Während der nächsten beiden Tage ritten wir an dem See vorbei, an dessen Ufern sich überall Gänse und Enten aufhielten, über einen kleineren Paß nach dem tief in das Geröllbett eingeschnittenen Flusse Rawur-sangpo, der von Quellen gespeist wird und in dem großen Längentale, das wir jetzt vor uns hatten, verschwindet. Unser Anführer erzählte, daß beim Aru-tso, der zirka vier Tagereisen nach Norden liegt und von Bowers Reise her bekannt ist, Räuber aus Amdo, Nakktschu und Nakktsong umherzustreifen pflegten. Eine Bande von fünf Personen sei im vorigen Jahre am Rawur-sangpo ergriffen und auf Befehl des Gouverneurs von Rudok getötet worden. Andere Bewohner gebe es in jener Richtung nicht. Der Berichterstatter war ein lustiger alter Herr, der singend neben mir zu reiten pflegte und oft zum großen Vergnügen der Unsrigen das Gurgeln der Kamele nachahmte.
10. November. Das Thermometer zeigt −26,5 Grad. Man wacht bisweilen auf, deckt sich fester zu und rollt sich wieder wie ein Knäuel zusammen. Ich pflege nachts einen eisernen Becher mit Tee neben mir stehen zu haben, kann ihn aber jetzt nicht benutzen, denn der Inhalt ist bis auf den Grund gefroren. Das Tintenfaß muß jedesmal, wenn es gebraucht werden soll, erst am Feuer aufgetaut werden.
32,2 Kilometer! Das war eine Kraftprobe, die wir sehr lange nicht fertig gebracht haben! Schon nach 10 Kilometern wollten die Tibeter rasten, weil wir gerade neue Leute und neue Yake trafen; man kann es ihnen nicht verdenken, daß sie möglichst schnell nach ihren warmen Zelten zurückkehren wollten — sie trugen ja keine Hosen! Doch wir ritten weiter, indem wir Tscherdon, drei Muselmänner und alle Tibeter bis auf vier zur Bedeckung der Yakkarawane zurückließen. Wir durchschritten ein ebenes Tal; der Tag verging, es dämmerte und wurde dunkel; Wasser sahen wir nicht. Schließlich begegnete uns Schagdur, der zum Rekognoszieren vorausgeritten war, mit einem kleinen Sacke voller Eisstücke. Er hatte einen zugefrorenen Bach gefunden, nach welchem wir uns jetzt begaben. Am 12. ritten wir an einem kleinen, mit dickem Eise bedeckten See vorbei, an dessen westlichem Ende die Tibeter ihre Zelte aufschlugen, weil nach Westen hin zwei Tagereisen weit kein Wasser zu finden sei. Wir füllten daher vier Säcke mit klarem Eise und zogen dann trotz ihrer lebhaften Proteste weiter. An einer Bergreihe einige Kilometer nördlich vom See zeigten sich einige Pferde und ihre Besitzer, die sich in einer Schlucht versteckten, als wir am Ufer vorbeizogen. Die Tibeter behaupteten, es seien Räuber, und rieten uns, auf sie zu schießen. Eine Weile darauf sahen wir zwei von ihnen an einem Feuer sitzen; es waren friedfertige, gutmütige Yakjäger, die eine Orongoantilope geschossen hatten. Eine Stunde, nachdem wir das Lager aufgeschlagen hatten, kam die Yakkarawane mit ihrem pfeifenden und singenden Gefolge nebst Schagdur, der in lebhafter, scherzender Unterhaltung mit den Tibetern war. In überraschend kurzer Zeit hatte dieser tüchtige Kosak ziemlich fließend tibetisch sprechen gelernt. Als wir am Tage darauf am Ufer eines laut rauschenden Flusses lagerten, hatten wir richtig zwei Tage lang kein Wasser gesehen. Oft genug hätten wir ohne die Anweisungen der Tibeter hinsichtlich dieses unentbehrlichen Stoffes in Verlegenheit geraten können.
301. Doppelte Geröllterrassen. ([S. 330].)
302. Das Tempeldorf Noh. ([S. 333].)
Während der Nacht knackte es angenehm im Eisrande, und der rieselnde Ton des Wassers war für unsere Ohren ein nachgerade ungewohntes Geräusch. Welch ein Unterschied gegen die Gegend um Lhasa während der Regenzeit; dort waren wir eigentlich immerfort durch Sümpfe geritten, hier mußte man erst lange nach Wasser suchen.
Nachdem wir am 14. den Raga-sangpo hinaufgeritten waren und ihn schließlich linker Hand hatten liegen lassen, wollten die Tibeter wie gewöhnlich nach einem kurzen Tagemarsch Halt machen; es würde ihnen den Kopf kosten, wenn sie weiter gingen, als ihnen befohlen sei, und hier sollten neue Yake anlangen. Ich ließ die Kosaken die Yakkarawane übernehmen und die Tiere mit uns nach dem heutigen Lagerplatze, der in einer Talmündung lag, treiben. Die Männer kamen ganz artig mit und schlugen ihre Zelte in unserer Nähe auf. In der Gegend lagerten Nomaden, und während der zwei Ruhetage, die wir uns hier gönnten, hatten wir Gelegenheit, unseren Proviant durch Schafe und Milch zu verstärken.
Am 17. ging es nach Nordwesten in dem Tale aufwärts; es verengte sich zu einem schmalen, malerischen Gange und führte schließlich auf einen Paß mit einem gefrorenen Tümpel ([Abb. 296]). Schon um 9 Uhr hatten wir im Lager Nr. 129 −18,6 Grad und nachts −24,4 Grad. Es war bitterkalt und unwirtlich in diesem öden Gebirge!