Als ich aufstand, waren die Leute schon ein paar Stunden bei der Arbeit gewesen und brachten nun ihre Funde in meine Jurte ([Abb. 214]). Diese bestanden wie gestern aus Papierfetzen und Holzstäben, alle aus dem nordöstlichen Stande des Lehmhauses; in den beiden anderen wurde nichts gefunden. Fischgräten, Skeletteile von Haustieren, unter anderen von Schweinen, Lumpen, einige Pinselstiele, eine Peitsche, das Skelett einer Ratte und diverse andere Raritäten kamen auch zum Vorschein. Ein völlig unbeschädigter roter Tonkrug wurde ausgegraben ([Abb. 215]). Er war 70 Zentimeter hoch und 65 Zentimeter breit und besaß keine Henkel. Wahrscheinlich ist er in einem Weidenkorbe mit Henkel, der in der Nähe lag, getragen worden. Scherben von derartigen Gefäßen sind außerordentlich häufig.

Nachmittags kam die Karawane von der Quelle. Die Pferde sahen kümmerlich aus, aber die Kamele waren fett geworden. Sie trugen 10 Tagare und 11 Tulume Eis, welcher Vorrat ziemlich lange reichen würde.

Fünftes Kapitel.
Lôu-lan.

Da ich annehme, daß es meine Leser interessieren wird, einige Auskunft über das Land, das obigen Namen trägt, zu erhalten und zu erfahren, was bisher durch chinesische Quellen darüber bekannt war, so will ich im Anschluß an meine Entdeckungen einige von fachkundigster Seite herrührende Mitteilungen anführen. Es sind meine Freunde die Sinologen Karl Himly in Wiesbaden und George Macartney in Kaschgar, die zu Worte kommen, und zwar in den beiden vornehmsten geographischen Zeitschriften der Welt.

Himly hat in „Petermanns Mitteilungen“ (1902, Heft XII) einen Aufsatz, betitelt „Sven Hedins Ausgrabungen am alten Lop-nur“ veröffentlicht, worin er das von mir mitgebrachte Material vorläufig analysiert und daraus mehrere interessante Schlüsse zieht. Er schreibt:

„Der Name Lop-nur ist nicht von den jetzigen (türkischen) Bewohnern erfunden, wie ja auch «nur» = See ein mongolisches Wort ist. Vor Mitte des 18. Jahrhunderts verlief hier die Grenze der Khalkha- und der Westmongolen oder Kalmücken. Von den Chinesen wird jetzt nach Hedins Erkundung das Gebiet des neugegründeten Ortes Dural so genannt, wo ein chinesischer «Amban» seinen Sitz hat. Nach den Ausführungen in Petermanns Ergänzungsheft betrachtete Hedin den etwas weiter südöstlich befindlichen Kara-köl als Überbleibsel des alten Sees. Dieser war aber längst vor der Mongolenzeit den Chinesen bekannt gewesen und hatte verschiedene teils chinesische, teils einheimische Namen: Yen-tsö (chinesisch «Salzsee»), Puthschang-hai («hai» chinesisch = Meer), Yao-tsö, Lôu-lan-hai usw.; Lôu-lan aber war der Name eines Landes, welches trotz seiner Kleinheit wegen seiner Lage zwischen dem nördlichen und dem südlichen Weg von China nach dem Westen schon zur Zeit der Kämpfe zwischen den chinesischen Kaisern aus dem Haus der Han und den Hiung-Nu seit dem zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung eine für dasselbe zuweilen verhängnisvolle Rolle gespielt hat, indem es bald auf die eine, bald auf die andere Seite gedrängt wurde. Der berühmte Wallfahrer Hüan-Tschuang berührte 645 das Land auf seiner Rückreise aus Indien, nachdem er von Khoten aus die Wüste mit ihren damals schon in Trümmern liegenden Städten durchzogen hatte. Wenn schon die Wüste die Einwohner der Städte vertrieb und ihre Häuser verschüttete, mußte eine Vereinigung der Staubstürme mit den sich stauenden Gewässern die Gefahr noch vermehren. Nach dem Schuêiking-tschu sammelten sich die Gewässer des Sees nordöstlich von Schan-schan (Lôu-lan) und südwestlich von Lung-thschöng (Drachenstadt), welches im Zeitraum Tschi-ta (1308–11) durch eine Sturmflut zerstört wurde. Doch waren die Trümmer noch vorhanden.

