„Die meisten Zeitangaben sind aus den Jahren 264–270 n. Chr. Im Jahre 265 starb Kaiser Yüan Ti aus dem Hause Wei, und im Norden folgte die Tsin-Herrschaft unter Wu-Ti, der bis zum Jahre 290 regierte.

„Von den leserlichen Kupfermünzen sind die meisten sogenannte Wu-tschu-Stücke. Diese Prägung war während der Periode von 118 v. Chr. bis 581 n. Chr. in Gebrauch. Ferner sind darunter zahlreiche Huo-thsüan-Münzen, die auf Wang-Mang zurückgehen, der zwischen den Jahren 9 und 23 n. Chr. die Macht in Händen hatte. Die Bezeichnungen der gefundenen Münzen widersprechen also den Zeitangaben der Papierfetzen und Stäbe nicht.“

Schon diese vorläufigen Mitteilungen zeigen, welch wichtige Aufklärungen man von der von mir mitgebrachten Sammlung erwarten kann. Sie bringen ein neues Licht in die politische und physische Geographie des innersten Asien während der ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt und zeigen, welch ungeheure Veränderungen dieser Teil der Welt in 1600 Jahren erlitten hat.

186. Unsere Kamele im Tale von Dschong-duntsa. ([S. 17].)

187. Das Lager in Lu-tschuentsa. ([S. 17].)

Der Name Lôu-lan kommt bei dem im 12. Jahrhundert lebenden arabischen Geographen Idrisi vor, und ein gelehrter Mandarin in Kaschgar, dem ich die Manuskripte zeigte, sagte mir, daß das Land um das jetzige Pitschan bei Turfan in alten Zeiten Lôu-lan geheißen habe. Im Verein mit den physikalisch-geographischen Untersuchungen, die ich in bezug auf die Wanderungen des Lop-nor-Sees ausführte, sind diese historischen Daten von unschätzbarem Wert. Sie geben nicht nur über das Land Lôu-lan am Nordufer des früheren Lopsees Auskunft, sondern verbreiten auch Licht über viele andere ungelöste Probleme in dieser Gegend, die auf halbem Wege zwischen China und dem Abendland liegt. Sie erzählen von regelmäßiger Post zwischen dem Lop-nor und Scha-tschôu, also von einer regelrechten Verbindungsstraße durch die Wüste Gobi. Der alte Weg von Korla längs des Ufers des Kontsche-darja, wo ich das vorige Mal eine ganze Reihe von Lehmtürmen (Pao-tai) und Festungen fand, erhält jetzt eine ganz andere Beleuchtung. Ich habe im ersten Bande S. 205–207 von den Ruinen in Jing-pen gesprochen — auch sie waren ganz gewiß eine wichtige Station auf dem alten Wege.

Daß in Lôu-lan Ackerbau hat getrieben werden können, ist von großem Interesse. Wie ist dies möglich gewesen? Vom Kurruk-tag kommt kein Bach, vom Himmel kein Tropfen Wasser. Das Klima wird sich verändert haben, sagt vielleicht jemand. Nein, durchaus nicht! Im Herzen eines Kontinents pflegt das Klima in anderthalb Jahrtausenden nicht solch kolossale Veränderungen zu erleiden. Kanäle müssen vom Flusse, dem Tarim oder Kum-darja, abgeleitet worden sein, Bewässerungskanäle von derselben Art wie überall in Ostturkestan. Getreidebanken gibt es noch jetzt in allen Städten Ostturkestans; sie stehen unter der Kontrolle der chinesischen Behörden und dienen zur gleichmäßigen Verteilung des Brotes unter die Eingeborenen. Ich fand allerdings nur 4 Dörfer, von denen das größte 19 Häuser hatte, aber es können noch mehr Ruinen in der Wüste liegen. Und wenn von Kriegsheeren, 40 Beamten und zahlreichen Höfen die Rede ist, hat man Grund, anzunehmen, daß Lôu-lan reich bevölkert gewesen ist. Die von uns gefundenen Ruinen würden dann von Amtslokalen und vornehmeren Wohnungen herrühren, und es ist ja auch wahrscheinlich, daß diese bei den Türmen gelegen haben, während die Hütten der Fischerbevölkerung an den Ufern lagen und natürlich in viel kürzerer Zeit zerstört worden sind.

9. März. Noch ein Tag blieb uns an diesem, ich hätte beinahe gesagt, heiligen alten Orte — jedenfalls einem Ort, an dem man von feierlicher Schwermut über die Vergänglichkeit alles Irdischen erfüllt wird und vor der Tatsache steht, daß Städte und Stämme von der Zeit wie Spreu vor dem Winde vom Erdboden verweht werden.