Nun wurde beschlossen, nach dieser Quelle zu ziehen, die ein geeigneterer, näherer Stützpunkt für die bevorstehenden Operationen gegen die Ruinen in der Wüste sein mußte. Sieben mit Eis gefüllte Tagare wurden wieder geleert, um die Kamele mit unnötigen Lasten zu verschonen.

Am 1. März sollte also Chodai Kullu seinen Ehrentag haben und uns den Weg nach der von ihm entdeckten Quelle zeigen. Er marschierte ganz selbstbewußt an der Spitze der Karawane unter fröhlichem Singen und mit einer so befriedigten Miene, als sei er Alleinherrscher über alle diese Wüsten und Oasen und ihre Bewohner, die wilden Kamele. Wir folgten seinen Schritten.

Der Weg führte nach Südwesten und Süden. Rasch haben wir die Oase vor uns ([Abb. 199]). Sie liegt so gut im Terrain versteckt, daß es unmöglich sein würde, sie zu finden, wenn man sie nicht kennte oder wie Chodai Kullu durch reinen Zufall dorthin geriet.

Während wir auf die anderen warteten, nahmen wir das erlegte Kamel genauer in Augenschein ([Abb. 200], [201]). Es lag in ganz natürlicher Stellung an dem Punkte, bis zu dem es noch hatte fliehen können, nachdem die heimtückische Kugel sein friedliches Weiden unterbrochen hatte, etwa hundert Schritte jenseits der Kamischgrenze der Oase. Wie verwundete und erschreckte Kamele zu tun pflegen, hatte es sein Heil gerade nach Süden, der Wüste zu, gesucht. Es war ein fettes, schönes Männchen. Eine Menge Zecken, die sich in seinem Pelze eingenistet hatten, zogen sich, nachdem das Blut erstarrt war, ratlos von dem Kadaver zurück.

Als die Temperatur in der Mittagsstunde auf +15 Grad stieg, fingen diese greulichen Milben wieder an, sich zwischen Büschen und Grashalmen zu bewegen. Sie kriechen in großer Anzahl innerhalb der Grenzen der kleinen Oasen umher, und man kann sich kaum vor ihnen schützen. Sie werden von den wilden Kamelen von einer Oase nach der anderen getragen und machen, in den Pelzen jener hängend, alle Reisen kostenlos mit.

Das Wasser der neuentdeckten Quelle, das in mehreren „Augen“ aus einem ziemlich tiefen Bett sprudelte, hatte eine Temperatur von +1,7 Grad und spezifisches Gewicht von 1,0232. Es ist so salzig, daß unsere zahmen Kamele sich durchaus nicht bewegen ließen, es zu kosten, was auch überflüssig war, da sich durch die Sonnenwärme kleine Süßwasserlachen auf der Oberfläche der Eisscholle gebildet hatten. Doch die wilden Kamele müssen im Sommer hiermit vorliebnehmen, ja vielleicht ziehen diese Wüstentiere das salzige Wasser dem süßen geradezu vor.

Das Eis war dick und rein, und neun Tagare wurden damit gefüllt. Die Oase kam uns wirklich außerordentlich gut zustatten. Sie lag den Ruinen 12 Kilometer näher und lieferte gute Weide, so daß ich alle drei Pferde und drei kränkliche Kamele unter Chodai Värdis Aufsicht hier zurücklassen konnte, während wir nach Süden aufbrachen.

Was die Verproviantierung des Mannes betraf, so erhielt er von unseren außerordentlich knappen Vorräten nur — eine Schachtel Zündhölzer, einen kleinen Eisentopf und ein bißchen Tee. Wasser hatte er in Überfluß, Fleisch konnte er von dem erlegten Kamel nehmen, mit den Zündhölzern konnte er sich Feuer anmachen, um seinen Tee zu kochen und seine Schnitzel zu braten. Nur ein kleines Mißgeschick traf ihn, wie er später erzählte, in der Einsamkeit. Als er am ersten Morgen erwachte, fehlten alle drei Pferde. Aus ihren Spuren sah er, daß sie sich auf eigene Hand nach Altimisch-bulak zurückbegeben hatten, weil dort das Gras noch besser war. Er mußte daher dorthin wandern und sie wieder holen und sie nachher strenger bewachen.

Am 2. März brach ich mit den sieben Kamelen auf und nahm das ganze Gepäck und die neun Eissäcke mit. In gewisser Beziehung wäre es besser gewesen, der Marschroute des vorigen Jahres von Altimisch-bulak nach den Ruinen, die dann leichter zu finden gewesen wären, zu folgen; aber auch auf diesem neuen Wege mußten wir sie finden können, obwohl man sie nicht eher sieht, als bis man dicht vor ihnen ist. Drei alte Steinmale zeigten, daß die Menschen, die einst die Ruinengegend bevölkerten, die kleine Oase gekannt haben. Wahrscheinlich haben sich von hier aus Jäger in den Kurruk-tag begeben.

Es dauerte nicht lange, bis wir merkten, daß wir uns dem Nordufer des ausgetrockneten Sees näherten. Erst verrieten zahlreiche Scherben von Tongefäßen das ehemalige Vorhandensein von Menschen in diesem Lande, darauf traten tote Tamarisken auf Kegeln und Hügeln auf, sodann die borstenähnlichen Stoppeln alter Kamischfelder und schließlich Schneckenschalen, letztere hier und dort in außerordentlicher Menge.