„Gut, ihr begreift, daß ich den Kopf verliere, wenn ich euch durch meine Provinz ziehen lasse.“

Er war außerordentlich bestimmt, ruhig und würdevoll in seinem Auftreten, obgleich etwas unverschämt, wenn man ihn mit unseren Freunden in der Nähe von Lhasa vergleicht. Die Kosaken waren so außer sich, daß sie vor Wut schäumten, — fast alle sehnten sich jetzt nach Hause oder wenigstens von diesen kalten winterlichen Bergen fort. Ich beruhigte jedoch ihre aufgeregten Gemüter, denn ich sah nur zu wohl ein, daß ich nicht das geringste Recht hatte, Rudok den Fehdehandschuh hinzuwerfen. Es waren schon wieder über hundert gut bewaffnete Krieger versammelt. Der Zustand unserer Karawane erlaubte auch keine Umgehung der Provinz auf einem nördlichen Wege, und mir war dies auch ganz lieb, da ich nicht Nain Singhs, Bowers und Deasys Routen oder die noch nördlicher liegenden Wege Malcolms und Wellbys berühren wollte. Ebensowenig hatte ich Lust, den größeren Teil des Gepäckes, der Zelte, des Proviants und das Boot zu verbrennen, wie Captain Deasy es einmal in einer schwierigen Lage tun mußte.

Dagegen sprach mich die Wartezeit von zweieinhalb Monaten sehr an. Ich war müde und matt von Arbeit und Weststürmen und bedurfte der Ruhe. Ich hielt mit den Kosaken Kriegsrat und entwarf einen ganzen Überwinterungsplan. Wir wollten nach ein paar Tagen nach den üppigeren Weiden des Perutse-tso zurückkehren und dort ein befestigtes Lager anlegen. Mir würde es in der interessanten Gegend nicht an Beschäftigung fehlen, und meine Leute sollten sich im Anfang die Zeit damit vertreiben, daß sie aus Erdschollen eine hohe Mauer rings um das Zeltlager und das Gepäck errichteten. Von demselben Material wollten wir einen Aussichtsturm bauen, und die Festung sollte mit einem Graben umgeben werden. Nachher wollten wir ruhen, jagen, Ausflüge machen, unsere Tiere pflegen, um im Frühling direkt nach Süden zu ziehen. Ich segnete den Bombo, der mich zu einer neuen Kraftanstrengung in Tibet beinahe zwang, obwohl ich im Grunde von diesem schwer zugänglichen Lande mehr als genug hatte.

Am folgenden Morgen kündigte ich dem Gouverneur an, daß wir wieder ostwärts ziehen würden; er hatte nichts dagegen einzuwenden. Doch der Tadschinurmann erklärte, er habe Befehl, uns bis an die Grenze von Rudok zu bringen, aber nicht, uns wieder zurückzuführen. Die Sache würde sich jedoch leicht arrangieren lassen; waren wir erst am Perutse-tso angelangt, so konnten wir sowohl die Yake wie die Pferde mit Beschlag belegen und die Männer gefangenhalten. Mit frischen Pferden würden wir leicht und bequem operieren können.

Der Bombo kam jedoch auf andere Gedanken und teilte uns mit, daß er uns Yake und Proviant besorgen werde, wenn wir versprächen, nicht nach der Stadt Rudok zu gehen, was zu tun gar nicht in meiner Absicht lag, da Littledale diesen südlicheren Weg gegangen war.

So wurde der ganze Festungsplan hinfällig, und wir durften uns dem Ende unserer Mühsale wieder nähern.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Der Tso-ngombo.

Nachdem alles Entbehrliche ausgesondert worden und den Tibetern geschenkt war, zogen wir am 6. November nördlich um einen Paß (4858 Meter) herum, auf dessen anderer Seite uns Quellen und Weiden zum Lagern einluden. Das kleine Kamelfüllen, unser aller Liebling, schwand seit dem Tode der Mutter hin, kam aber doch bis ins Lager mit, wo es sich an Brot und Teig sattfressen und Milch trinken durfte. Es wurde nachts gut eingewickelt neben das Feuer gelegt und marschierte den ganzen Tag gut.

Am 7. war das Wetter herrlich, und der ewige Wind war in seiner Höhle im fernen Westen geblieben. Statt seiner bereiteten uns die Tibeter Verdruß und schalten den Lama einen Heidenhund, der mit „solchen Russen“ umherstreife. Der Lama war so erbittert, daß er sie rechts und links mit der Peitsche traktierte, und ich ließ ihnen sagen, daß wir sie, wenn sie sich noch einmal mausig machten, auf die Kamele binden würden, bis sie seekrank und höflich würden ([Abb. 295]).

Den ganzen Tag sahen wir keinen Tropfen Wasser, keine Menschen, höchstens Spuren von alten Lagerplätzen. Endlich erreichten wir jedoch die Quelle Tsebu, wo wir Halt machten. Tiefes Schweigen herrschte in dieser Nacht, und die Luft war so ruhig, daß man einen schwach siedenden Laut von der Nachtkälte, die sich in der Erde festbohrt, zu vernehmen glaubte. Nur einige Wölfe störten mit ihrem langgezogenen, melancholischen Klagegeheul den Frieden. Die Tritte der Nachtwache hallten auf dem steinharten Erdboden wieder.