So sind wir denn wieder in der von Stürmen durchfurchten Tonwüste. Ich eilte zu Fuß weit voraus. Es war glühend heiß, und ich rastete eine Stunde in dem Schatten der überhängenden Tonscheibe einer Jardang. Als die Karawane mich eingeholt hatte, eilte ich weiter, bis ich einen geeigneten Lagerplatz erreichte. Doch auch hier mußte ich so lange warten, daß ich fürchtete, die Leute hätten meine Spur verloren. Toter Wald war in Menge vorhanden, und ich unterhielt mich damit, einen kolossalen Scheiterhaufen aufzustapeln, den ich dann anzündete. Von der Rauchsäule geleitet, kam endlich die Karawane in guter Ordnung herangezogen.

Viertes Kapitel.
Die Ruinen am alten Lop-nor.

Am Morgen des 3. März war es ziemlich kalt. Nach dem Besteck mußten wir von der Stelle, an welcher wir im vorigen Jahre auf die Ruinen gestoßen waren, noch 14 Kilometer entfernt sein. Es handelte sich nun um das Wiederfinden jener alten Häuser, in denen Menschen zu einer Zeit gewohnt hatten, in der das Klima und die Natur dieser Gegend noch ganz anders waren als jetzt und die Wüste keine Wüste, sondern ein reich bewachsenes Gebiet am nördlichen Ufer des von den Wassermassen des Kum-darja gebildeten Sees war. Wir schritten langsam vorwärts, nach allen Seiten umherspähend, um nicht an dem wichtigen Punkte, der jetzt Gegenstand einer gründlichen Untersuchung werden sollte, vorüberzugehen.

Gleich links von unserem Wege fand Schagdur die Ruinen zweier Häuser. Das östliche bildete ein Quadrat von 6,5 Meter Seiten, und seine 1 Meter dicken Mauern waren aus gebrannten Ziegeln in quadratischen Platten ausgeführt. Das aus Holz gebaute westliche Haus war schon sehr mitgenommen, aber man konnte sehen, daß es 26 Meter lang und ebenso breit wie das östliche gewesen war. In dem letzteren fanden wir eine kleine Kanonenkugel, einen kupfernen Gegenstand, der genau die Form einer Ruderklammer hatte, einige chinesische Münzen und zwei rote irdene Tassen.

Eine Strecke weiter, als wir uns nach meiner Karte in der unmittelbaren Nachbarschaft des Fundortes vom vorigen Jahre befinden mußten, machten Faisullah und ich mit den Kamelen Halt, während die anderen zur Erkundung der Gegend ausgeschickt wurden. Sie blieben mehrere Stunden fort, und da es kurz vor Sonnenuntergang war, beschloß ich, am Fuße eines Lehmturmes, der sich eine Stunde östlich von unserem Rastplatze erhob, zu lagern. In der Dämmerung langten wir dort an und befreiten zu zweit die Kamele von ihren Lasten, worauf ich mit Hilfe eines Seiles und einer Axt den Turm bestieg. Er war um ein Gerippe von Balken, Reisig und Kamisch herumgebaut, so daß ich oben auf der Spitze ein Signalfeuer anzünden konnte.

Die Ausgeschickten kehrten jetzt gruppenweise zurück. Einige hatten ein von mehreren Hausruinen umgebenes hohes „Tora“ (Lehmturm) gefunden und empfahlen jenen Platz als Hauptquartier. Sie brachten als Beweis etwas Schrot, eine verrostete eiserne Kette, eine kupferne Lampe, Münzen, Scherben und einen Krug mit.

Bei Sonnenaufgang lenkten wir unsere Schritte nach dem neuen „Tora“ ([Abb. 202]) und lagerten unmittelbar im Südwesten davon, um Schutz von ihm zu haben, wenn sich ein Sturm erheben sollte. Unter einer nach Norden überhängenden Lehmterrasse wurden auf einigen Balken die Eissäcke aufgestapelt; dort war unser „Gletscher“, unser Eiskeller.

Nachdem die Kamele sich eine Weile ausgeruht hatten, sollten sie zu ihren Kameraden nach der Quelle zurückgeführt werden. Dieses verantwortungsvolle Geschäft wurde Li Loje anvertraut. Er sollte über Nacht an dem Punkte bleiben, wo das Terrain nach dem Gebirge anzusteigen beginnt. Soweit sollte der alte Faisullah mitgehen und dafür sorgen, daß der Jüngling in unsere Spur kam, dann aber schleunigst wieder zu uns zurückkehren. Li Loje hatte sich im übrigen an folgenden Befehl zu halten: er sollte in zwei Tagen nach der Quelle gehen, zwei Tage dort bleiben und schließlich mit der ganzen Karawane und einem großen Eisvorrat in weiteren zwei Tagen zurückkehren.

Als die Kamele zwischen den Jarterrassen verschwunden waren, war uns jegliche Transportmöglichkeit abgeschnitten. Unser Lager mußten sie jedoch leicht finden können. Der Turm war weithin sichtbar ([Abb. 205]), und am 9. März wollten wir auf seinen Zinnen ein Leuchtfeuer unterhalten. Nach ihrer Ankunft mußten wir sofort nach Süden weiterziehen, und es galt daher, die uns zur Verfügung stehenden sechs Tage nach Möglichkeit auszunutzen. Den ersten Tag benutzte ich zu einer astronomischen Bestimmung, während sämtliche Leute die Nachbarschaft abstreiften und sich erst am Abend mit ihren Berichten und Beobachtungen wieder einstellten.

Ich kam nur noch dazu, von der Spitze des Turmes ein paar Aufnahmen zu machen, die ich beigefügt habe (s. auch I, Abb. 86) und die einen deutlicheren Begriff von der Gegend geben als alle Beschreibungen. Im Vordergrund sieht man meine Jurte, die durch einige Balken vor dem Umfallen geschützt ist ([Abb. 203]). Im Hintergrund leuchtet die Wüste gelb und gleichförmig mit ihren scharfkantigen Tafeln und Jardangs von Lehm. Hier und dort erhebt sich ein mehr oder weniger von der Zeit zerstörtes Haus ([Abb. 204]); in seinem Inneren wohnen nur Stille und Tod. Die einzigen lebenden Wesen, die sich in Sehweite befanden, waren ich selbst und mein Hund Jolldasch.