Die erwähnte Schwelle ist von großem Interesse, wenn man sie mit den alten Uferlinien vergleicht, die 54 Meter über dem Panggong-tso liegen. Der See hat einst einen Abfluß nach dem Indus gehabt, ist aber später, aus klimatischen Veranlassungen, von diesem Flußgebiete abgeschnürt worden. Infolgedessen ist er salzig geworden, und die Süßwassermollusken sind ausgestorben.
Am 17. nahm ich Abschied von der Karawane, um nach Leh vorauszueilen. Es war noch stockfinster, als wir aufstanden, aber die munteren Ladakpferde waren bereits gesattelt. Anmar Dschu, Tschernoff und Tscherdon begleiteten mich; das Gepäck trugen drei Pferde, die von einigen Fußgängern getrieben wurden. So sprengten wir in raschem Tempo fort. Wir mußten ungefähr 40 Kilometer täglich zurücklegen, um in 4 Tagen Leh zu erreichen, damit ich noch ein Telegramm zum heiligen Abend nach Hause senden konnte. Es ging jetzt schnell talabwärts. Gehöfte und bebaute Felder begannen aufzutreten. Bei Tanksi, wo wir andere Pferde erhielten, erhebt sich malerisch auf einem isolierten Felsen das Kloster Dschowa ([Abb. 315]). Nachdem es von der Ebene aus photographiert worden war, ritten wir weiter nach Drugub (3919 Meter), dem ersten Nachtlager, wo eine ganze Musikantentruppe mit Trommeln und Flöten und vorgebundenen Masken zu unserer Ehre auf dem Hofe tanzte ([Abb. 313]). Es kam mir ganz eigentümlich vor, wieder in einem Hause zu schlafen!
Die nächste Tagereise führte bergauf nach immer höherwerdenden Regionen, denn wir mußten über den schwierigen Paß Tschang-la, der sonst um diese Jahreszeit durch Schnee versperrt ist, in diesem Jahre aber passierbar war. Der Anstieg ist schwer, alles grau in grau, Block neben Block. Es dauerte mehrere Stunden, bis wir den Kamm erreichten, auf dem wir uns wieder in einer Höhe von 5386 Meter befanden. Der Abstieg ist noch viel steiler. Zwischen Millionen von Granitblöcken zieht sich der abschüssige Zickzackpfad ins Tal hinunter, und es war schon pechschwarze Nacht, als wir die Steinhütten von Taggar erreichten.
Wie seltsam und merkwürdig war es für uns, wieder überall Menschen zu treffen, Dorf auf Dorf hinter uns verschwinden und die mit Steinmauern umfriedigten Ackerfelder immer größer und zahlreicher werden zu sehen. Tempel thronen auf den Felsen, und der Wind flüstert in Pappeln und Weiden. Die Kosaken betrachteten mich jetzt mit einer gewissen Bewunderung; es imponierte ihnen sichtlich, daß ich den Weg hierher gefunden hatte und von diesen Eingeborenen, von deren Dasein sie bisher noch nie Kunde erhalten hatten, so freundlich aufgenommen wurden. Und immerfort ging es hinunter in tieferliegende Gegenden, in dichtere Luftschichten, mildere Temperatur. Die Steinkisten, jene seltsamen Opferaltäre, gegen welche die Obo der Mongolen Kleinigkeiten sind, nahmen an Zahl und Größe zu. Eine solche, die 1½ Meter hoch und 3 Meter breit war, maß in der Länge nicht weniger als 260 Meter, und ihre ganze, auf beiden Seiten von einem Erdrücken abfallende Fläche war voller Steinplatten, in welche „Om mani padme hum“ mit unglaublicher Mühe eingehauen war. Es muß eine lange Zeit dauern, ehe ein solches Werk zur Ehre der Götter fertig wird. Die Lamas, die den ewigen Denkspruch mit unerschütterlicher Geduld in den Stein graben, trösten sich wohl mit dem Gedanken: wenn wir verstummt sind, werden die Steine reden. Das Tempelkloster Dschimre liegt wundervoll auf einem Felsen, und das Dorf am Fuße desselben ist groß und reich. Nach einer weiteren Reihe von Dörfern gelangen wir an den Indus, der in einem tief eingeschnittenen, gewundenen Bette fließt. Sein klares, grünes, Stromschnellen bildendes Wasser rauscht wie in einem 50 Meter tiefen Graben dahin. An der Flußbiegung läuft eine 3 Meter hohe, 9 Meter breite und 416 Meter, also fast einen halben Kilometer lange „Mani“-Kiste entlang; verrückte Menschen, welch nutzlose Arbeit! Man erstaunt immer mehr, je größer die Kisten werden; in einer Reihe aufgestellt, würden sie eine kleine chinesische Mauer geben.
