Das kleine Kameljunge erreichte das Lager Nr. 130 (5060 Meter) nicht mehr, es brach unterwegs zusammen und mußte getötet werden. Seit seine Mutter gestorben war, gedieh es nicht mehr; es fehlte uns allen. Zu den widerstandsfähigsten Tieren gehören die beiden Schafe. Wanka, der Leithammel, der uns seit mehr als zwei Jahren begleitet, und ein weißes Schaf aus Abdall. Niemand wäre imstande, sie zu schlachten; die Muselmänner, die sie als Reisegefährten betrachten, würden, glaube ich, lieber verhungern.
Bei dem Lager Jam-garawo wuchsen vortreffliche, dürre Jappkakpflanzen, die uns bei der Kälte sehr willkommen waren. In der Nacht ging die Temperatur auf −26,5 Grad herunter! Am meisten sind die Nachtwachen, welche die weidenden Tiere bewachen, zu bedauern; ihre Pelze genügen bei solcher Kälte nicht. Hier konnte man wenigstens die ganze Nacht ein Feuer im Freien unterhalten. Während des ganzen Tags weht ein mörderischer Wind, der durch Mark und Bein dringt, denn −4 Grad ist die größte Wärme. Man muß unbedingt dann und wann eine Strecke zu Fuß gehen, obgleich Herz und Lungen dieser Anstrengung nur gewachsen sind, wenn es bergab geht. Ein Pferd blieb im Lager zurück, die übrigen leisten jetzt nichts mehr und sind nur eine Last, aber man hofft immer noch, sie retten zu können.
Welch ein Gewirr von Bergen! Im Süden haben wir noch immer die mächtige Kette, die uns vom Nakktsong-tso an treu begleitet und uns die Aussicht auf das verbotene Land der heiligen Bücher versperrt hat. Ringsumher breitet sich eine Welt von großartigen Bergketten aus, große Schneefelder sind aber ziemlich selten, und vom Himmel fällt nicht eine einzige Flocke. Wir sehnen uns förmlich nach einem ehrlichen Schneefall; wir sind des ewigen Windes und des beständig klaren Himmels gründlich überdrüssig. Wir hatten bis Leh noch 400 Kilometer. Alle sehnten sich dorthin, besonders ich, denn ich hoffte, noch vor Weihnachten ein Telegramm nach Stockholm senden zu können.
In der Nacht auf den 21. November sank die Kälte auf −28,2 Grad. Wir marschierten 28,1 Kilometer nach einer Gegend, die reich an herrlichem Brennmaterial, aber wasserlos war. Daher mußte mit Yaken aus einiger Entfernung Eis geholt werden, das über dem Feuer geschmolzen wurde. In der Nacht heulten ein Dutzend Wölfe um unser Lager Nr. 133 ([Abb. 297]), und die Hunde stimmten mit ein; es war ein ohrenzerreißendes Konzert.
23. November. Wieder blieb ein Kamel liegen; nur 13 sind noch übrig, ein Drittel der Zahl, die wir aus Tscharchlik mitnahmen. Es war einer der Veteranen von Kaschgar und hatte mich durch die Tschertschenwüste und beide Male nach Altimisch-bulak begleitet. Unser Weg läuft zwischen Nain Sings und Bowers Routen. Bei Tsangar-schar öffnet sich das Tal, dem wir gefolgt sind; an mehreren Stellen erblicken wir Zelte und Herden, und eine neue Eskorte und neue Yake sollten uns von hier weitergeleiten. Der Anführer war ein alter braver Mann. Er versprach uns nach dem Panggong-tso und dann an dessen Nordufer entlangzuführen, und ich stellte ihm einen Revolver in Aussicht, wenn er möglichst wenig lüge.
„Ich bin ein viel zu alter Mann, um zu lügen“, sagte er.
Die folgenden Tage zogen wir an dem fischreichen Tsangar-schar-Flusse abwärts. Schagdur und Tschernoff zeichneten sich besonders beim Fischfang aus und überraschten mich alle Augenblicke mit ganzen Bündeln von großen, prachtvollen, steinhart gefrorenen Fischen. Das Tal ist anfänglich ziemlich offen ([Abb. 298]), verengt sich aber allmählich zwischen malerischen Felsen und mächtigen Geröllterrassen ([Abb. 299], [301]). Der Fluß ist meistens mit dickem Eise bedeckt. An einer Stelle erweitert er sich zu einem See, der das Tal füllt und nur auf der Nordseite einen Uferstreifen freiläßt, der für die Kamele gerade breit genug ist. Gleich unterhalb des Sees war der Fluß wieder eisfrei. Hier rasteten wir am 26. November in einer an prächtiger Strauchvegetation reichen Gegend; andere Weide als die dürren Zweige gab es nicht. Mein Zelt stand unmittelbar an dem rauschenden Strome; ich liebe es, dem klangvollen, munteren Rauschen des fließenden Wassers zu lauschen.
Ein schönes Bild bot sich uns am Abend gerade im Süden dar, wo der hoch und klar am Himmel stehende Mond den mächtigen Bergast beleuchtete, dessen Einzelheiten wir bei Tage infolge blendenden Sonnenscheins und intensiver Schatten nur undeutlich hatten unterscheiden können. Jetzt glänzten seine kleinen, unten spitz zulaufenden dreieckigen Schneefelder kreideweiß, und das kühne, imposante Relief der Felsen trat klar und scharf hervor.
Eines von Kamba Bombos Pferden war so ungeschickt, in den Fluß zu stürzen, und konnte nur mit Mühe wieder herausgezogen werden. Ich ließ es an einem großen Feuer trocknen und dann in Decken wickeln, aber ein paar Stunden darauf lag es tot am Feuer.
Am folgenden Morgen wurde mir gemeldet, Li Lojes Pferd sei über Nacht gestorben. Steinhart und angeschwollen lag es zwischen den Zelten. Wir hatten geglaubt, daß, wenn überhaupt eines der Pferde Leh erreichen würde, es dieses sei, obgleich sein Besitzer, wie er mir jetzt im Vertrauen mitteilte, es nicht bezahlt hatte. Nun ging es wieder weiter, immerfort flußabwärts. Unweit des nächsten Lagerplatzes stürzte Turdu Bais alter Rappe; eine gelbe Flüssigkeit strömte ihm aus den Nüstern, und nach einer Weile war er tot. Während des Marsches verschied auch das letzte unserer tibetischen Pferde, ohne daß es totgestochen zu werden brauchte. Vier Pferde auf einmal! Jetzt ist sowohl von allen unseren Tscharchlikpferden wie auch von denjenigen, die wir unterwegs geschenkt erhalten oder gekauft haben, nur ein einziges übrig, der große Schimmel, den ich noch reite.