandstürmen in der Wüste, kommt mit nach den hohen, frischen Bergen, nach ihren Gletscherflüssen, frischen Quellen und saftigen Weiden!“ Und sie kommen, aber was finden sie? Eine Einöde ohne Gras, eine Luft, die für ihre Lungen nicht ausreicht, und ein Land, für dessen Natur nur Yake, Kulane und Antilopen geschaffen sind. Eine Reise durch Tibet ist eine Kette von Leiden für Menschen und Tiere. Jeden Tag umgeben uns Leiden und Jammer, und wir können uns nicht froh fühlen. Man möchte weinen, wenn man all dieses Elend sieht, aber man stumpft auch dagegen ab. Wie gern würde man, wenn man es nur könnte, diesen unglücklichen, unschuldigen, unterdrückten Sklaven die Freiheit wiedergeben, sie nach ewig grünenden Weideplätzen und sprudelnden Quellen führen und sie das Leben genießen lassen, das für sie jetzt nur — eine mörderische Plage ist und klaffende Wunden hinterläßt, Wunden, die nicht geheilt werden können. Nach all der Sterblichkeit in der Karawane, deren Zeuge ich gewesen war, hoffte ich jetzt, daß wenigstens einige unserer Tiere Ladak erreichen würden, damit ich sie dort mit Fürsorge überhäufen, die Pferde wiehern hören und die Augen der Kamele vor Freude glänzen sehen könnte. Von den 45 Pferden und Mauleseln waren jetzt nur noch 11 übrig!
Die Abende werden kalt. Kutschuk, der im Küchenzelt residiert, nimmt an Popularität zu, wenn er ein gewaltiges Argolfeuer unterhält, denn jeder holt sich bei ihm Kohlen für sein Zelt. Hoch stand der glänzende Mond am Himmel, schwarz und düster lagen die Berge im Schatten, kreideweiß breitete sich der verschwimmende See in der Nacht aus; ein Fremdling, der um diese Stunde an das Seeufer kommen würde, würde darauf schwören können, daß die Salzfelder Eis und Schnee seien.
22. Oktober. Es ist vorteilhaft, kurze Tagereisen zu machen, aber so kurz wie heute brauchten sie doch nicht zu sein! Wir hatten kaum 5 Kilometer zurückgelegt, als die Führer an einer Stelle mit gutem Grase Halt machten und uns rieten, ja hierzubleiben, da wir während der nächsten drei Tagemärsche überhaupt keine Weide finden würden. Ferner würden im Laufe des Tages oder der Nacht die von ihnen ausgeschickten Reiter mit einer neuen Eskorte von Yaken und Schafen ankommen. Alle diese Gründe waren so stichhaltig, daß wir blieben; ich ließ ihnen aber sagen, sie sollten sich nicht einbilden, daß bei der Abrechnung über die Yakmiete der heutige Marsch für eine ganze Tagereise gerechnet werde. Sie waren so liebenswürdig zu antworten, daß sie dies meinem Gutdünken überließen.
Der Weg führte über die weißen Felder mit ihren 3 Meter hohen Pyramiden und Tischen. Selbst sehr gute Augen konnten hier die Reflexe ohne dunkle Brille nicht ertragen. Das Gebirge im Südwesten heißt Marmi-gotsong, hinter ihm liegt ein Kloster, Marmi-gombo. Von Zeit zu Zeit hörten wir langgezogene Trompetenstöße von dort.
Ein voller Sturm herrschte an diesem und am nächsten Tage. Mein Pferd arbeitet und müht sich ab, um diese dünne Luft zu durchdringen, die dennoch so ungeheuren Widerstand leistet. In der Jurte stellte ich stets meine Kisten an die Windseite, um die Zugluft abzuschwächen, aber ganze Haufen von Staub und Abfällen wehten durch die Zeltöffnung herein. Unsere Straße führte nach Nordwesten, aber noch befanden wir uns südlich von Littledales Route. Auch im Lager Nr. 112, am Flusse Schaggué-tschu, hörten wir von Süden her Posaunenstöße, den Tönen eines Nebelhorns vergleichbar. Ich hätte zu gern die Tempel besucht, aber die Tibeter wollten nichts davon hören, und die Pässe im Süden waren für unsere Tiere auch zu schwierig.