Am 10. Dezember zog die Karawane am nördlichen Ufer des Panggong-tso weiter, während ich mit Ördek den Flußarm hinabruderte. Die Temperatur war auf −25,7 Grad heruntergegangen; es mußte an warmen Quellen liegen, daß das Wasser nicht gefroren war. Der Fluß erweitert sich nach unten; in einer Biegung lag eine Nacht altes Eis, dünn wie Papier, aber trotzdem hinderlich für das Boot. Weiter abwärts war der Eisgürtel so stark, daß er, als wir ihn zur Abkürzung des Weges benutzten, sowohl uns wie das Boot trug. Doch schließlich legte uns das Eis ein unüberwindliches Hindernis in den Weg; wir schleppten das Boot nach der weiten trompetenförmigen Mündung, die an den Ausfluß des Satschu-sangpo in den Selling-tso erinnert. Hier erwartete man uns mit einem Kamele, auf welches das Boot geladen wurde.

Wir begaben uns nach dem Gebirge im Norden, das aus grünem Schiefer besteht und an dessen Basis mehrere Quellen entspringen. Der See liegt offen vor uns, nur in ruhigen Buchten schaukelt auf der Dünung eine dünne Eisschicht. Die Gestalt des Ufers ist genau dieselbe wie beim Tso-ngombo; es ist noch immer dasselbe Längental, in dem wir ziehen, und wir marschieren immer noch auf derselben absoluten Höhe, oder, wie das langsame Strömen des Flusses zeigt, nur eine Kleinigkeit tiefer. Dieselben Bergarme laufen in Vorgebirge aus, und zwischen diesen liegen dieselben kleinen, dreieckigen oder halbmondförmigen Talflächen, auf denen die Buschvegetation immer mehr abnimmt. Überall, wo Schuttkegel steil in den See fallen, sind die aus dem Wasser schauenden Steine mit einer Kruste von weißem, blasigem Eise überzogen. Der See ist aufgeregt, die Wogen schlagen gegen das Ufer, und das Spritzwasser gefriert sofort auf den vom Nachtfrost durchkälteten Steinblöcken. Auf einer flachen Halbinsel namens Siriap, wo das Gebüsch noch in Menge wuchs, fanden wir die Unsrigen im besten Wohlsein vor ([Abb. 310]).

11. Dezember. Das Wetter war heute so schön und windstill, daß ich meinen beiden besten Seeleuten, Tschernoff und Ördek, den Auftrag geben konnte, über den Panggong-tso nach einem Vorgebirge im Südwesten zu rudern, um die Tiefen zu messen. Sie nahmen für den Fall, daß sie das nächste Lager vor Eintritt der Dunkelheit nicht mehr erreichten, Proviant für einen Tag mit. Wir zogen längs dieser eigentümlichen, girlandenförmigen Uferlinie, welche die Länge des Weges beinahe verdoppelt, nach Westen weiter. Bei jedem Ausläufer von dem Hauptkamme der nördlichen Kette entsteht eine in den See vorspringende Halbinsel oder ein Vorgebirge. Auf der Ostseite gehen wir nach Süden, auf der Westseite nach Norden, ja, manchmal müssen wir sogar nach Nordost und Südost marschieren. Einige Stellen sind für die Kamele sehr beschwerlich und müssen erst mit Spaten und Brechstangen bearbeitet werden. An einer Stelle ist der Weg auf der Uferterrasse so schmal, daß nur Schafe dort durchkommen können; glücklicherweise war der See hier nicht zu tief, so daß die Kamele im Wasser gehen konnten.

