„Das Folgende ist ein Auszug des Berichtes, den wir in dem Tsien-Han-shu über die politischen Verhältnisse zwischen China und Lau-lan während des ersten Jahrhunderts vor Christi Geburt finden.
„Kaiser Wu-ti, heißt es, wünschte, mit Ta-wan und den umliegenden Ländern Verbindung zu unterhalten, und schickte wiederholt Gesandte dorthin. Der Weg derselben ging über Lau-lan, aber die Einwohner von Lau-lan beunruhigten im Verein mit dem Ku-tse-Volke die Reise der Beamten und griffen Wang-Kuei, einen der Gesandten, an und raubten ihn aus. Doch nicht genug damit, die Bewohner von Lau-lan machten sich den Chinesen auch dadurch verhaßt, daß sie den Heun-nu (Hunnen) als Spione dienten und diesen wiederholt bei der Ausplünderung chinesischer Reisender halfen. Dergleichen konnte nicht geduldet werden. Daher rüstete Wu-ti eine Expedition gegen den feindlich gesinnten Staat aus. Chao Po-nu wurde mit einem Heere von 10000 Mann ausgesandt, um das Ku-tse-Volk zu strafen, während der Gesandte Wang-Kuei, der wiederholt unter den Übergriffen der Lau-laner gelitten hatte, Befehl erhielt, Chao Po-nu als Unterfeldherr zu begleiten. An der Spitze von 700 Mann leichter Kavallerie vorrückend, nahm dieser den König von Lau-lan gefangen, eroberte Ku-tse und jagte, auf das Ansehen seines Kriegsheeres vertrauend, auch den Staaten, die Vasallen von Wu-sun und Ta-wan waren, Respekt ein. Die Lau-laner unterwarfen sich bald und schickten Tribut an Kaiser Wu-ti. Doch ihre Unterwerfung erboste ihre Bundesgenossen, die Hunnen, und es dauerte gar nicht lange, so wurden sie von diesen angegriffen. Daher schickte der König von Lau-lan, um seine beiden mächtigen Nachbarn zu besänftigen, einen seiner Söhne als Geisel zu den Hunnen und einen zweiten dem Kaiser von China. So endete die erste Episode der Beziehungen zwischen China und dem Königreiche von Lau-lan.
„Aber noch mehr Unruhen standen Lau-lan bevor. Kaiser Wu-ti mußte aus irgendeinem Grunde noch eine Strafexpedition gegen Ta-wan und die Hunnen schicken. Die Hunnen fanden das chinesische Heer so furchtbar, daß sie es für das Klügste hielten, jeden direkten Zusammenstoß mit ihm zu vermeiden, was sie aber nicht hinderte, in Lau-lan, dessen Bewohner noch immer mit ihnen im Bunde standen, Truppen in Hinterhalte zu legen. Diese Truppen beunruhigten Wu-tis Armee unaufhörlich. Die Chinesen kamen bald dahinter, daß die Lau-laner im geheimen Bundesgenossen der Hunnen waren, und infolgedessen wurde General Jen-wan ausgesandt, um sie zu züchtigen. Jen-wan drang bis an das Stadttor vor, welches ihm geöffnet wurde, und machte dem König Vorwürfe über seine Verräterei. Der König antwortete entschuldigend: «Wenn ein kleiner Staat zwischen zwei großen Reichen liegt, zwingt ihn die Notwendigkeit, mit beiden im Bunde zu stehen, sonst hat er nie Frieden; jetzt aber wünsche ich, mein Königreich den Grenzen des chinesischen Reiches einzuverleiben.» Diesen Worten vertrauend, setzte ihn der Kaiser wieder auf den Thron und beauftragte ihn, ein wachsames Auge auf die Bewegungen der Hunnen zu haben.
