Es ist eine recht ernste Sache, eine große Karawane in Tibet zusammenzuhalten; es ist nicht ganz so leicht, wie man glaubt, in diesem Lande zu reisen, und ein Vergnügen ist es auch nicht. Man erkauft die Tage und Meilen mit dem Leben von Menschen, Pferden und Kamelen, und es hat auch eine symbolische Bedeutung, daß der zurückgelegte Weg auf der Karte rot punktiert ist: er hat Blut gekostet. Wie viele Tränen und Blutströme hatte dieser karge Boden aufgesogen, und wie viele Seufzer und Jammerrufe waren von unserer Karawane ausgestoßen worden, ohne von diesen kalten, kahlen Felswänden ein Echo als Antwort zu erhalten. Ein rotes Kreuz an jedem Punkte, wo in unserer Karawane ein Leben erloschen war, würde zum Verfolgen unserer Wanderung durch Asien genügen.
Ihr, die ihr mit eurer großen Weisheit und eurem unerprobten Mute — jenem Mute, der vor dem Kaminfeuer in einem zugfreien, warmen Zimmer glänzt — eine solche Reise und ihre Resultate beurteilt, ihr mögt es selbst einmal versuchen! Ihr braucht dazu gar nicht erst nach Tibet zu gehen; nein, geht nur im Winter bei eurem eigenen Gute einige Meilen auf ungebahnten Wegen, schlaft bei 30 Grad Kälte in einem erbärmlichen Zelte und hört dabei die Wölfe in der Wildnis um euch herum heulen. Das ist freilich noch nicht dasselbe wie Tibet und ein Leben, wie ich es zweieinhalb Jahre geführt habe, aber ihr werdet auch dadurch schon vorsichtiger in eurem Urteil werden. Ich gehe lieber zehnmal durch die Gobiwüste als einmal zur Winterszeit durch Tibet. Man kann sich keinen Begriff davon machen, was dies kostet; es ist eine wahre „via dolorosa“!
Im Vergleich mit diesen großen Schwierigkeiten sind die kleinen Ärgernisse, die in einer aus so verschiedenen Elementen zusammengesetzten Karawane nicht ausbleiben können, reine Bagatellen. Daß Muselmänner, Tibeter, Mongolen, Burjaten und Christen während einer so langen Zeit stets in schönster Eintracht leben, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Hier geschah es zum Beispiel, daß Li Loje und Ördek in einer Nacht, als sie die Wache hatten, in das Zelt der Tibeter gegangen waren, um dort Opium zu rauchen. Am Morgen beschwerten sich die Tibeter, daß ihnen nach dem Fortgehen der beiden eine Stange Opium im Werte von 10 Liang gefehlt habe und Ördek und Li Loje sie ihnen gestohlen hätten. Der Lama sträubte sich lange, mich mit dieser Klatscherei zu belästigen, tat es aber schließlich, da ihm keine Ruhe gelassen wurde. Ich ließ die Kleider und Sachen der beiden Verdächtigten sofort von Tschernoff und Schagdur untersuchen, aber Opium fand sich bei ihnen nicht, und die Kläger wurden als Lügner zur Tür hinausgeworfen. Nun aber waren Ördek und Li Loje wütend auf den Lama, der ihrer Meinung nach geklatscht hatte, und wollten sich an ihm rächen. Dies geschah dadurch, daß sie Sirkin einredeten, der Lama habe sie dazu bestechen und überreden wollen, mir vorzulügen, daß Sirkin durch Mißhandlungen Kalpets Tod hervorgerufen habe. Sirkin war über diese ungerechte Beschuldigung ganz außer sich und teilte mir sofort mit, was er gehört hatte. Eine solche verwickelte Geschichte mit Ruhe und Selbstbeherrschung zu untersuchen und dann das Urteil zu fällen, wenn einem in der Morgenkälte die Zähne klappern, ist weder leicht noch angenehm. In den meisten Fällen ist natürlich einer unzufrieden. Jetzt, da alles glücklich überstanden ist, wundere ich mich beinahe selbst darüber, daß es mir gelang, alle diese Schwierigkeiten zu besiegen und die Trümmer der Karawane wie nach einem großen Siege aus dem Lande unserer Sorgen herauszuführen und in die Gegenden zu bringen, deren Gewässer nach den warmen Küsten des Indischen Ozeans strömen. —
303. Eine schwierige Passage am Ufer des Tso-ngombo. ([S. 334].)
304. Blick nach Süden auf den mittelsten Tso-ngombo. ([S. 334].)
305. Der mittelste Teil des Tso-ngombo. ([S. 334].)