Es ist nicht zuviel gesagt, daß der Inhalt dieses Standes nun buchstäblich durchgesiebt wurde. Zwei Fuß tief, unter Sand und Staub, stießen wir auf etwas, das ich einfach einen Kehrichthaufen oder eine Unratbucht nennen möchte, das aber diverse schöne Raritäten enthielt. Dort fanden wir Lumpen von Teppichen und Schuhzeug, Schafknochen, Körner und Stroh von Weizen und Reis, eine Menge Rückenwirbel von Fischen und unter all diesem Trödel — wohl ein paar hundert beschriebene Papierstücke nebst 42 Holzstäben, die der Form nach schmalen Linealen glichen und ebenfalls mit Schriftzeichen bedeckt waren.
Dieser Fund war ein Triumph. Sollte es übertrieben sein, ein so starkes Wort da zu gebrauchen, wo es sich nur um alte Papierblätter handelt? Nein, durchaus nicht! Ich sah voraus, daß diese Blätter ein kleines Stück Weltgeschichte enthalten und mir den Schlüssel zur Lösung des ganzen Lop-nor-Problems schenken würden. Die rein geographischen und geologischen Untersuchungen enthüllten wohl deutlich genug Tatsachen; sie zeigten, daß das Land früher so und so ausgesehen haben muß; hier in der Wüste hatte ja ein großer See sein Bett gehabt, und hier in den Ruinen hatten Menschen gewohnt.
Doch die Bruchstücke der Dokumente würden meinen mühsamen Untersuchungen Schwarz auf Weiß ihr Schlußzeugnis geben; sie würden den Stempel auf diese ganze Arbeit drücken, die seit Jahren Gegenstand meiner Arbeit und meiner Studien gewesen; sie würden erzählen, wann dieser See existierte und welche Menschen hier wohnten, unter welchen Verhältnissen sie lebten, mit welchen Teilen Innerasiens sie in Verbindung standen, ja vielleicht sogar, welchen Namen ihr Land führte. Dieses Land, das sozusagen vom Erdboden vertilgt worden ist, diese Menschen, deren Geschichte längst der Vergessenheit anheimgefallen und deren Geschicke vielleicht nicht einmal Annalen anvertraut worden sind, alles dieses würde, so hoffte ich, jetzt wieder ans Tageslicht gezogen werden. Ich stand vor einer Vergangenheit, die ich wieder ins Leben rufen würde. Wäre es auch nur ein kleines Volk, ein unbedeutender Staat gewesen, was machte das aus? Es war doch immer eine Lücke im menschlichen Wissen, die jetzt ausgefüllt werden würde.
Die Muselmänner hofften wie gewöhnlich Gold zu finden, aber ich hätte die zerrissenen, schmutzigen Brieffragmente nicht gegen große Schätze vertauscht.
Daß dies wirklich ein Kehrichtloch gewesen, ging daraus hervor, daß der Raum viel zu klein war, um als Zimmer habe dienen zu können, und daß alle Papiere nur Bruchstücke waren; sie waren zerrissen und fortgeworfen worden. Infolge dieses Umstandes hoffte ich auch, daß es lauter Lokalbriefe gewesen, deren Inhalt sich ausschließlich um die an diesem Orte herrschenden Verhältnisse drehen und für meine Studien von viel größerem Interesse sein würde als Folianten, die aus einer anderen Gegend stammten. —
Nach meiner Rückkehr nach Europa übergab ich dieses ganze Material dem gelehrten Sinologen Karl Himly in Wiesbaden, der es jetzt in Arbeit hat und seinerzeit eine besondere Abhandlung darüber veröffentlichen wird. Er machte schon bei der ersten Durchsicht mehrere interessante Entdeckungen und schrieb mir darüber unter anderem:
„Die vorhandenen Zeitangaben bewegen sich zwischen der Mitte des dritten und dem Anfange des vierten Jahrhunderts nach Christi Geburt. Der Fundort scheint einem wohlhabenden chinesischen Kaufmanne gehört zu haben, der allerlei Lieferungen besorgt, Wagen und Lasttiere vermietet und die Beförderung von Briefen nach Tun-huang (Scha-tschôu) und dergleichen übernommen hat. Zu den Reisen nach dieser Stadt wurden Pferde, Wagen und Rinder benutzt. Einmal scheint von einem Feldzug die Rede zu sein, doch ohne Angabe der Zeit. Unter den Ortsnamen finden wir auch den, der das Land, um das es sich hier handelt, bezeichnet hat: Lôu-lan. Die Bewohner müssen auch Ackerbau getrieben haben, denn in den Briefen ist sehr oft die Rede von Getreidemaßen, wobei auch zuweilen die Getreideart angegeben ist. Vielleicht hat an der Stelle, wo die Schriftstücke ausgegraben worden sind, ein altes Steuereinnehmerhaus oder eine Art Getreidebank, wo Korn aufgekauft oder als Pfand angenommen worden ist, gestanden. Eigentümlich ist das Papier, das manchmal auf beiden Seiten beschrieben ist, was jetzt in China weder beim Schreiben noch im Druck üblich ist.
„Jedenfalls ist die mitgebrachte Sammlung, die auch für die Chinesen von großem Interesse ist, derart, daß sie noch lange das Interesse der Männer der Wissenschaft in Anspruch nehmen wird.
„Einige Blätter enthalten nur Schreibübungen, andere sind abgebrochene Sätze, aber die Abweichungen von der jetzigen Schrift sind im ganzen nicht groß. Die Stäbe haben den Vorteil vor den Papierblättern, daß sie einen oder mehrere Sätze, die abgeschlossen sind, enthalten, z. B., daß eine Antilope geliefert, so und soviel Korn abgegeben worden, so und soviele Menschen für einen Monat oder länger mit Lebensmitteln versorgt worden sind.
„Der Beamte, der hier residiert hat, scheint eine nicht unbedeutende Provinz verwaltet zu haben, was aus folgendem Satze zu schließen ist: «Von dem angelangten Kriegsheere sind 40 Beamte an der Grenze (oder dem Ufer?) zu empfangen, und die Höfe sind zahlreich.» Er scheint auch zwei eingeborene Fürsten neben sich gehabt zu haben.