„Der König starb im Jahre 92 v. Chr. Eine Thronfolgefrage entstand. Man wird sich erinnern, daß einer der Söhne des verstorbenen Königs sich als Geisel am chinesischen Hofe befand. Nun schickten die Lau-laner eine Petition an den Kaiser, er möge ihnen den als Geisel gesandten Prinzen wiederschicken, damit dieser den ledigen Thron besteige. Der Prinz hatte sich jedoch nicht der Gunst des Kaisers erfreut; er war tatsächlich die ganze Zeit, die er in China weilte, im Palaste des Seidenwurmhauses in einer seinem Range entsprechenden Haft gefangen gehalten worden. Daher fand die Petition bei Wu-ti kein williges Ohr, sondern er gab die diplomatische Antwort: «Ich liebe den Prinzen, meinen Gast, sehr und bin nicht gesonnen, ihn von meiner Seite zu lassen.» Der Kaiser schlug dann den Bittstellern vor, sie sollten den nächsten Sohn des toten Königs mit der Königswürde bekleiden.
„Das taten die Lau-laner auch. Aber der neue König regierte nur kurze Zeit, und als er starb, wurde die Nachfolgerfrage wieder brennend. Diesmal dachten die Hunnen, die, wie wir wissen, auch einen Lau-lan-Prinzen als Geisel an ihrem Hofe hatten, daß dies eine passende Gelegenheit sei, ihren verlorenen Einfluß auf diesen Staat wiederzuerlangen. Deshalb schickten sie den Prinzen zurück und setzten ihn auf den Thron. Dieser gelungene Handstreich beunruhigte die Chinesen, die ihren Einfluß durch Bestechungen und Intrigen wiederzugewinnen suchten. Sie machten keinen direkten Versuch, den Schützling der Hunnen zu entthronen, schickten aber an ihn einen Gesandten, der ihn aufforderte, dem chinesischen Hofe einen Besuch abzustatten, wo ihm, wie der Gesandte sagte, der Kaiser reiche Geschenke machen würde. Der Kaiser und der Gesandte konnten jedoch nicht ahnen, daß sie hier auch mit der Verschlagenheit einer Frau zu rechnen hatten. Die Stiefmutter des Königs war dort und riet ihm, indem sie sagte: “«Dein königlicher Vorgänger sandte zwei Söhne als Geiseln nach China; keiner von ihnen ist je zurückgekehrt; ist es da billig, daß du gehen sollst?» Daher verabschiedete der König den Gesandten mit dem Bescheid, daß «die Angelegenheiten des Reiches ihn, da er den Thron erst eben bestiegen habe, noch derartig in Anspruch nähmen, daß er den chinesischen Hof nicht eher als in zwei Jahren besuchen könne».
„Obgleich das Verhältnis zwischen dem neuen König und dem Kaiser ohne Zweifel gespannt war, war es noch nicht zu offenen Feindseligkeiten zwischen ihnen gekommen. Nun aber kam das Ereignis, welches der Unabhängigkeit des Staates Lau-lan ein Ende machen sollte. Am Ostrande von Lau-lan, wo dieses Land an China grenzte, scheint eine Örtlichkeit, der Peh-lung-Wall genannt, gelegen zu haben. Dieser Platz lag auf der großen Heerstraße von China über Lau-lan nach den westlichen Ländern; er litt an Dürre und hatte keine Weiden. Die Lau-laner wurden oft von den Chinesen aufgefordert, Führer, Wasser und Proviant nach diesem Platze zu schicken, wenn durchreisende Beamte dessen bedurften. Hierbei wurden die Ortseinwohner oft von chinesischen Soldaten brutal behandelt. Dadurch entstanden Reibungen; aber die Lage wurde noch verschlimmert durch die Hunnen, welche die Lau-laner immer im geheimen gegen die Chinesen aufhetzten. Schließlich beschlossen die Lau-laner, alle freundschaftlichen Beziehungen zu Wu-ti abzubrechen, und ermordeten einige seiner Gesandten, als diese durch das Gebiet von Lau-lan reisten. Diese