„«Nachdem sie 17 Tage gereist waren, welche Entfernung wir auf etwa 1500 Li (von Tun-huang) schätzen können, erreichten die Pilger das Königreich Shen-shen, ein kupiertes, hügeliges Land mit magerem, unfruchtbarem Boden. Die Kleidungsstücke der gewöhnlichen Leute sind einfach und gleichen den in unserem Lande Han gewebten; einige tragen Filz und andere Serge oder härene Stoffe. Der König gehorchte unserem Gesetze, und in dem Königreiche gibt es wohl mehr als 4000 Mönche, die alle das Hinayana (das kleine Erlösungsmittel) studieren. Die breiteren Schichten der Bevölkerung dieses und anderer Königreiche in dieser Gegend, wie auch die Sramanen (Mönche) leben alle auf indische Weise, diese jedoch strenger, jene etwas freier. Hier hielten sich die Pilger ungefähr einen Monat auf und setzten dann ihre Reise fort, worauf sie ein fünfzehntägiger Marsch nach Nordwesten nach dem Lande Wu-e führte. Hier gab es über 4000 Mönche, die alle das Hinayana studierten.»“
„Hsian-Tsang (629–645 n. Chr.) passierte zweihundert Jahre nach Fa-Heen auf der Rückreise von Indien Lau-lan, aber seine Nachrichten von dem Lande sind außerordentlich dürftig. Wir erfahren nur, daß er, nachdem er die mit Mauern umgebene, aber verlassene Stadt Tsche-mo-to-na oder Nimo verlassen hatte, 1000 Li in nordöstlicher Richtung reiste und Na-po-po erreichte, welches dasselbe ist wie Lau-lan.“
Aus diesen von Macartney zusammengestellten Angaben ersehen wir, daß Lôu-lan seinerzeit eine gewisse Bedeutung hatte. Wahrscheinlich würde man durch fortgesetzte Ausgrabungen noch reichere Funde machen können als die, von denen ich kurz berichtet habe.
Sechstes Kapitel.
Ein Nivellement durch die Lopwüste.
Am 10. März frühmorgens wurde es im Lager unruhig; wir wollten von unserer festen Operationsbasis aufbrechen und die stille Stadt wieder ihrer tausendjährigen Ruhe überlassen. Wird je wieder ein abendländischer Pilger in den Mauern von Lôu-lan zu Gaste sein?
Drei Eissäcke wurden den Kamelen geopfert, die kauen durften, soviel sie wollten; die Last war auf jeden Fall zu schwer. Die eingeheimste Ernte an Schnitzereien und anderen Dingen wurde zu Packen gebunden und das Gepäck geordnet. Die Karawane sollte hier in zwei Partien geteilt werden. Ich wollte südwärts gehen, um ein Präzisionsnivellement durch die Wüste nach dem Kara-koschun auszuführen. Als Begleiter hatte ich Schagdur, Kutschuk, Chodai Kullu und Chodai Värdi ausersehen. Wir brauchten nur vier Kamele, eines für das Gepäck und drei für Eis ([Abb. 216]). Ich nahm nur das Unentbehrlichste an Proviant und Kleidern, Instrumente, alles zum Nivellieren Nötige, die halbe Jurte und das halbe Bett mit; die Leute konnten unter freiem Himmel schlafen. Die Frühlingswärme war bereits so stark, daß der Ofen überflüssig war. Der Proviant wog nicht viel. Das Wenige, was noch an Reis und Brot da war, wurde in für acht Tage berechnete Rationen geteilt.
Der übrige Teil der Karawane, Faisullah, Li Loje und Mollah, sechs Kamele, drei Pferde, die drei Hunde und das ganze schwerere Gepäck nebst Eis und Proviant für vier Tage sollten allein weiterziehen.
Faisullah, der im vorigen Jahre die Wüstendurchquerung von Altimisch-bulak an mitgemacht hatte, mußte nach Kum-tschappgan, wo wir uns wieder treffen wollten, hinfinden können. Er hatte Befehl, sich direkt dorthin zu begeben und dort auf unsere Ankunft zu warten. Der Sicherheit halber erhielt er gründlichen Unterricht, wie er sich vom Kompaß nach Südwesten führen lassen müsse. Ich war von Faisullahs Klugheit und Vorsicht überzeugt, hielt es aber doch für besser, alle Kartenblätter von dieser Reise, die Manuskripte und Stäbe aus Lôu-lan, meine Notizbücher und die Beobachtungsjournale selbst mitzunehmen. Obgleich Faisullah, wie wir noch hören werden, ein höchst unerwartetes Abenteuer hatte, wären die kostbaren Papiere bei ihm doch sicherer gewesen als bei mir, wie sich noch zeigen wird!
Während die beiden Karawanen beladen wurden, brach ich auf. Faisullah und seine beiden Kameraden halfen Chodai Värdi, der Befehl hatte, uns mit unseren vier Kamelen nachzukommen und sich am Abend bereitzuhalten, das Lager aufzuschlagen.
Zum Ausgangspunkte des Nivellements wählte ich den Platz an der Basis des Turmes, wo meine Jurte gestanden hatte. Hier wurde die 4 Meter hohe Nivellierlatte zum ersten Male aufgerichtet. Sie wurde stets auf eine Platte gestellt, um nicht einzusinken, wenn sie halb umgedreht wurde. Schagdur handhabte sie während der ganzen Wanderung auf mustergültige Weise. Das Fernrohr wurde 100 Meter südlich von ihr aufgestellt, und ich machte meine erste Ablesung, worauf Schagdur am Fernrohr vorbeiging und die Latte zum zweiten Male 100 Meter südlich davon aufstellte — und so weiter, Tag für Tag, bis an den Kara-koschun, wohin wir 81½ Kilometer hatten!