„Vielleicht ist es nun diese alte Trümmerstätte, welche Hedin während seines letzten Aufenthalts in der Gegend des Lop-nur aufgefunden hat. Er begab sich nämlich, von einigen einheimischen Türken — Lopliks, die jedoch noch nie dort gewesen waren — und einem seiner Kosaken begleitet, von der Quelle Altimisch-bulak nach Süden und traf nach zwei kleinen Tagereisen in einer Entfernung von 81½ Kilometer vom Kara-koschun auf die Trümmer einer alten Stadt. Während von den meisten Häusern nur noch die Holzgerüste standen, war eines aus Lehm (oder Luftsteinen?) gebaut mit dicken Außen- und zwei Innenwänden, welche das Haus in drei Räume, einen breiteren mittleren und zwei kleinere an den Seiten teilten. In einem der letzteren wurden eine Menge Stäbe aus Tamariskenholz mit meist chinesischen Schriften und viele Papierfetzen, letztere teilweise auf einer, teilweise entgegen der jetzigen Sitte auf beiden Seiten beschrieben, unter einer Sand- (oder Löß-?)Schicht von höchstens zwei Fuß Dicke aufgefunden. Es befanden sich darunter auch kleine Klötzchen, welche gleichfalls beschrieben waren und meist augenscheinlich zum Zubinden bestimmte Vertiefungen zeigten. Daß diese Klötzchen als Deckel für darunter befindliche Briefschaften gedient hatten, war teils aus der Aufschrift zu entnehmen, teils hatten schon die im Januar 1901 von Stein am Niya-Flusse gemachten Funde an Deutlichkeit nichts zu wünschen übriggelassen, wie man sich beim ersten Blick auf Tafel IX in seinem «Preliminary report on a journey of archaeological and topographical exploration in Chinese Turkestan» überzeugen kann. Unweit dieser Fundstelle fanden sich sehr wertvolle Holzschnitzereien mit geschmackvollen Verzierungen; die darunter vorkommenden Buddhabilder lassen auf das Vorhandensein eines Tempels schließen. In einem anderen Hause fanden sich Fischknochen in großer Menge, und unzählige Schnecken (Limnaea) lagen umher. Läßt dieser Umstand darauf schließen, daß hier das Ufer eines Sees war, so zeugte ein riesengroßes, aus fünf dicken Brettern bestehendes Rad vom Wagenverkehr zu Land. Die vier Türme aus Fachwerk, welche sich in der Umgebung fanden, mögen teils zur Verteidigung, teils am Weg als Feuer- oder Rauchtürme gedient haben, wie sie weit über das chinesische Reich zerstreut lagen, um vor dem herannahenden Feind zu warnen. Ein riesiger Wasserbehälter von rotem Ton, oben mit schmaler Öffnung versehen, hatte sich vollkommen erhalten.

„Unter den kleineren Fundstücken sind namentlich die Kupfermünzen bemerkenswert, die, bis auf eine chinesischen Ursprungs, auf eine bestimmte Reihe von Jahrhunderten hinweisen. Sie haben alle das bekannte viereckige Loch in der Mitte, an dem sie, zu Hunderten aufgereiht, an Stricken getragen zu werden pflegen. Die Bezeichnungen einer bestimmten Reihe von Jahren, welche frühestens im Jahre 376 n. Chr. begannen und vom Jahre 621 an nie mehr fehlten, finden sich auf keiner der Münzen. Die häufigste Aufschrift ist Wu tschu (5 Tschu oder 5/24 Liang oder Unzen) in alter Siegelschrift, in der die 5 einer römischen Zehn (X) ähnelt, und kommt von 118 v. Chr. bis 581 n. Chr. vor. Zuweilen haben die Münzen die Bezeichnung Huo-thsüan (nach Endlichers Übersetzung «Tauschmittel»), welche von 9–22 n. Chr. aus der Zeit des Wang-Mang angeführt wird. Eine Münze, in der das Loch ein längliches Viereck bildet, trägt die Aufschrift in Schriftzeichen, deren Erklärung der Zukunft vorbehalten werden muß.

