Wir lagerten zusammen an der Quelle, die unmittelbar am Ufer Blasen werfend aus der Erde sprudelte und +16,2 Grad Temperatur bei −6 Grad Lufttemperatur hatte; das Wasser dampfte und fühlte sich lauwarm an. Tausend Fragen über die Verhältnisse in Ladak, Kaschmir und Indien kreuzten einander, und es wurde spät, ehe wir uns schlafen legten. Auf einer vorspringenden Landspitze wurde als Signal für Tschernoff ein gewaltiges Feuer unterhalten. Am folgenden Tage kam er gesund und munter an, nachdem er zwei Linien gelotet und eine Maximaltiefe von 47,5 Meter gefunden hatte. Nach Leh, wohin wir noch acht Tagereisen haben sollten, schickte ich Briefe durch einen besonderen Kurier.
313. Musikanten und Tänzer in Drugub. ([S. 346].)
314. Lager vom 16. Dezember. ([S. 346].)
315. Kloster Dschowa. ([S. 346].)
Bevor ich jetzt zum 15. Dezember übergehe, muß ich erzählen, was aus Jolldasch wurde, meinem Hunde aus Osch, der die ganze Zeit über mein Zeltkamerad gewesen war. Er brachte die Nacht wie gewöhnlich auf den Filzdecken zu meinen Füßen zu; bei Sonnenaufgang sprang er auf, schüttelte sich und lief hinaus. Er pflegte bis zum Aufbrechen der Karawane vor dem Zelte in der Sonne zu liegen. Diesmal aber lief er über die Berge nach Osten und kam nicht wieder. Chodai Kullu sah ihn in rasender Eile längs der gestrigen Spur zurücklaufen, als sei er von der Sonne hypnotisiert oder habe alle Mächte der Finsternis hinter sich. Daß er in dem Zeltdorfe zwischen den Seen intime Bekanntschaften gemacht hatte, wußten wir, und es mußte ihm dort wohl besser gefallen haben als in unserer Gesellschaft. Ich hatte ihn während zweier Tagereisen angebunden, dann aber durfte er wieder frei im Lager umherlaufen und während des Ruhetages in Serdse spielte er seine Rolle vorzüglich. Er dachte gewiß: „Ich werde nicht eher durchbrennen, als bis die Entfernung so groß ist, daß sie es nicht der Mühe wert halten, mich zurückzuholen.“ Er hatte 50 Kilometer am Ufer des Panggong-tso zurückzulegen, um zu seiner Liebsten zu gelangen. Es wäre interessant zu wissen, wie es ihm auf der Flucht ergangen und ob er den Wölfen, die sicherlich unsere toten Kamele besucht hatten, glücklich entronnen ist. Ja, es wäre mir eine Freude zu wissen, wie es meinem alten Reisegefährten jetzt geht. Er ist natürlich ein Vollbluttibeter geworden; er konnte sich von diesem Lande nicht losreißen, sondern kehrte gerade an der Grenze wieder um. Ich möchte wohl wissen, ob er mich und all die Liebe, mit der ich ihn zwei und ein halbes Jahr behandelt habe, ganz vergessen hat? Mir fehlte er überall, aber in der Karawane war er Gegenstand allgemeiner Verachtung; alle fanden, daß er ein feiger, undankbarer Überläufer sei.
Die Karawane ging jetzt einen nördlicheren Weg, während ich mit Anmar Dschu, Tschernoff und dem Lama auf einem halsbrecherischen Pfade mit mehreren schwierigen Pässen am See entlang nach der nächsten Quelle zog. Als die anderen schließlich auch dort ankamen, brachten sie nur neun Kamele mit; welch ein Jammer, daß jetzt noch ein letztes sterben mußte, da wir nun Stroh und Gerste in Menge hatten und die lange Ruhe an gefüllten Krippen so bald zu erwarten war!
Nachts schneite es endlich tüchtig, und am 16. ritten wir durch eine blendend weiße Winterlandschaft. Von dem Passe oberhalb des Lagers lag der See unter uns wie in einer tiefen Grube, wie ein Graben zwischen schneebedeckten Bergen. Ich machte einige photographische Aufnahmen, aber es war hübsch kalt für die Finger, bei −10 Grad und Wind mit der Kamera zu hantieren; es mußte ein kleines Feuer angezündet werden, damit ich mich ab und zu wärmen konnte. Und nun verlassen wir den Panggong-tso, diesen großartigen, reizenden See, reiten über seine westliche, dünenreiche Sandsteppe, ziehen langsam ein im Südwesten mündendes Tal hinauf und gelangen auf eine kleine Schwelle, die mit zwei Steinkisten von prächtigen „Mani“-Platten mit flatternden Wimpeln geschmückt ist. Diese kleine Schwelle lag in einer Höhe von wenig mehr als 20 Meter, also nur 2 Millimeter Luftdruckunterschied, über dem See. Von dort ging es ein energisch ausgemeißeltes, mit Schutt und Blöcken angefülltes Tal hinab, wo wir am Ufer eines kleinen zugefrorenen Sees, zirka 60 Meter unter dem Spiegel des Sees, lagerten ([Abb. 314]). Wir hatten das Flußgebiet des Indus erreicht, und die Wassertropfen, die diesem Tale entsprangen, werden sich dereinst nach tausend Kämpfen in dem Indischen Ozean verlieren. Zweieinhalb Jahre hatten wir uns in abflußlosen Zentralbecken im innersten Asien bewegt, jetzt waren wir wieder in Gegenden, die Abfluß nach dem Meere besaßen. Es war ein befreiendes, erquickendes Gefühl, dies zu wissen; wir entfernen uns jetzt allmählich von dem höchsten Gebirgslande der Erde.