Bei dem heutigen Lagerplatze gab es nur einen Brunnen, dessen Wasser nicht viel besser als dasjenige des Sees war, weshalb wir es vorzogen, Eisschollen von den Ufersteinen loszubrechen. In der Dämmerung stellte sich heraus, daß die Kamele zurückgelaufen waren. Auf der schmalen Uferterrasse waren sie aber stehengeblieben; sie mußten ganz vergessen haben, daß sie hier eine Strecke im Wasser gegangen waren. Sie sehnten sich nach den schönen Weideplätzen am Tso-ngombo zurück. Nachher wurden sie festgebunden und mit Gerste traktiert, die wir in reichlicher Menge mit hatten und die von den Yaken getragen wurde. Im Süden war auf dem andern Ufer Tschernoffs Feuer zu sehen. Ein Felsen gewährte uns Schutz, aber man hörte an dem Rauschen des Sees, daß ein heftiger Wind ging; die Wellen schlugen mit solchem Getöse an das Ufer, daß die Kosaken mich nicht hörten, als ich sie rief.

Am 12. Dezember lag die ganze Gegend in undurchdringlichen Schneesturm gehüllt da, und vom Südufer war keine Spur zu sehen. Die Temperatur war nicht unter −7,5 Grad heruntergegangen. Starker Seegang herrschte, denn in diesem Längentale wird der Wind wie in eine Rinne eingepreßt und fegt ungehindert über den See hin. Im Laufe des Tages sahen wir jedoch zu unserer Freude, daß die Jolle noch auf derselben Stelle lag und die Ruderer sich nicht auf waghalsige Abenteuer begeben hatten.

Unser Tagemarsch war nicht lang, aber beschwerlicher als alle andern, die wir bisher am Nordufer dieses endlosen Seenzwillingspaares zurückgelegt hatten. Ein mächtiger, nach Süden zeigender Felsausläufer fällt mit senkrechten Wänden in den See; über seinen Kamm führt ein Pfad, der von den Karawanen benutzt wird. Aber für Kamele ist er nicht bestimmt. Eine Weile rasteten wir am Fuße des Berges, während Sirkin das Ufer, das zu überschreiten sogar für Menschen, auch wenn sie kletterten, unmöglich war, untersuchte und Schagdur nach dem Kamme hinaufritt. Er erklärte ihn für grauenhaft, aber vielleicht passierbar. Die Yakkarawane kletterte mit großer Sicherheit hinauf. Als sie den Kamm erreicht hatte, wurden fünfzehn Yake abgeladen, die meine Kisten, alle Zelte und allerlei sonstige Sachen holen mußten, womit sie den Weg nach dem Lager auf der andern Seite fortsetzten, während sie den Rest nachts abholten.

Unterdessen stellten wir mit Spaten und Brechstangen einen Zickzackweg für die Kamele her, die außerordentlich langsam einzeln hinaufgeführt und geschoben wurden; es dauerte stundenlang, obgleich die relative Höhe keine 200 Meter betrug. Von dem Passe, auf dem eine kleine, mit Fähnchen geschmückte Steinpyramide steht, haben wir eine entzückende Aussicht über den ganzen Panggong-tso und im Süden auf die schneebedeckte Welt von Bergen, die eine Grenzmauer bilden, hinter welcher das Flußgebiet des Indus liegt. Doch wir blieben keine Minute länger droben, als unumgänglich nötig war. Ein durch Mark und Bein dringender Westwind sauste über den Paß hin. Man mußte breitbeinig stehen, wenn man nicht umgeweht werden wollte, und wenn man seine Aufzeichnungen macht, muß man dem Winde den Rücken kehren und sich sputen, damit man fertig wird, ehe einem die Hände vor Kälte steif sind. Dann eilt man abwärts in der Hoffnung, hinter einem Vorsprunge Schutz zu finden, sieht sich aber enttäuscht, denn der ganze Westabhang ist dem Sturme ausgesetzt. Und was für ein Abstieg! Manchmal muß ich kriechen und mich mit den Händen halten, um nicht in den Abgrund zu stürzen. Turdu Bai war mit zwei Kamelen vorausgegangen. Ich begegnete ihm jetzt; ganz ratlos war er umgekehrt. Nach langem Suchen fanden wir jedoch eine Stelle, wo man einen Weg herstellen konnte. Dies erforderte aber lange Zeit und ließ sich heute nicht mehr fertigbringen. Es dämmerte schon, und Turdu Bai und einige der andern mußten die Nacht über mit allen Kamelen auf halber Höhe des Berges bleiben. Im Lager war jedoch alles in Ordnung, und früh am nächsten Morgen trafen auch die Kamele dort ein.

