Am Morgen unmittelbar vor Sonnenaufgang zeigte sich am gegenüberliegenden Strande im Südosten ein eigentümliches Phänomen. Der See „rauchte“; kreideweiße, dichte Wolken von Wasserdampf breiteten sich wie ein Schleier über die Wasserfläche. Entweder hat dies seinen Grund in heißen Quellen, oder es beruht darauf, daß der See mehr erwärmt ist als die Luft. Die Kälte war auf −18,3 Grad gesunken, und die Temperatur des Wassers war ein paar Grad über Null. Gleich nach Sonnenaufgang zerstreute sich der Nebel.
Die Breite des Tso-ngombo wechselt natürlich je nach der Konfiguration der ihn umgebenden Bergketten. Wo zwei gegenüberliegende Felsvorsprünge sich einander nähern, ist er am schmalsten. Auf einem steilabfallenden Geröllkegel hatten wir viel Mühe, weil die Instrumentkisten zwischen den Blöcken nicht durchkonnten, sondern abgeladen und getragen werden mußten. Die Kamele wurden einzeln geführt und von allen Leuten gestützt; gähnende Gruben waren ausgefüllt und hinderliche Felsblöcke mit vereinten Kräften in den See gewälzt worden.
Das Lager Nr. 141 schlugen wir neben einem Karawanenlager auf, das aus zwei schwarzen, mit den Schaflasten und Holzstapeln umgebenen Zelten bestand. Ich maß hier die Höhe zweier alter Uferlinien; die höhere lag 19,5 Meter, die tiefere 6,5 Meter über dem gegenwärtigen Wasserspiegel.
Am 3. Dezember wurde Tschernoff beauftragt, die Tiefen einer von mir vorher festgestellten Linie quer über den See zu loten. Die Tiefe betrug genau 30 Meter. Ich selbst ritt mit Tscherdon am Ufer, während die Karawane nach Westen weiterzog. Nun aber gebot ein 500 Meter breiter, zugefrorener Sund dem Boote Halt; hier erwartete ich Tschernoff. Man hatte uns gesagt, daß der Karawane heute ein absolut unüberwindliches Hindernis in den Weg treten werde, eine glatte, sehr steile Felswand, die jäh ins Wasser abstürze. Als wir daher jetzt den kleinen Sund zugefroren fanden, hofften wir nach dem Südufer des Sees hinübergelangen und so das Hindernis umgehen zu können. Wir gingen hinüber und schlugen Waken in das Eis, teils um seine Dicke (13,4–15,2 Zentimeter) zu messen, teils um die Tiefen zu loten (Maximaltiefe 29,36 Meter). Wir setzten unsere Untersuchungen auf dem Südufer fort, ohne auf ein Hindernis zu stoßen, aber der Sicherheit halber schickte ich Ördek weiter. Mittlerweile hatte die Karawane Halt machen müssen. Ördek hatte Befehl erhalten, ein Feuer anzuzünden, sobald er an eine Stelle gelangte, wo ein Vordringen der Kamele unmöglich war. Als wir nachher zur Karawane zurückritten, sahen wir nicht weniger als drei Feuer am Südufer, das letzte dem neuen Lager gerade gegenüber. Es blieb also nur das Nordufer. Ördek wurde mit dem Boote von Tschernoff geholt, der eine neue Lotungslinie (Maximum 29,70 Meter) machte, die zeigte, daß der See auf seiner ganzen Länge in der Mitte eine zirka 30 Meter tiefe Rinne hat.
307. Das Boot als Schlitten auf dem Tso-ngombo. ([S. 338].)
308. Der gefährliche Felsenpfad. ([S. 338].)
(Die Yake gehen teils auf, teils über dem Wege)