Am 26. ritten also Turdu Bai und Sirkin zu den Kamelen zurück. Als wir die beiden Reiter im nächsten Lager ankommen sahen, wußten wir sofort, wie es stand. Das Dromedar hatte noch an der Stelle gelegen, wo es abends zurückgelassen worden war; es hatte auch nicht den geringsten Versuch gemacht, sich zu erheben. Es hatte geweint, und lange Eiszapfen hingen ihm unter den Augen. Sowohl dieses wie die beiden anderen Kamele mußten getötet werden.
27. Oktober. Das Wetter ist immerfort klar, und der Westwind dauert an, wenn auch bisweilen mit etwas abgeschwächter Kraft. Das Terrain war gut und eben; alle Kamele konnten den Marsch machen, ein paar Pferde aber nur mit Mühe und Not. Einige von den Kamelen haben wunde Füße und tragen Strümpfe von Kulanleder. Das Land öffnet sich wieder, dann und wann stoßen wir auf Nomaden. Dawo Tsering reitet neben mir und erteilt mir mit größter Offenheit Auskunft. Manchmal sagt er mit geradezu schulmeisterlicher Würde: „Schreibt jetzt auf, daß der Berg da so heißt.“ Er hat den Lama heimlich gefragt, was ich von ihm halte.
Nachdem wir auf einer kürzeren Strecke mit Littledales Route in Berührung gewesen waren, verließen wir sie jetzt wieder. Der englische Reisende ging von hier auf einem südlicheren Wege nach Rudok und dann längs des Südufers des Panggong-tso nach Leh. Im Nordwesten zeigt sich der See Daddap-tso. Das Lager Nr. 106 wurde am Westufer des zugefrorenen Süßwassersees Oman-tso aufgeschlagen.
Am 28. Oktober ging es den ganzen Tag in einem Längentale bergauf und bergab, bis wir schließlich einen Paß erreichten, von dem die Aussicht nach Westen hin prachtvoll war; eine ganz neue Welt breitete sich in dieser Richtung aus, alles Alte lag wie ein zugeschlagenes Buch hinter uns.
Die Landschaft wird besonders von dem runden See Perutse-tso oder Jim-tso beherrscht. Die Karawane ist so weit vor mir, daß sie nicht mehr zu sehen ist; ich bin, durch meine Arbeit aufgehalten, wie gewöhnlich der letzte. Wir reiten durch einen Gürtel von Balgunsträuchern auf meterhohen Kegeln — hier würden wir in der Kälte wenigstens ordentliche Feuer haben können.
Unser Lager am Perutse-tso war das beste, das wir seit dem Lager am Tscharchlik-su, beim Antritt unserer Reise durch Tibet, gehabt hatten. Das Gras war hoch, weich und üppig, obwohl gefroren, und vorzügliches Brennholz und Wasser gab es in Menge. Große lodernde Lagerfeuer machten den Platz hell, gemütlich und warm; es war auch nötig, denn in dieser Nacht sank die Temperatur auf −20,1 Grad. Alle Kamele, außer der jungen Mutter, erreichten das Lager. Diese wurde am Ufer zurückgelassen, nachdem ich eine ganze Weile versucht hatte, sie wieder auf die Beine zu bringen, und sie das Strohpolster ihres Packsattels hatte fressen lassen. Schon am selben Abend, als sie abgeholt werden sollte, war sie tot und steifgefroren. Jetzt hatten wir nur noch 14 Kamele! Im Lager starb ein Pferd; es hatte beinahe den Anschein, als habe sein leerer Magen das gute Gras nicht vertragen können. Dawo Tsering nahm hier Abschied und erklärte, es sei ihm nicht erlaubt, Geschenke anzunehmen.
Wir waren jetzt neun Tage marschiert, ohne einen Tag zu rasten — die Weide war zu schlecht dazu gewesen; hier aber blieben wir dafür in Wind und Kälte vier Tage liegen, während derer sich die Tiere schließlich erholten. Meine Zeit wurde von verschiedenen Nacharbeiten in Anspruch genommen. Unsere neuen Begleiter verkauften uns für 4 Liang drei kleine Beutel Gerste aus Ladak, natürlich viel zu teuer; aber unsere Tiere bedurften des Korns, und in einer Stunde war es verzehrt. Der neue Anführer erzählte uns, daß er Tadschinurmongole und einige Tagereisen südlich vom Kukku-nor geboren, aber von seinen Eltern auf der Wallfahrt nach Lhasa an ein kinderloses tangutisches Ehepaar verkauft worden sei. Wieviel sie für ihn bekommen hatten, wußte er nicht, aber der Lama sagte uns, daß 20 Liang der stehende Preis und ein derartiger Handel nichts Ungewöhnliches sei. Es kommt auch vor, daß die Tanguten Kinder an die Mongolen verkaufen. Unser Begleiter war, als er verkauft wurde, fünf Jahr alt gewesen und natürlich ein echter Tibeter geworden; er erinnerte sich auch nicht eines einzigen mongolischen Wortes mehr. Die Tanguten gehören zu demselben Stamme wie die Tibeter und haben dieselbe Sprache wie diese.
Nach der Rast waren wir imstande, auf gutem, ebenem Boden 25,8 Kilometer zurückzulegen. Dennoch waren wir noch nicht weit gekommen, als ein Pferd stürzte und getötet werden mußte.
Es herrscht eine schneidende Kälte, und im Sattel, wo man dem längs des Bodens hinstreichenden Winde ausgesetzt ist, erstarrt man beinahe. Alle Muselmänner reiten jetzt auf Kamelen, alle Lasten, außer den Instrumentkisten, werden von Yaken getragen. Ich bin der einzige, der ein Pferd reitet, aber dieses wird auch besonders mit Brot und Reis gefüttert. Die übrigen Pferde werden ohne Sattel hinter der Karawane hergeführt.
Der Fluß Ombo-sangpo war ganz zugefroren, aber das Eis hielt nicht; nachdem einige von den Pferden und Yaken der Tibeter auf der Eisdecke ausgeglitten und gestolpert waren, brachen die übrigen ein, und es mußte ein Kanal für die Kamele ausgehauen werden.