Es ist so still und feierlich wie auf einem Friedhof, der bis an den Horizont reicht. Man fühlt, daß das Leben hier einst in frischen Schlägen pulsiert hat, aber durch erbarmungslose Naturkräfte vernichtet worden ist. Der frühere Wald hat den Stürmen freies Feld gelassen, und die Sterne blicken auf Vergänglichkeit und Öde herab.

Es war unser erster Tag in dieser Gegend, die ich noch nicht hatte rekognoszieren können; ich wußte aber, daß ich vor einem großen, herrlichen Probleme stand. Würde diese geizige Erde, die sicherlich viele Geheimnisse zu verbergen hatte, mich etwas wissen lassen, das keine anderen Menschen auf Erden wußten? Würde sie uns einige ihrer Schätze schenken und mir auf die zahllosen Fragen, die gerade hier auf mich einstürmten, Antwort geben? Nun gut, ich würde jedenfalls tun, was ich konnte, um die schweigenden Ruinen zum Sprechen zu bringen, und mit ganz leeren Händen würden wir wohl nicht abzuziehen brauchen, wenn die Glocken das nächste Mal am Fuße des „Turmes der Stille“ läuteten. Ich hatte meinen ganzen ursprünglichen Reiseplan geändert und war auf Grund der von Ördek im vorigen Jahr gemachten wichtigen Entdeckung hierher zurückgekehrt. Dieser große Zeitverlust würde doch wohl nicht vergeblich gewesen sein?

5. März. Nach einer langen, ruhigen Nacht in diesem eigentümlichen Lager, das der frischen Quelle, die wir vor kurzem verlassen hatten, so unähnlich war und in dem uns nur der Eisvorrat am Leben erhalten konnte, machte ich einen Morgenspaziergang zwischen den Ruinen, während meine Leute schon damit beschäftigt waren, aus allen Kräften zu graben. Sie hatten das Eingeweide eines Hauses auf- und umgewühlt, aber nichts weiter gefunden als das Rad einer Arba und einige hübsch gedrechselte Pilaster. Im übrigen barg der Sand nur wertlose Dinge, die jedoch auch nicht jeglicher Bedeutung ermangelten, da sie stets zur Erklärung der Lebensweise der ehemaligen Bewohner beitrugen. Darunter waren rote Zeugstücke von derselben Sorte, wie sie die mongolischen Lamas noch heute tragen, Filzlappen, Büschel von braunen Menschenhaaren, Skeletteile von Schafen und Rindern, chinesische Schuhsohlen, ein Bleigefäß, merkwürdig gut erhaltene Stricke, Scherben von einfach ornamentierten Tongefäßen, ein Ohrgehänge, chinesische Münzen usw. In einem Hause, das wahrscheinlich als Stall gedient hatte, wurde ein dickes Lager von Pferde-, Rinder-, Schaf- und Kameldung durchgraben. Nur der Umstand, daß dieses Lager unter einer Schicht von Sand und Staub gelegen hat, macht es erklärlich, daß es nicht pulverisiert und vom Winde fortgetragen worden ist. Doch keine Schrift, nicht ein Buchstabe, der uns das Rätsel hätte lösen können; nur ein kleiner unbeschriebener, gelber Papierfetzen wurde gefunden. Ganz dicht beim Lager erhoben sich die Balken eines Hauses, in dessen Innerem wir jedoch nichts fanden.

Die Verhältnisse sind in diesem alten Orte ganz anders als in den Städten, die ich auf meiner vorigen Reise am Kerija-darja entdeckte. Dort liegen die Ruinen durch Sand geschützt, hier aber ist das Erdreich nackt. Was hier zurückgelassen oder vergessen worden ist, als die Einwohner von hier fortzogen, hat unbedeckt auf der Oberfläche des Bodens gelegen und ist vom Wetter und von den Winden angefressen und zerstört worden. Nur im Schutze der kleinen, höchstens 3 Meter hohen Lehmterrassen hat sich eine dünne Sandschicht angehäuft.

Der Turm, die imponierendste Ruine des Ortes, lockte mich besonders an, und ich ließ die Leute ihn in Angriff nehmen ([Abb. 206]). Er konnte ja, gleich einem Hünengrab, ein Geheimnis in seinem Inneren bergen. Es war jedoch gefährlich, an ihm zu rühren. Ein großes Stück seiner Spitze mußte erst mit Stricken und Stangen abgerissen werden; es stürzte herunter wie ein donnernder Wasserfall, ganze Wolken von braunem Staub aufrührend, der von dem ziemlich starken Nordostwind über die Wüste fortgewirbelt wurde ([Abb. 207]).

Sodann wurde von oben ein senkrechtes Loch, einem Brunnen vergleichbar, gegraben; einen Tunnel von der Seite zu machen, wäre ein zu großes Wagestück gewesen, denn der Turm war voller gefährlicher Risse, und sein trockenes, loses Material hätte leicht einstürzen können. Der 8,8 Meter hohe Turm war jedoch massiv und wurde nur von horizontalen Balken durchzogen, die den an der Sonne getrockneten Ziegeln Halt gaben. Nur bis zu 3 Meter Höhe von der Basis haben diese eine rötliche Färbung, als seien sie leichtem Feuer ausgesetzt gewesen.

Unterdessen zeichnete ich einen genauen Plan von dem Dorfe, dessen Häuser in einer Reihe liegen und stets von ungefähr Südosten nach Nordwesten gerichtet sind.

Einige Häuser sind ausschließlich aus Holz gebaut gewesen, und die senkrechten Wandplanken sind in Balkenrahmen, die unmittelbar auf dem Erdboden liegen, eingefügt gewesen. Bei anderen bestehen die Wände aus Kamischgarben, die mit Weiden zwischen Stangen und Pfosten eingeflochten sind. Schließlich sind noch ein paar Häuser von an der Sonne getrocknetem Lehm vorhanden.

Die meisten dieser alten Wohnungen sind eingestürzt, aber viele Balken und Pfosten stehen noch aufrecht, obwohl ihnen Wind und Sand recht übel mitgespielt haben ([Abb. 208]). Aus dem Aussehen des Bauholzes auf das Alter zu schließen, ist unmöglich. Wohl sieht es sehr alt aus und ist grau-weiß, rissig und zerbrechlich wie Glas, andererseits aber sollte man meinen, daß Stürme, Flugsand und Unterschiede von 80–90 Grad zwischen der niedrigsten Nachttemperatur des Winters und der höchsten Tagestemperatur in der Sommersonne das Material in verhältnismäßig kurzer Zeit ziemlich arg ruinieren können.

Drei Türrahmen standen noch. In einem von ihnen war sogar noch die Tür selbst an ihrem Platze, weit offen, wie sie der letzte Eigentümer beim Aufbruch nach einem anderen Wohnorte gelassen hatte. Sie war bis zur Hälfte in Sand und Staub gebettet.