Verräterei wurde dem chinesischen Hofe durch Hui Tu-chi, den jüngeren Bruder des Königs, hinterbracht, welcher, nachdem er sich unter die Oberhoheit des Han-Kaisers gestellt hatte, mit dem Plane umging, seinen älteren Bruder vom Throne zu stoßen. Infolgedessen wurde im Jahre 77 v. Chr. der chinesische General Fu-keae-tsu ausgeschickt, um dem König das Leben zu nehmen. Fu-keae-tsu wählte sich schleunigst einige Begleiter aus und begab sich nach Lau-lan. Er hatte vorher das Gerücht verbreiten lassen, daß er beauftragt sei, zu freundschaftlichen Untersuchungen nach einem Nachbarstaate zu reisen, und daß er dem König Geschenke zu überbringen habe. Fu-keae-tsu wurde bei seiner Ankunft von dem König, der nichts Böses ahnte, zu einem großartigen Feste eingeladen. Als der König betrunken war, gab Fu seinen Begleitern ein Zeichen, und nun wurde der König von hinten erstochen. Sein Kopf wurde vom Leibe getrennt und über dem Nordtore der Stadt aufgehängt. Zur Belohnung für seinen Verrat wurde Hui Tu-chi an Stelle seines Bruders zum König eingesetzt und das Königreich unter dem neuen Namen Shen-Shen, auf den der Lehnsbrief ausgefertigt wurde, wiederhergestellt. Damit dem Ansehen des neuen Regenten nichts mangeln sollte, erhielt er eine Dame des kaiserlichen Hofes zur Gemahlin, und als Hui Tu-chi die chinesische Hauptstadt verließ, um sich in sein Reich zu begeben, wurden ihm beim Abschied reiche Ehrenbezeigungen erwiesen. Auf diese Weise gelangte er auf den Thron. Doch er fühlte sich in seiner neuen Stellung nicht sicher. Weil er ein chinesischer Schützling war, betrachtete ihn das Volk, über welches er herrschen sollte, mit Mißtrauen. Außerdem hatte der tote König einen Sohn hinterlassen, und Hui Tu-chi lebte in beständiger Furcht, von diesem ermordet zu werden. Daher forderte Hui Tu-chi den Kaiser auf, in Lau-lan eine Militärkolonie zu errichten, und zwar in der Stadt E-tun, wo das Land, wie er sagte, «reich war und guten Ertrag gab». Dies geschah, und der Kaiser schickte einen Reiterobersten mit 40 Mann nach E-tun, um «die Felder zu bestellen und das Volk zu beruhigen». So gelang es dem großen Han-Monarchen, seine Macht über das Land Lau-lan oder Shen-shen zu erstrecken.
„Um die Zeit, als diese Chroniken geschrieben wurden, was wahrscheinlich um Christi Geburt herum geschah, zählte, wie uns berichtet wird, das Königreich Shen-shen 1570 Familien, was neben 2912 Mann geübten Truppen eine Bevölkerung von 14100 Personen ausmachte.
„Hinsichtlich der physischen Charakterzüge des Landes sagt das Tsien-Han-shu (von Herrn A. Wylie ins Englische übersetzt):
„«Das Land ist sandig und salzig, und es gibt dort wenig angebaute Felder. In betreff des Getreides und der Ackerbauerzeugnisse ist die Gegend auf die benachbarten Reiche angewiesen. Das Land bringt Nephrit, Binsen in Menge, Tamarisken, Elaecocca vernicia und weißes Gras hervor. Die Bevölkerung treibt ihr Vieh überall auf die Weide, wo es genügend Wasser und Gras finden kann. Die Leute besitzen Esel, Pferde und Kamele. Sie können für Kriegsbedarf dieselbe Art Waffen anfertigen wie die Leute in Tso-kiang.»
„Soweit gehen also die in dem Tsien-Han-shu enthaltenen Nachrichten. Hören wir, was Fa-Heen von Lau-lan sagt, durch welches Land er im fünften Jahrhundert n. Chr. reiste, als er sich von China nach Indien begab, um sich die heiligen Bücher des Buddhismus zu verschaffen. Die englische Übersetzung ist von Dr. J. Legge.