309. Am westlichen Tso-ngombo. ([S. 339].)
310. Am Panggong-tso. ([S. 341].)
Die unpassierbare Stelle wurde von Turdu Bai untersucht, der keine Möglichkeit sah, die Kamele mit heilen Knochen hinüberzubringen. Da aber die ganze Gegend außerordentlich reich an festem, dürrem Gesträuch und Buschholz war, beschloß ich, die schwere Passage mittelst einer durch unsere Kamelleitern und Zeltstangen zusammengehaltenen und mit Seilen umwundenen Fähre zu passieren. Sie würde stark genug sein, um ein Kamel zu befördern. Es mußte gelingen, denn ich hatte keine Lust nach Bal zurückzukehren und von dort in Nain Singhs Spur nach Niagsu zu gehen. Es war doch zu ärgerlich, daß der See gerade um dieses Vorgebirge herum nicht zugefroren war. Turdu Bai erklärte, daß das Wasser offen sei.
Nachts hörte man förmlich, wie sich bei −20 Grad Eis bildete, und am nächsten Morgen waren große Flächen, die gestern noch offen gewesen, mit einer feinen Eisschicht bedeckt. So viele Leute, als sich entbehren ließen, mußten vorausgehen und Material zu der Fähre sammeln. Ein gewaltiger Stapel lag bereit, als wir am Anfang des Bergpfades anlangten. Auch hier hatte sich jetzt eine 3 Zentimeter dicke Eisbrücke über die Tiefen gespannt, und der See war querüber bis an das rechte Ufer überfroren. Sobald das Lager aufgeschlagen war, gingen Sirkin und zwei von den anderen hinauf, um sich den schwierigen Weg anzusehen. Ihre Meinungen waren geteilt, aber Sirkin war der Ansicht, daß es mit großer Vorsicht gehen müsse, die Kamele einzeln hinüberzubringen. Ich mußte mich selbst überzeugen und fand den Pfad einfach lebensgefährlich. Der schwarze Schiefer fällt hier mit glatten Platten 43 Grad steil nach Westsüdwest zum See ab. Ein Riß in der Bergwand gibt aber eine Stütze für die Schieferplatten, die hier hingelegt worden sind, damit die Tiere nicht abrutschen. Auf der äußeren Seite wurden diese Platten von oft 2 Meter hohen Stämmen und Säulen gestützt, die mir jedoch nicht danach aussahen, das Gewicht eines Kamels tragen zu können. Manchmal geht es im Zickzack halsbrecherische Stufen hinab. Vielleicht hätten einige unserer müden Kamele dieses Akrobatenstück fertig gebracht, die meisten aber wären sicherlich vom Schwindel ergriffen worden und in den Abgrund gestürzt.
Nein, entweder mußten wir eine Fähre bauen und das dünne Eis aufbrechen, oder wir mußten warten, bis das Eis uns trug. Da wir noch um 1 Uhr −4,5 Grad hatten, hoffte ich auf den letzteren Ausweg. Um 6 Uhr war das Eis schon 5,2 Zentimeter dick. Die Kosaken bauten einen improvisierten Schlitten aus Kamelleitern, Zeltstangen, Holz und Tauen und bedeckten das Ganze mit Filzdecken. Es war Schagdurs kluger Vorschlag, die Kamele auf dieser Vorrichtung an dem Felsen vorbeizuziehen, wenn das Eis nicht stark genug sein sollte, daß sie darauf gehen könnten.
Der Sturm heulte an den Wänden und durch die Büsche und sauste wie in einem nordischen Walde. Das Eis nahm an Stärke zu; auf einer Stelle, die man vormittags nur mit großer Vorsicht hatte passieren können, standen jetzt drei Mann nebeneinander. Jetzt sollte auch die Fähre probiert werden. Sie wurde mit so vielen Männern, als dem Gewichte eines Kamels entsprachen, belastet und von einigen um das Vorgebirge herumgezogen ([Abb. 306]). Sobald es anfing zu knacken, sprang der Lama ab, dann ich, darauf Tokta Ahun, je nachdem das Eis schwächer wurde. Jeder neue Deserteur rief unter den sitzenbleibenden Helden die größte Heiterkeit hervor. Das Eis ist kristallhell, ohne eine Blase. Man scheint über einer stillen Wasserfläche zu schweben, und durch die Eisdecke sieht man Fische zwischen den Wasserpflanzen hin und her huschen. Manchmal klingt es, als würden auf dem Eise Schüsse abgefeuert, und man glaubt, die Kugeln pfeifen und den immer schwächer werdenden, ersterbenden Schall in der Ferne verhallen zu hören.
Wir mußten noch den folgenden Tag warten, um dem Eise Zeit zum Stärkerwerden zu lassen. Mit großem Interesse wurde das Thermometer beobachtet. Nachts zeigte es −19,1 Grad, am 5. morgens um 7 Uhr −11,1 Grad, um 1 Uhr −5,1 Grad, um 9 Uhr −8,9 Grad und in der nächsten Nacht −20,9 Grad. Ich stand eine Stunde vor Sonnenaufgang auf, um eine astronomische Ortsbestimmung zu machen. Sodann wurde unser ganzes Gepäck, außer meinen Sachen und der Küche, auf dem Schlitten nach dem jenseits des hinderlichen Vorgebirges liegenden Ufer gebracht ([Abb. 307]). Das Eis war 2 Zentimeter dicker geworden. Auch die Tibeter siedelten dorthin über, zogen jedoch den gefährlichen Felsenpfad vor, wo sie indessen die Yake vorsichtig treiben mußten, damit diese einander nicht in den Abgrund drängten. Diese Tiere gehen mit unglaublicher Sicherheit; sie können wohl ausgleiten, verlieren aber nie den Boden unter den Füßen ([Abb. 308]).
Währenddessen lotete Tschernoff im See, und mit Benutzung seiner Waken maß ich nachher die in verschiedenen Tiefen herrschenden Temperaturen. Die Untersuchung ergab, daß in der Nähe des Südufers warme Quellen vom Seegrunde aufsteigen müssen. Die größte Tiefe war 21,55 Meter. Die Exkursion wurde in einer Boothälfte gemacht, die Ördek und Chodai Kullu zogen. Letzterer brach schließlich ein, hielt sich aber noch im letzten Augenblick am Bootrande fest.
Noch ein Kamel blieb am 6. Dezember am Ufer des „Blauen Sees“ liegen. Wir hatten jetzt nur noch zehn. Alle Muselmänner müssen zu Fuß gehen, aber die Tagemärsche sind auch nur kurz.