306. Beförderung des Gepäcks auf einem improvisierten Schlitten über das Eis. ([S. 338].)

Am 27. (4379 Meter) und 28. hatten wir, als wir dem Laufe des Tsangar-schar abwärts folgten, immerfort das schöne Gefühl, uns tieferliegenden Gegenden zu nähern. Während des Marsches wird Fischfang getrieben, und Tschernoff und Schagdur wollen es einander darin zuvortun. Sie bedienen sich ihrer Säbel sowie tibetischer Speere und harpunieren ihre Opfer. Einmal nahm Schagdur ein gründliches Bad in dem eiskalten Wasser; er wagte sich im Eifer zu weit hinaus, und sein Maulesel stürzte. Ich war glücklicherweise in der Nähe und zündete ein loderndes Feuer in dem Gesträuche an, woran er sich wärmen und seine Kleider trocknen mußte; sonst wäre er, kühn und abgehärtet wie er war, einfach weitergeritten, als sei nichts vorgefallen.

Die Felsenmauer, die wir bisher auf unserer linken Seite gehabt haben, hört schließlich auf, und der Fluß macht einen scharfen Bogen nach Süden. Gerade hier liegt auf dem linken Ufer das Tempeldorf Noh, auch Odschang genannt ([Abb. 302]). Dort erhebt sich ein malerischer kleiner Tempel in Rot und Weiß, mit zwiebelförmigen Kuppeln, Flaggen, vergoldeten Spitzen und anderen Zieraten. Die viereckigen Häuser mit flachen Dächern sind wie gewöhnlich von weißgetünchten Mauern umgeben, die oben eine rote Kante haben; auch sie sind mit Fahnenstangen und Wimpeln geschmückt. Die Fußböden sind mit Filzteppichen belegt, in der Decke ist ein Loch zum Entweichen des Rauches, große Holzvorräte aus dem Gesträuchwalde liegen für den Winter bereit. Unsere Tibeter hatten uns schon unterwegs mitgeteilt, daß man hier kein Holz anrühren dürfe, da es dem Lama gehöre. Jetzt lag Noh vom Sonnenscheine überflutet vor uns und gewährte, mit der mächtigen Bergwand als Hintergrund, einen ungewöhnlich malerischen Anblick.

Auf dem rechten Ufer treten Geröllterrassen dicht an den Fluß heran. Nicht ohne Schwierigkeit lotsen wir die Kamele über sie hinüber, damit die Tiere nicht in das kalte, tiefe Wasser zu tauchen brauchen. Unsere Richtung führt nach Westen an der Basis der Felsen entlang, wo Quellen von +15,9 Grad entspringen. Nachdem wir einen kleineren Paß mit einer fahnengeschmückten Steinpyramide passiert haben, öffnet sich nach Süden und Westen eine großartige Aussicht über den See Tso-ngombo (blauer See). Im Süden glänzen mehrere pyramidenförmige Schneegipfel, und nach Westen dehnt sich der bizarre See mit seinen Buchten, Landspitzen, Inseln und steil abfallenden felsigen Ufern aus. Die Breite beträgt nur wenige Kilometer. Auf einem ganz ebenen Uferstreifen mit etwas Weide schlugen wir das Lager Nr. 138 ([Abb. 300]) auf. Kaum einen Kilometer vom Ufer liegt eine kleine Felseninsel, die reich an gutem Brennholz ist; ganze Stapel davon wurden über das Eis nach unserem Lager geschleppt. Die Tibeter verbrachten die Nacht auf der Insel, wo sie Schutz und Wärme hatten, und ihre großen Feuer warfen abends rotglänzende Reflexe über das spiegelblanke Eis. In diesem verursachte die Spannung unaufhörliche Knalle und Pfiffe; es klang wie ein sich im Kreise drehendes Nebelhorn.

Während des folgenden Tages, der der Ruhe gewidmet wurde, maß ich die Tiefen zwischen dem Ufer und der Insel, wobei sich ergab, daß die größte 6,35 Meter betrug. Unser Offizier teilte mir mit, daß er beauftragt sei, von hier einen Kurier nach Leh zu senden, damit wir an der Grenze von Tibet und Kaschmir vorfänden, was wir brauchten. Ich nahm die Gelegenheit wahr, einen Brief an den englischen „Joint Commissioner“ für Ladak mitzuschicken, in welchem ich um Entsatz an Yaken, Pferden und Proviant bat. Der arme Reiter verschwand auf seinem langhaarigen Pferdchen in der Nacht; als wir nachher den Weg sahen, den er in der Dunkelheit geritten war, tat er mir doppelt leid.

