„Der Inhalt der verschiedenen schriftlichen Bemerkungen ist ein sehr verschiedenartiger. Es ist darin sonst noch von Getreidelieferungen, von Nachrichten aus Tun-Huang, Verkehr mit Kao-Tschang (dem alten Turfan), von gerichtlichen Verhandlungen usw. die Rede. Die Stäbe dienten augenscheinlich bald als Tagebücher, bald zu Mitteilungen oder Weisungen an Untergebene. Letzterer Art scheint ein abgebrochener kleinerer Stab gewesen zu sein mit der Mitteilung, daß von dem (pien? am Rand, an der Grenze, am Ufer?) angelangten Heer vierzig am Deich empfangene Anführer in den Gehöften Unterkunft finden könnten.

„Ein kleines Brettchen hat eine nicht chinesische Aufschrift, deren Schriftzeichen den Kharoshthi-Zeichen bei Stein (Taf. IX, X und XI bei Stein a. a. O.) ähneln, wie auch das Brettchen von zwei Deckeln von der auf Steins Tafel X veröffentlichten Art begleitet gewesen sein wird.

„Es ist nach dem allem kaum zu bezweifeln, daß hier das alte Lôulan war und am alten Lop-nur lag. Diese alte Stadt scheint Anfang des vierten Jahrhunderts vom Wüstensturm oder von den Gewässern, bezw. durch beide Gewalten zerstört worden zu sein. Man wird in der Nähe eine andere, die sogenannte Drachenstadt, gebaut haben, welche dann ihrerseits in den Jahren 1308–11 durch eine Sturmflut zugrunde ging.“

Mein alter Freund von all meinen Besuchen in Kaschgar, George Macartney, der ebenfalls ein gründlicher Kenner der chinesischen Sprache ist, hat in der Märznummer 1903 des „Geographical Journal“ folgenden Aufsatz erscheinen lassen, den ich hier mit seiner Erlaubnis in extenso mitteile. Einige der historischen Ereignisse, deren Schauplatz Lôu-lan gewesen, passieren hier Revue und zeigen, daß dieses Land einst eine gewisse Bedeutung gehabt hat. Im Verein mit den von Himly gegebenen Mitteilungen und Übersetzungen gibt uns Macartneys Aufsatz Gelegenheit, uns eine ziemlich deutliche Vorstellung von diesem zweitausendjährigen Königreich zu machen. Macartneys Artikel trägt den Titel. „Notices, from Chinese sources, on the ancient Kingdom of Lau-lan or Shen-shen“ (Nachrichten aus chinesischen Quellen über das alte Königreich Lôu-lan oder Schen-Schen) und lautet folgendermaßen:

„In dem Vortrag, den Dr. Sven Hedin in London am 8. Dezember 1902 vor der Königl. Geographischen Gesellschaft über seine dreijährigen Forschungen in Zentralasien hielt, gab er uns eine lebhafte Schilderung von den Ruinen einer alten Stadt am Ufer des alten Lob-nor. Unter den Funden, die er von dieser Örtlichkeit mitgebracht hat, finden wir eine Anzahl chinesischer Manuskripte, die als dem zweiten und dritten Jahrhundert n. Chr. angehörend identifiziert worden sind. Einige von diesen Manuskripten tragen nicht allein das Datum, sondern auch den Namen des Ortes, an welchem sie geschrieben worden sind. Dieser Name ist Lau-lan, und die Kenntnis dieser Tatsache ist von besonderem Interesse. Der Name Lau-lan selbst ist den modernen chinesischen Geographen wohlbekannt, aber bis jetzt sind offenbar weder sie noch Gelehrte in Europa imstande gewesen, mit einiger Genauigkeit die Lage des Landes, das einstmals diesen Namen getragen hat, zu bestimmen. Herr A. Wylie, ein hervorragender Chinaforscher, hatte diese Lage im Jahre 1880 seinen Berechnungen nach auf 39° 40′ nördl. Breite und 94° 50′ östl. Länge angenommen. Dies würde einen Fehler von ungefähr 250 engl. Meilen (etwa 420 Kilometer) bedeuten, wenn ich recht verstanden habe, daß der Platz, wo Dr. Hedin die den Namen Lau-lan tragenden chinesischen Manuskripte gefunden hat, ungefähr auf 40° 40′ nördl. Breite und 90° östl. Länge lag. [Diese Zahlen sind beinahe richtig. Hedin.] Eine genauere Feststellung der Lage von Lau-lan, die jetzt selbstverständlich möglich ist, kann, wie ich hoffe, hinsichtlich anderer benachbarter Länder, deren alte Namen bekannt sind, über deren Lage sich aber die heutigen Geographen noch die Köpfe zerbrechen, zu wertvollen Ergebnissen führen.

„Wenn wir die Geschichte der ersten Hankaiser, das Tsien-Han-shu [ich lasse die englische Schreibweise der chinesischen Namen unverändert. Hedin], und die Aufzeichnungen, welche Fa-Heen und Hsian-Tsang hinterlassen haben, studieren, finden wir viele Orte mit Entfernungen erwähnt, als deren Ausgangspunkt Lau-lan angegeben ist.

„So erwähnt das Tsien-Han-shu (geschrieben, in runden Zahlen, zwischen 100 v. Chr. und 50 n. Chr.) folgende Entfernungen: Von Wu-ni (Hauptstadt von Lau-lan) nach Yang-kuan, dem «südlichen Sperrtor», (augenscheinlich in der Richtung von Tun-huang) 1600 Li; nach Chang-an 6100 Li; nach dem Verwaltungssitze (der Name fehlt) des chinesischen Gouverneurs 1785 Li; nach Si-an-fu 1365 Li; nach Keu-sze (Ouigour) in nordwestlicher Richtung 1890 Li.

„In der Beschreibung seiner Reisen gibt Fa-Heen (im fünften Jahrhundert n. Chr.) folgende Entfernungen an: von Shen-shen oder Lau-lan nach Tun-huang, etwa 17 Tagemärsche, 1500 Li; nach Wu-e (Uigur?) 15 Tagereisen zu Fuß in nordwestlicher Richtung.

„Von Hsian-Tsang erfahren wir, daß Lau-lan, das er auch Na-po-po nennt, 1000 Li nordöstlich von Chem-to-na oder Nimo liegt.

„Aus dem Obigen ergibt sich auch, daß der Ort Lau-lan als Ausgangspunkt für die Bestimmung der Lage mehrerer anderer Orte dienen kann. Vielleicht können die obigen Angaben späteren archäologischen Forschern von Nutzen sein.