Der Abstand zwischen Fernrohr und Stange wurde von Kutschuk und Chodai Kullu mit einem 50 Meter langen Bandmaße gemessen, das also jedesmal zweimal auf der Erde abrollte. Das Fernrohr mit seinem Stativ wurde beim Weitergehen von Kutschuk getragen. Ich selbst hatte die Ablesungen, Kompaßpeilungen, Marschroute und Aufzeichnungen über den Charakter des Terrains zu machen.

Bevor die Leute an diese für sie neue Arbeit gewöhnt waren, kamen wir nur langsam weiter; aber nicht lange dauerte es, so ging alles seinen regelrechten Gang, und es gab keine unnötigen Verzögerungen mehr.

In dieser Richtung, von Lôu-lan nach Süden, war es sehr deutlich zu merken, daß wir die Uferlinie des früheren Sees passierten. Die toten Bäume, Sträucher und Schilfstoppeln hörten mit einem Schlag auf, und nun waren wir auf ödem, graugelbem Lehmboden ohne alle Vegetation, wo wir uns ohne Zweifel auf einem alten Seeboden befanden.

Einundneunzigmal waren die Stange und das Fernrohr vorgerückt, bevor wir es, nach einem Marsche von 9140 Meter, an der Zeit hielten zu lagern. Es fing an dämmerig zu werden. Aber Chodai Värdi mit den vier Kamelen war nicht zu erblicken. Wir spähten von Hügeln und Kegeln nach ihm aus, doch der Mann war spurlos verschwunden. Hatte er sich verirrt? Hatte er mich mißverstanden und Faisullah begleitet oder war er bei den Ruinen geblieben?

An einem Punkte, wo wieder dürres Holz auftrat, zündeten wir auf einem Hügel ein großes Signalfeuer an. Schagdur begab sich trotz der Dunkelheit auf die Suche. Ich war in größter Unruhe. Wenn Chodai Värdi sich verirrt hatte, war er verloren. Er war noch nie in der Gegend gewesen und hatte keine Ahnung, wohin er gehen mußte, um nach dem Kara-koschun zu gelangen. Und fanden wir ihn nicht wieder, so würde natürlich auch unsere Lage — ohne Wasser und ohne Nahrung — kritisch sein; es war bis an den See noch so weit, daß unsere Kräfte schwerlich so weit reichen konnten, und nach der isolierten Quelle zurückzukehren, wäre ebenso verzweifelt gewesen. Doch am meisten von allem quälte mich der Gedanke: sollten alle Resultate einer viermonatigen Wanderung nur durch die Dummheit eines Dieners verlorengehen?

Wir zerbrachen uns den Kopf und lauschten und stapelten alles, was Holz hieß, auf das Feuer, das hoch und wild in der sonst undurchdringlichen Dunkelheit flammte. Kein Laut war zu hören. Die Wüste lag so tot und öde da, als gehörte sie nicht einem von Menschen bewohnten Planeten an. Statt uns nach der anstrengenden Arbeit und Fußwanderung des Tages an Wasser laben können, hielt uns nun diese unheimliche, düstere Unruhe gepackt. Es bedurfte jetzt nur noch eines Nebelsturmes — dann wäre alles verloren gewesen!

So schlimm sollte es nicht werden. Im nächtlichen Dunkel ertönten tappende Schritte: Chodai Värdi kam mit den Kamelen wohlbehalten an! Ich war froh, nichts eingebüßt zu haben, so daß ich ganz vergaß, ihm seine wohlverdiente Schelte zukommen zu lassen. Er erklärte, daß er durch die Form der Lehmterrassen gezwungen worden sei, sich zu weit nach rechts zu halten, und nachher weder uns noch eine Spur habe wiederfinden können. Als er abends im Südwesten ein Feuer gesehen habe, sei ihm endlich klar geworden, daß er sich auf Irrwegen befinde — dies war nämlich Faisullahs Feuer. Er sei also umgekehrt und habe schon aus sehr weiter Ferne unser Feuer erblickt, auf das er nun losgesteuert sei. Es war wirklich ein Wunder, daß keines der Kamele sich beim Überschreiten dieser unzähligen, finsteren, gähnenden Gräben in der Dunkelheit die Beine gebrochen hatte.

In aller Eile wurde das Lager aufgeschlagen und der Kessel auf das Feuer gesetzt. Schagdur war und blieb fort, und Chodai Kullu wurde mit der Flinte ausgeschickt, um einige Signalschüsse abzufeuern. Daß er weit ging, konnte man hören, da die Schüsse allmählich immer schwächer wurden und schließlich in der Ferne erstarben. Doch er kam unverrichteter Sache wieder, und wir gingen zur Ruhe.

Daß dieses Abenteuer noch so ablief, war eine Fügung der Vorsehung; aber daß ein Mensch wie Chodai Värdi, der sonst stets gesunden Verstand gezeigt, so unglaublich dumm sein konnte, ist unerklärlich. Er war 12 Stunden kreuz und quer in der Wüste umhergeirrt, während wir nur 9,1 Kilometer zurückgelegt hatten. Vom Lager konnte man sogar noch den Lehmturm von Lôu-lan sehen. Um Schagdur hatte ich nicht Angst. Ich kannte ihn zur Genüge, um zu wissen, daß er sich allein nach dem Kara-koschun durchschlagen würde. Er hatte stets einen Kompaß bei sich und wußte auf meinen Karten gut Bescheid.

Am folgenden Morgen erwachte ich bei einem vollen Sturm, der dicke Sandwolken durch die Rinne trieb, in der wir lagerten; sie zogen in ihr dahin wie Wasser in seinem Bette, und der Sand feilte die Seiten der Lehmterrassen. Die öde Landschaft sah in dieser neuen Beleuchtung, die der des gestrigen Feuers so unähnlich war, geradezu schauerlich fremd aus. Nivellieren war ganz unmöglich; wir mußten liegenbleiben. Schagdur fand sich nicht ein; er hatte in dem heimtückischen Sturme offenbar unsere Spur verloren.