Am Todestage Karls XII. machten wir einen interessanten Marsch am Nordufer des Tso-ngombo entlang. Hinter der Insel hat der See ein Ende und geht in einen ganz kurzen Fluß mit offenem Wasser über, der sich bald in ein neues zugefrorenes Becken ergießt; es dauert nicht lange, so nimmt auch dieser zweite See ein Ende, und wir reiten wieder an einem Flusse entlang. Dieser ist so gerade und regelmäßig wie ein gegrabener Kanal, zirka 12 Meter breit und höchstens 3 Meter tief. Das Wasser fließt außerordentlich langsam, ist klar wie Kristall und schillert grün wie Smaragd. Auf dem Grunde gedeihen üppige Wasserpflanzen, und in Vertiefungen zeigen sich ganze Scharen von schwarzrückigen Fischen, die, den Kopf nach der Strömung gerichtet, regungslos und faul im Wasser schweben und zu grübeln scheinen. Das Ganze war ein großartiges Schauspiel; die Kosaken waren sofort wieder mit ihren Angelruten bei der Hand.

Nachdem der Fluß durch ein mittelgroßes und ein sehr kleines Becken geströmt ist, ergießt er sich schließlich in einen vierten See, der größer als die anderen ist und sich weit nach Westen und Nordwesten erstreckt; er war völlig eisfrei und vom Winde aufgeregt. Wahrscheinlich liegt es an seiner Tiefe, daß er trotz der windstillen, kalten Nächte noch nicht zugefroren ist. Das Ufer ist dicht mit Blöcken und steilen Schuttkegeln bedeckt und sehr beschwerlich für die Kamele ([Abb. 303]). Auf der Ebene Bal, wo wir in der Nähe einer tiefen Schlucht lagerten, gab es jetzt kein Gras, aber wir hatten Stroh und Gerste von den Tibetern gekauft, und die Tiere waren gut versorgt ([Abb. 304], [305]). Von Roh bis Bal waren wir dieselbe Straße gezogen wie Nain Singh; hier aber trennten sich unsere Wege wieder. Unterwegs waren wir einer Karawane von 200 mit Getreide aus Ladak beladenen Schafen begegnet. Es machte Spaß zu sehen, wie ordentlich sie marschieren und wie leicht sie zu regieren sind; sie kommen an den steilsten Felswänden vorwärts, trotzdem sie ziemlich schwere Lasten tragen. An der Grenze wird eine Art Tauschhandel betrieben; für 100 mit Salz beladene Schafe erhalten die Tibeter 80 Schafslasten Gerste.

Die Kälte sank auf −20,9 Grad, und in der Nacht überfiel uns ein sehr heftiger Nordsturm. Der Rest des Strohvorrats wurde rettungslos fortgeweht.

1. Dezember. Heute mußte ein Kamel getötet werden; es ist um so bitterer, jetzt von den letzten Veteranen scheiden zu müssen, da ihre Rettung so nahe ist. Wir folgen über oft sehr beschwerliche Schutterrassen treu allen Biegungen und Buchten des Ufers. Der See ist lang und schmal und gleicht einem norwegischen Fjord; beständig entrollen sich neue, bewunderungswürdige Perspektiven vor uns, die Landschaft glänzt in großartiger Schönheit, es ist ein zwischen oft jähen, stets malerisch gestalteten Felsmassen eingeschlossener Fluß. Hier und dort erhebt sich ein dominierender Schneegipfel. Einige von unseren Leuten gehen voraus, um scharfkantige Steine zu entfernen und Gruben auszufüllen. Wildenten leben hier in ungeheurer Menge; es klingt wie das Brausen eines herannahenden Sturmwindes, wenn ihre Scharen, sobald wir uns nähern, seewärts fliegen und mit solcher Wucht auf das Wasser niederschlagen, daß weißer Schaum hoch aufspritzt. Der See ist überall offen; nur in geschützten Buchten liegt hier und da ein kleines Band von zertrümmertem, vom Winde hierhergetriebenem und wieder zusammengefrorenem Eise mit dünnen, höchstens eine Nacht alten Eishäuten zwischen den Schollen.

Nun zeigt sich ein ebener Uferstreifen von weichem Erdreich, und die Berge treten zurück. Ein hier stehendes, einsames Zelt dürfte für längere Zeit aufgeschlagen sein, denn es ist mit großen Holzstapeln umzäunt. Bald darauf stehen wir an einem Felsvorsprung, der direkt in den See hinunterfällt und die erste schwere Stelle bildet, vor der man uns gewarnt hat. Wir lagerten daher unmittelbar an der Felswand, und die Kamele wurden nach der Weide zurückgeführt. Schon am Abend wurde das Gepäck von unseren Leuten über die Spitze gebracht und am folgenden Morgen die Tiere an ihr vorbeigeführt. Unterhalb der Spitze liegt ein meterbreiter Sandstreifen im Wasser. Wenn hier ein Kamel fallen sollte, so konnte es zwar in die Tiefe hinabgleiten, brauchte aber darum noch nicht verloren zu sein. An der Felsbasis haben die Uferwellen einen Eisrand gebildet, der erst weggehauen wurde; dann wurden die Maulesel, die Pferde und Kamele glücklich an der Landspitze vorbeigeführt und auf der anderen Seite in gewöhnlicher Ordnung beladen. Die Yake zogen es vor, über die gefährlichen Felsplatten zu klettern. Zwei kranke Kamele blieben auf der Weide zurück. Islam und Li Loje hatten Befehl, mit ihnen wenn irgend möglich unserer Spur zu folgen, andernfalls sollten sie sie töten.