Auf dem Eise um das hinderliche Vorgebirge herum wurden 28 Säcke Sand ausgestreut, um für die Kamele einen Fußweg zu bilden. Ihre Überführung fand vor Sonnenaufgang statt, damit nicht unter der Einwirkung der Sonne das jetzt 9,9 Zentimeter dicke Eis schwächer würde. Alles ging glücklich, nur aus einigen Rissen quoll Wasser heraus. Das zurückgebliebene Gepäck wurde auf den Schlitten genommen; dann zogen wir nach Westen weiter, um gefährliche Landspitzen herum, über kleine Flugsandfelder hinweg und an regelmäßig abgerundeten Buchten entlang. Ich ging den ganzen Tag zu Fuß, denn mein Pferd war jetzt auch schwach geworden. Der See ist hier vollständig eisfrei; er friert augenscheinlich von Osten nach Westen zu ([Abb. 309]).
Jetzt verschmälerte sich der Tso-ngombo wieder und ging schließlich in den Fluß Adschi-tsonjak über, der das süße Wasser des ersteren dem salzigen Panggong-tso zuführt. Wir lagerten am Anfange des Flusses, und zwar auf seinem rechten, nördlichen Ufer. Wir hatten den großen, außerordentlich fesselnden See mit seinen hinreißenden Perspektiven hinter uns. Besonders an windstillen Tagen und Abenden bietet die großartige Natur mit ihren gigantischen Dimensionen und ihrer vollendeten, fast märchenhaften Schönheit ein unvergeßliches Schauspiel. Die steilen Felsen treten wie Kulissen aus dem Ufer heraus, und die gewaltigen Berggestalten spiegeln sich in der blanken Wasserfläche oder dem ebenso reinen, blendenden, glitzernden Eise.
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Vom Panggong-tso nach Leh.
Dem Lager Nr. 144, das gerade hundert Tagereisen vom großen Hauptquartier lag, fehlte es ebenfalls nicht an Bedeutung. Hier sollten wir, wie man uns gesagt hatte, neue Yake aus Ladak bekommen; da diese aber noch nicht da waren und die Tibeter nach Hause zurückkehren wollten, mußten wir aufpassen, daß sie uns nicht durchbrannten. Drei Rasttage zwischen den beiden Seen sollten den Kamelen wohltun und auch meinen Arbeiten förderlich sein.
Am 7. Dezember tobte ein grauenhafter Sturm, und Wolken von Sand regneten auf uns herab. Tschernoff, der den westlichen Teil des Sees auf vier Linien lotete (Maximaltiefe 31,76 Meter), konnte sich kaum ans Land retten. Am 9. sollten wir aufbrechen, aber es stellte sich heraus, daß alle Yake durchgebrannt waren und ein neuer Sturm alle ihre Spuren im Sande verwischt hatte. Nach vielem Suchen fanden wir sie schließlich wieder, doch erst, als der Tag zur Neige ging. Ihr Führer, Loppsen, erklärte sich bereit, mit uns längs des Nordufers des Panggong-tso weiterzuziehen und bei uns zu bleiben, bis wir aus Ladak Entsatz erhielten. Es war hohe Zeit, daß wir Verstärkung bekamen; unsere Vorräte an Reis, Mehl und Talkan waren seit mehreren Tagen zu Ende, und wir lebten ausschließlich von Fleisch. In einem benachbarten Zeltdorfe erstanden wir sieben Schafe. Dort waren einige Hunde, mit denen sich Jolldasch sehr anfreundete. Daß er Prügel bekam, wenn er auskniff, machte ihm jetzt keinen Eindruck mehr; wenn er nicht fortlaufen sollte, mußte er angebunden werden. Bei dem Lager wurde die höchste noch sichtbare Terrasse gemessen; sie lag 54 Meter über dem Flusse! Die beiden Seen haben einstmals entschieden zusammengehangen und befinden sich, gleich allen anderen Seen Tibets, im Zustande der Austrocknung.
311. Gulang Hiraman, der Gesandte des Statthalters von Ladak, mit seinem Gefolge. ([S. 344].)
312. Gulang Hiraman auf seinem Pony. ([S. 344].)
Rechts Chodai Kullu mit Malenki und Maltschik.