Sämtliche Gebäude erheben sich auf kleinen Hügeln; daß sie aber ursprünglich auf ebenem Boden errichtet worden sind, davon ist man schon beim ersten Anblick völlig überzeugt, denn die Plattform des Hügels hat ganz dieselbe Fläche wie der Grundriß des Hauses. Die Teile des Bodens ringsumher, die das Bauholz nicht schützte, sind vom Wind ausgehöhlt worden und bildeten Einsenkungen. Da wohl 3 Meter von der Oberschicht des Lehmbodens weggehobelt worden sind, kann man sich denken, daß ziemlich lange Zeiträume verflossen sein müssen, seit das Dorf verlassen worden ist.
Um Faisullah den Weg nach dem Lager zu zeigen, zündeten wir am Abend einen gewaltigen Scheiterhaufen an. An der Basis des Turmes lagen Massen von Balken und Pfosten, die ihrerzeit einen Rundbau um ihn herum gebildet zu haben scheinen. Aus ihnen wurde ein Scheiterhaufen von riesenhaften Dimensionen aufgetürmt, und es war ein in hohem Grade phantastischer, großartiger Anblick, den alten, grauen Turm in feuerroter Beleuchtung, die die Wirkungen des Mondscheins beinahe ganz aufhob, zu sehen. Einige Leute schürten das Feuer mit langen Stangen, die anderen saßen niedergekauert am Fuße des Turmes. Dicke Rauchwolken und ganze Feuerwerke von Funken flogen nach Südwesten. In einer klaren Nacht mußte ein solches Feuer schon in einer Entfernung von mehreren Tagereisen sichtbar sein. Faisullah wurde auch durch seinen Schein auf den richtigen Weg geführt, nachdem er Li Loje geholfen hatte, die Spur nach der Quelle zu finden.
6. März. Als ich heute aufwachte, waren alle meine fünf Männer verschwunden, und ich mußte sehen, wie ich mit dem Feueranmachen und dem Essenkochen fertig wurde. Wir waren nämlich übereingekommen, daß es am klügsten wäre, wenn wir den ganzen Tag zum Auskundschaften einer besseren Stelle benutzten.
Die Leute sollten radial, jeder in einer anderen Richtung, gehen. Es wurde eine förmliche Treibjagd auf Ruinen, und die Leute interessierten sich so sehr dafür, daß sie viel zu lange aufblieben und sich beim Feuer darüber unterhielten. Sie hatten den ganzen Tag vor sich, und wenn sie sich vor Dunkelwerden nicht wieder einstellten, sollte ich sie mit einem Signalfeuer zurückrufen, dessen Holzstoß sie vor dem Aufbrechen aufzuschichten hatten. Schagdur hatte ich eine detaillierte Marschroute gegeben, die angab, wo der vorjährige Lagerplatz lag und wo die von Ördek gefundenen Ruinen zu suchen sein mußten.
Sonntagsruhe umgab mich auf allen Seiten, als ich erwachte; ich mußte an das Leben in der Laubhütte am Chotan-darja, als die Hirten in den Wald gegangen waren, denken. Ich photographierte mehrere Partien der Dorfruinen, nahm eine Mittagshöhe, beendigte die Planaufnahme und untersuchte die verschiedenen Schichten der Tonablagerungen.
Es waren ihrer sechs von verschiedener Dicke. Auffallend ist, daß einige Schneckenschalen und Pflanzenreste enthalten, andere aber nicht, was verschiedene klimatische Verhältnisse während verschiedener Perioden anzeigt. Vielleicht haben sich die von organischem Leben freien Schichten in salzigem Wasser gebildet. Da sich im alten See Lop-nor Sedimente von 9,6 Meter Dicke haben absetzen können, liegt die Vermutung nahe, daß der Kara-koschun, auch wenn die Ablagerung dort viel unbedeutender ist, eines Tages wird nach Norden zurückwandern müssen. Noch immer ist es derselbe See, der in die Nivellierung des Landes eingreift, aber er führt ein Nomadenleben; bald liegt er im nördlichen, bald im südlichen Teile der Wüste.
Mein Tag verlief in der Einsamkeit still und ruhig. Am Abend kamen die Kundschafter, vom Feuerschein geführt, einer nach dem anderen wieder. Schagdur traf erst um 9 Uhr ein; er war den ganzen Tag auf den Beinen gewesen, die anderen hatten die heißen Stunden gewiß verschlafen. Die Lehmterrassen hatten ihn in der Dunkelheit viele Purzelbäume machen lassen. Die Rinnen zwischen ihnen sehen wie schwarze Gräben aus, man kann ihre Tiefe nicht beurteilen und fällt infolgedessen oft wirklich in den Graben. Schagdur hatte sich daher gerade hinlegen und die Morgendämmerung abwarten wollen, als das Feuer aufgelodert war. Mein prächtiger Kosak hatte so lange gesucht, bis er sowohl das Ruinenlager vom vorigen Jahre wie Ördeks Fundort entdeckt hatte.
Der 7. März sollte zur Untersuchung des letzteren benutzt werden. Um 8 Uhr setzte ich mich mit allen Männern, außer Kutschuk, der für das Signalfeuer sorgen sollte, in Marsch. Schagdur war unser Führer.
Der Weg ging genau südlich von dem Lagerturme vom 3. März, in dessen Nähe wir eine tiefe Einsenkung kreuzten, die einem alten Kanale glich. Ein neues „Tora“ wurde entdeckt. Beinahe in jedem Dorfe der Gegend gibt es einen Lehmturm; hier und dort liegen Balken umher, die von dem Vorhandensein ehemaliger Häuser Kunde geben. Ein solcher Balken hatte 7,8 Meter Länge und 35 × 17 Zentimeter Stärke. Hier sind also in früheren Zeiten ebenso prächtige Pappeln gewachsen wie nur irgendwo in den Urwäldern des Tarim.
Das Terrain, auf welchem wir jetzt wanderten, ist sehr interessant und verdient eine flüchtige Beschreibung. Wir gehen nach Westnordwest und kreuzen alle Lehmterrassen auf und ab im Zickzack. In kleinen Gruppen stehen uralte Pappeln; ihre Gruppierung ist genau dieselbe wie am Kara-köll, am Tschiwillik-köll und an den unteren Armen und Wasserläufen des Tarim. Manchmal stehen sie in Linien, manchmal in Hainen. Wo sie fehlen, haben sichtlich Flußarme gelegen oder Seen sich ausgedehnt, und ihre Gruppierung zeigt den Verlauf der Ufer an. Sonst sind Kamischstoppeln außerordentlich häufig, aber nur 20 Zentimeter hoch. Die Stengel sind so von Staub und Sand durchdrungen, daß sie bei der Berührung wie Ton zerspringen, aber die Blätter, die jedoch seltener noch vorhanden sind, lassen sich noch biegen. Auch das Bauholz ist in dieser Gegend so voll Sand, daß es im Wasser untergeht.