So erreichten wir das Lager vom vorigen Jahre, das an den Kohlenhaufen von unseren Feuern leicht wieder zu erkennen war. Nach ein paar weiteren Kilometern waren wir an Ördeks Fundort. Hier fanden wir 8 Häuser, von denen nur drei so weit erhalten waren, daß ich von ihnen einen Plan aufnehmen konnte. Sie waren angelegt wie ein chinesisches Yamen (Amtslokal): ein Hauptgebäude und zwei große Flügelgebäude. Zwischen ihnen liegt ein viereckiger Hof, den im Südosten ein Plankenzaun mit einer Tür, deren Pfosten noch dalagen, einfriedigt.

Das ziemlich kleine Hauptgebäude ist entschieden ein Buddhatempel gewesen ([Abb. 209]). Hier war es, wo Ördek seinen Fund gemacht hatte; die Spuren seines Pferdes waren noch in einer Vertiefung zu sehen.

Die mitgenommenen Spaten wurden in den Sand gestochen, und nach einer Weile tauchte Buddha selbst auf, obwohl in wenig schmucker Inkarnation. Das Bild war von Holz und hatte noch Kopf und Arme. Ohne Zweifel war es nur das Gerippe einer tönernen Statue, die in gewöhnlicher Weise geschmückt und bemalt gewesen war.

Die beigefügten Bilder ([Abb. 210], [211]) geben dem Leser einen klareren Begriff von dem Aussehen der mitgebrachten Schnitzereien als alle Beschreibungen. Auf einige von ihnen will ich jedoch besonders aufmerksam machen. Auf einem Pfosten ist eine ganze Reihe stehender Buddhabilder dargestellt, auf einem anderen eine Reihe sitzender; jedes Bild hat über sich einen Heiligenschein, der einem Rundbogen gleicht. In einem Ornamente kommt zwischen Blättern und Ranken ein Fisch vor; seine Kiemendeckel und Schuppen sind vollkommen deutlich. Der Künstler würde nie auf den Gedanken geraten sein, einen so wenig dekorativen Gegenstand wie den Fisch in seinen Schnitzereien zu verwenden, wenn dieses Tier nicht von besonderer Bedeutung für die Gegend gewesen wäre und eines der wichtigsten Nahrungsmittel der Bevölkerung gebildet hätte. Es wäre ja sonst höchst unmotiviert, statt der Vögel Fische mit Girlanden und Blättern zu verflechten. Gäbe es nicht andere, unwiderlegliche Beweise dafür, daß die Dörfer am Ufer eines Sees gelegen haben, so könnte man eine dahinzielende Vermutung schon auf Grund des Vorkommens des Fisches in der Ornamentik aufwerfen. So wie das Land jetzt aussieht, wäre der Fisch das letzte Tier, an das man denken würde.

Die Lotosblume bildet in diesen Schnitzereien ebenfalls ein hervortretendes, dankbares Motiv, sowohl in langen Reihen auf ziemlich großen Planken wie auf Scheiben von 50 Quadratzentimeter, die zwischen jene eingefügt gewesen sind.

Noch ein Fund von großer Bedeutung wurde hier gemacht. Schagdur grub mit seinem Spaten Erde auf und durchsuchte diese, wobei ein kleines Holzbrett zum Vorschein kam, das mit Schriftzeichen beschrieben war, die wir nicht lesen konnten. Er achtete nicht darauf, sondern warf das Brettchen als wertlos beiseite, aber durch reinen Zufall nahm ich es auf, weil mir das Holz unglaublich wohlerhalten vorkam. Jeder Buchstabe war scharf und deutlich mit Tusche aufgetragen, aber die Schrift war weder arabisch noch chinesisch, weder mongolisch noch tibetisch. Was hatten diese geheimnisvollen Worte wohl mitzuteilen? Ich nahm das Brettchen und bewahrte es so sorgfältig wie Gold.

Die Belohnung von 10 Sär, die ich dem versprochen hatte, der zuerst etwas Geschriebenes, gleichviel in welcher Gestalt, finden würde, fiel also Schagdur zu ([Abb. 212]). Nachdem derselbe Preis für den nächsten derartigen Fund versprochen worden war, gruben die Männer mit verdoppeltem Eifer in dem friedlichen Innern des armen Tempels, siebten den Sand durch die Finger und untersuchten jeden Span von beiden Seiten, aber ohne Erfolg. Nur die Schnur eines Rosenkranzes, einige chinesische Kupfermünzen und eine Menge flacher irdener Schalen, die wohl mit Opfergaben vor die Götter gestellt worden waren, kamen zum Vorschein.

Wie anders ist dieses Land jetzt gegen früher! Kein vom Winde verwehtes Blatt, nicht einmal eine Wüstenspinne ist zu sehen; die Skorpione, die verdorrte Pappeln lieben, würden hier vergeblich Schlupfwinkel suchen. Der Wind ist die einzige Kraft, die in diesem erstarrten, totenstillen Reiche Geräusch und Bewegung verursacht. Man würde hier nicht eine ganze Woche bleiben können, wenn man nicht, wie wir, Verbindung mit einer Quelle hätte.

184. An den Felsen von Dschong-duntsa. ([S. 17].)