Unter den anderen kleineren Gegenständen ist namentlich ein kleiner geschnittener Stein bemerkenswert, welcher den in Hedins Werk «Durch Asiens Wüsten» (erste Auflage, II, 33) abgebildeten «Gemmen aus Borasan» an die Seite zu stellen ist. Es heißt dort (II, S. 35) von der Fundstätte westlich von Khoten, die dortigen «Überreste einer hochentwickelten Kunstindustrie» beständen aus «kleinen Terracottagegenständen, Buddhabildern aus Bronze, Gemmen, Münzen usw., für den Archäologen von größter Bedeutung, da sie bewiesen, daß die durch griechischen Einfluß veredelte antike indische Kunst bis ins Herz von Asien gedrungen wäre». Hier nun handelt es sich augenscheinlich um einen Hermes, der als Gott der Wanderer seinen Weg durch Baktrien nach dem Innern von Asien gemacht hat. Kunstvolle dreikantige Pfeile oder flache kleinere, etwa für Geflügel bestimmte, beide von Bronze, Wirtel, ein mit Perlen usw. geschmückter Ohrring, Kupferdraht, eiserne Nägel, mit einem scharfen Gegenstand oben geöffnete Kaurimuscheln, Schellen (für die Pferde?) von Kupfer- und Messingblech, Bruchstücke von Glöckchen aus Bronze, Bernstein und Perlen aus solchem, kupferne Ringe, allerlei Gerät oder Bruchstücke davon aus verschiedenartigen Steinen oder Halbedelsteinen, worunter Nierstein (Nephrit) und Alabaster, verziertem grünem Glas usw., geben Kunde von der Bildungsstufe, auf welcher entweder der einheimische Gewerbefleiß stand, oder von dem Sinn, welchen man für die Erzeugnisse des fremden hatte.

„Hinsichtlich der Frage, um welchen Zeitraum es sich bei der Zerstörung des Ortes handeln dürfte und wie derselbe, d. h. die Stadt oder das Land, geheißen haben, sprechen die aufgefundenen Schriftstücke eine deutlichere Sprache. Sowohl auf den Stäben als auf den alten Papierfetzen kommt der Name Lôulan vor und zwar in einem Zusammenhang, der keinen Zweifel läßt, daß so der Ort der Bestimmung oder Aufbewahrung hieß. So stehen auf dem oberen Teile eines der Stäbe Angaben über nach Tun-Huang und Tsiu-Thsüan (Su-tschôu) abgesandte Briefe; auf dem unteren Teile ist der 15. Tag des 3. Monats im 6. Jahre des Zeitraums Thai-Schi, d. h. des 6. Jahres des Kaisers Tsin Wu Ti (270 n. Chr.) angegeben als Tag der Ankunft eines Briefes in Lôulan. Auf einem der Deckelklötzchen, welches die auf Tafel IX von Steins «Preliminary report» angegebene Gestalt hat, nur viel kleiner ist, finden sich der Fürst der See-Angelegenheiten und Frau (Tien-schi Wang Hou) in Lôulan als Empfänger angegeben. Die erste Zeitangabe ist vom Jahre 264, in welchem das Haus Wei das nördlichste der «drei Reiche» noch unter seiner Herrschaft hatte. Sonst finden sich noch die Jahre 266, 268, 269 und 270 angegeben, während sich unter den meist anscheinend mit Willen zerfetzten Papieren der Name Lôulan zweimal, wovon einmal aus einer geringfügigen Veranlassung des Inhalts, daß ein gewisser Ma aus Lôulan am 6. des 6. Monats nicht vorzusprechen brauche, und die Jahreszahl 310 in Verbindung mit der Stadt An-Si finden.