185. Das Lager im Tale von Dschong-duntsa. ([S. 17].)
Daß der kleine Tempel ein vollendetes Kunstwerk gewesen, geht aus all den kleinen und großen Schnitzereien, die wir ausgruben, deutlich hervor. Zu einem Ganzen zusammengefügt, haben sie mit ihren geschmackvoll und mühsam geschnitzten Ornamenten eine wahre Augenweide gebildet.
Und welch herrlicher Aufenthaltsort muß es gewesen sein, als der Tempel noch mit seiner zierlichen, wahrscheinlich ebenfalls bemalten Fassade prunkte und auf mehreren Seiten von dichtbelaubten Pappelhainen umgeben war, die nur durch Seebuchten, Kamischfelder und von gewundenen Kanälen bewässerte Äcker voneinander getrennt waren! Hier und dort lagen Dörfer zerstreut, und ihre Lehmtürme oder „Pao-tai“ waren hoch genug, um sich über den Wald zu erheben, damit sie mit ihren Signalfeuern in Kriegsgefahr von den Nachbardörfern aus gesehen werden konnten und die große Heerstraße, die hier vorbeiführte, anzeigten. Im Süden dehnte sich der gewaltige blaugrüne Wasserspiegel des Lop-nor aus, umrahmt von Hainen und mächtigen Schilf- und Binsenfeldern und reich an Fischen, Wildenten und Gänsen. Im Hintergrunde, gegen Norden, zeichnete sich wie jetzt bei klarem Wetter der Kurruk-tag ab, in welchem die hiesige Bevölkerung alle Quellen und Oasen, durch die früher sicherlich ein Weg nach Turfan führte, gekannt haben wird.
Wir Pilger einer späteren Zeit fühlten sofort, daß wir uns in einer Gegend befanden, die schöner und herrlicher als vielleicht irgendeine in dem heutigen Ostturkestan gewesen war. So künstlerisch und geschmackvoll verzierte Häuser gibt es jetzt in diesem Teile Asiens nicht, und das dichte, leuchtende Grün ließ die Architektur noch wirkungsvoller hervortreten.
Und jetzt! Nur unzählige Grabmale nach all dieser Herrlichkeit! Und warum? Weil der Fluß, der Tarim, sich ein anderes Bett grub und sein Wasser nach Süden schickte, um neue Seen zu bilden. Der alte See trocknete schnell aus, vielleicht schon in wenigen Jahren, der Wald und das Schilf lebten noch ziemlich lange von der Feuchtigkeit des Bodens, dann aber siechten auch sie allmählich dahin, wobei die Bäume, welche die längsten Wurzeln hatten, am zähesten waren; aber schließlich waren auch sie zum Tode verurteilt. Jetzt ist alles ein großer Friedhof, in welchem man jedoch auf den Grabinschriften von einer früheren, üppigen Vegetationsperiode liest.
Als wir, mit der Ernte des Tages zufrieden, mit dem Graben aufhörten, näherte sich die Sonne dem Horizont, und wir brachen auf. Der Wind erhob sich, der östliche Horizont war grau und düster, der Nebel verdichtete sich, ein heftiger Sturm schien im Anzug zu sein, und wir beschleunigten unsere Schritte, um das Lager noch vor Dunkelheit zu erreichen. Endlich tauchte der westliche Lagerturm auf, und nun mußten wir unseren Weg im Staubnebel selbst finden können. Der Wind fegte Sand- und Staubmassen durch die Rinnen; sie eilten vorwärts wie Wasser in seinem Bette, man glaubte förmlich zu sehen, wie der Wind an den Seiten und Rändern der Rinnen feilte, und man kann sich denken, welch kräftigen Bundesgenossen er in dem Flugsande hat, der das leicht zerstörbare Tonmaterial wie Sandpapier zerreibt.
In der Dämmerung erblickten wir den Schein von Kutschuks Signalfeuer, dessen Flammen immer höher aufloderten. Wir waren rechtzeitig zu Hause, ziemlich ermüdet von einem Spaziergange von 28 Kilometer, doch weniger von der Länge des Weges als von dem beschwerlichen Terrain. Wenn man den ganzen Tag hat dursten müssen, schmeckt ein großer Becher auf Eis gekühlten Wassers mit Zitronensäure und Zucker gar zu gut!
Am 8. durften alle ausschlafen. Der Buran war stärker geworden, die Luft war mit Staub gesättigt; heute wäre es unmöglich gewesen, die Tempelruine zu finden.
Durch die versprochenen Belohnungen angespornt, arbeiteten die Leute um das Lager herum mit ihren Spaten aus Leibeskräften, und jetzt sollten ihre Anstrengungen von einem Erfolg gekrönt werden, von dem ich kaum zu träumen gewagt hätte. Vergeblich hatten sie den Sand in vielen verlassenen Holzgebäuden untersucht, als sie ihre Aufmerksamkeit einem aus an der Sonne getrockneten Lehmziegeln erbauten Hause zuwandten, das einem Stalle mit drei Ständen glich ([Abb. 213]). Jedenfalls sah es im ganzen Dorfe am wenigsten verheißungsvoll aus. Aber gerade hier, in dem, von vorn gesehen, rechten Stande, fand Mollah einen kleinen zerknitterten Papierfetzen mit mehreren ganz deutlichen chinesischen Schriftzeichen.