Hier an der Flußbiegung kam mir Mirsa Muhammed entgegen, der Naib oder Sekretär des Täsildars (eingeborener Distriktschef) von Leh. Er war ein sehr liebenswürdiger, angenehmer Mensch, der fließend Persisch sprach und mir später viele unschätzbare Dienste leisten sollte. Wir ritten auf dem rechten Indusufer durch das breite, gewaltige Tal westwärts nach der Posthalterei von Tikkse, wo es in einem Zimmer einen eisernen Ofen gab. Über dem Dorfe thront erhaben über allen Erdenlärm das Kloster Tikkse-gompa ([Abb. 316], [317]). Die Mönche, 40–50 an der Zahl, hatten die Freundlichkeit, fragen zu lassen, ob ich nicht lieber bei ihnen wohnen wolle; aber wir hatten es dort unten gut, und erst am nächsten Morgen machte ich ihnen einen Besuch. Von den Terrassen und Altanen ihrer für den Pinsel eines Malers so verlockenden Freistatt hatte man eine entzückende, überwältigende Aussicht über das gigantische Industal ([Abb. 318]).
Während des Rittes nach Tikkse waren uns drei Boten entgegengekommen; einer von ihnen war eine Frau. Sie trugen ihre Botschaft um das Ende eines Stöckchens gewickelt. Der eine brachte mir ein Telegramm von dem jetzt in Sialkut wohnenden englischen Residenten von Kaschmir: „Warmest congratulations on safe arrival, message sent to His Excellency Viceroy, trust arrangements made satisfactory“. (Wärmste Glückwünsche zur glücklichen Ankunft; habe Se. Exzellenz den Vizekönig benachrichtigt; hoffe, daß die getroffenen Anordnungen zufriedenstellend sind.)
Von dem Augenblick an, da ich den Fuß auf britisches Gebiet setzte, wurde ich täglich mit Gastfreundschaft und Artigkeit überhäuft. Als wir am 20. Dezember müde und bestaubt in Leh, der 4000 Einwohner zählenden Hauptstadt von Ladak ([Abb. 319]), eintrafen, kam mir ihr Täsildar entgegen, ein fließend Englisch sprechender, bis auf den hohen, faltigen, weißen Turban europäisch gekleideter, ungewöhnlich distinguiert aussehender Hindu namens Jettumal. Er hieß mich auf dem Gebiete des Maharadscha willkommen und überreichte mir ein artiges Telegramm vom Wesir Wesarat. Wir ritten zuerst nach dem „Dak-bungalow“ (Gasthaus, Hotel), das die in Leh weilenden Engländer zu besuchen pflegen. Dieses Haus war in jeder Beziehung elegant und gemütlich; dennoch zog ich es vor, in Mirsa Muhammeds Hause zu wohnen, das früher Missionar Webers Kirche gewesen war, in welchem auch die Kosaken zwei Zimmer bekommen konnten und wo die Karawane auf einem großen Hofe reichlich Platz für Menschen und Tiere fand. Hier wurde für mich ein vortreffliches Zimmer mit Ofen, Teppich, Bett, Tisch und Stühlen eingerichtet, und hierher brachte Jettumal meine gewaltige Post. Seit elf Monaten hatte ich kein Wort von Europa gehört und wußte nicht, wie es zu Hause stand; man kann sich also denken, mit welcher Unruhe ich die Post mit allen ihren Neuigkeiten öffnete. Ich erbrach zuerst die letzten Briefe, und nachdem ich mich überzeugt hatte, daß alle meine Angehörigen noch lebten und gesund waren, konnte ich die Briefe mit Ruhe in chronologischer Reihenfolge durchgehen. Ich legte mich auf das schöne Bett und las die ganze Nacht hindurch, und die Sonne stand am 21. schon hoch am Himmel, als ich zur Ruhe ging. Tief schmerzte mich die Nachricht von Nordenskiölds Tod.
Schon bei meiner Ankunft hatte Jettumal von „King Edward“ gesprochen. Ich war erstaunt, hatte ich doch den Namen nie gehört; ich wußte nicht, daß Königin Viktoria vor beinahe einem Jahre gestorben war!
316. Tempelhof in Tikkse. ([S. 347].)