Am folgenden Tag ging es an diesem endlosen Ufer weiter. Die Yake waren weit voraus, sie sehnten sich nach Gras. Die Ruderer konnten nicht wieder nach unserem Ufer zurückkehren, aber wir sahen sie durch das Fernglas und brauchten ihretwegen nicht besorgt zu sein. In dem Lager Serdse, das auf der Grenze zwischen Tibet und Kaschmir liegt, erwartete uns eine große, freudige Überraschung. Hier trafen wir die Entsatzkarawane, die uns auf Befehl des Wesir Wesarat, des Statthalters des Maharadscha von Kaschmir in Ladak, entgegengeschickt worden war. Sie war zuerst nach Mann gegangen, einem Dorfe auf dem Südufer des Sees, Serdse gegenüber. Als wir dort nicht erschienen waren, war sie umgekehrt, um uns auf dem Nordufer zu suchen. Unsere Lage veränderte sich mit einem Schlage; 12 Pferde und 30 Yake standen uns zur Verfügung; Schafe, Mehl, Reis, Dörrobst, Milch, Zucker, Gerste für unsere Tiere; konnte man mehr verlangen? Meine Karawane, mit der es Matthäi am letzten war, wurde auf einmal restauriert. Wir brauchten uns nicht länger Entbehrungen aufzuerlegen, die lange Leidenszeit war jetzt vorbei, und ich selbst empfand die Unterstützung wie einen warmen Hauch von Indien, wie einen Gruß aus gastfreundlichen Gegenden, ja, wie eine Umarmung von meinem eigenen Heim.

Führer dieser neuen Karawane waren zwei Männer aus Ladak: Anmar Dschu, der fließend Persisch sprach und mit dem ich mich daher unterhalten konnte, und Gulang Hiraman, ein klassischer, gemütlicher Herr, der vor eitel Wohlwollen glänzte; die übrigen Leute waren ebenfalls Ladakis, nur einer war ein Hindu ([Abb. 311], [312]). Die letzten Tibeter erhielten jetzt ihren Abschied und gute Bezahlung, sowie alles, was wir an „altem Gerümpel“, Kasserollen, Tassen, Kannen und Kleidern entbehren konnten, ja sogar einen Revolver. Nicht ohne Wehmut sah ich sie fortziehen, denn sie hatten uns auf vortreffliche Weise gedient, waren ehrlich und freundlich gewesen und hatten unsertwegen viel Arbeit und Mühe gehabt. Jetzt sollte die Schlinge, die mich so lange an Tibet gefesselt hatte, zerrissen werden. Alle unsere Erinnerungen an seine unwirtlichen Täler, alle unsere Verluste und Leiden würden künftig in versöhnendem Lichte vor unserem geistigen Auge stehen. Die harten Schicksale und Schwierigkeiten, die wir zu bekämpfen und zu besiegen gehabt hatten, würden wir mit der Zeit vergessen. Die Erinnerung haftet mit Vorliebe an den fröhlichen Ereignissen, und das Böse, das uns trifft, erscheint nicht mehr so schlimm, wenn die zeitliche und räumliche Entfernung zunimmt. Als die Sonne an diesem Abend unterging und die dunkle Nacht im Osten heraufzog, schien sie mir das Land des Dalai-Lama mit all seinen Geheimnissen und seinen noch ungelösten Rätseln verschlungen zu haben. Doch in meinen Brieftaschen und Tagebüchern barg ich einen Schatz, der die Bitterkeit des Abschieds milderte und der über bisher noch völlig unbekannte Gegenden Tibets Licht verbreiten sollte.

Die Führer der Entsatzkarawane überraschten mich dadurch, daß sie mir jeder eine Silberrupie schenkten. Trotz der etwas lächerlichen Situation begriff ich, daß das Geschenk freundlich gemeint war, und steckte das Geld in die Tasche — in der Absicht, es mit Zinsen zurückzugeben.