Am Vormittag hielt ich mich meistens bei den Kamelen auf. Ich saß bei ihnen, streichelte ihnen den Kopf und klopfte ihnen den Rücken. Wenn sie nur geahnt hätten, wie ich sie schätzte, wie dankbar ich ihnen für die Dienste war, die sie mir geleistet hatten, und wie leid es mir tat, daß ich sie einem Führer anvertraut hatte, der sie nutzlos gequält und ihre empfindlichen Fußschwielen unnötigerweise in der harten Lehmwüste angestrengt hatte. Ruhig, zufrieden und würdig wie immer lagen sie da und glaubten wohl, es sei notwendig gewesen, 40 Kilometer in der Wüste umherzuirren. Ohne Rücksicht auf die Folgen ließ ich ihnen einen Sack Kamisch und einen Sack Eis geben. Doch welch ein Lohn wartete ihrer später! Alle, außer einem, starben in Tibet.
Mein Erstaunen war grenzenlos, als um die Mittagszeit Schagdur mit leichten, elastischen Schritten aus dem Staubnebel auftauchte! Der prächtige Junge, der einen ganzen Stamm von Muselmännern aufwiegt, war, seit er uns am vorigen Abend um 5 Uhr verlassen hatte, unausgesetzt auf den Beinen gewesen. In der Nacht hatte er Faisullahs Feuer gesehen und war dorthingeeilt. Ich hatte nämlich Faisullah befohlen, das Feuer bis spät in die Nacht zu unterhalten, nur um der Kuriosität halber feststellen zu können, ob es bei uns auf 20 Kilometer Abstand sichtbar wäre. Von Faisullah hatte Schagdur einen kleinen Vorrat Reis und Eis erhalten, denn, als sich jetzt der Sturm erhob, hatten sie gefürchtet, daß er uns nicht wiederfinden würde.
Er wollte es versuchen. Glücklicherweise hatte er auf dem Hinwege die Kompaßpeilungen aufgezeichnet. Ein paarmal hatte er die Spur von Chodai Värdis Kamelen gesehen, sie dann aber wieder verloren.
Daß er uns fand, war ein Meisterstück sondergleichen. Nur ein Burjat, der sein Leben unter freiem Himmel in der Wildnis zugebracht hat und dazu Kosak ist, bringt derartiges fertig. Denn man muß bedenken, daß die Lager 20 Kilometer voneinander entfernt lagen, der Boden eben wie eine Wasserfläche war und man im Nebelsturme höchstens 50 Meter weit vor sich sehen konnte und alle Spuren zugeweht waren. Wenn ein Mensch solche Beweise von Tüchtigkeit, Klugheit und Treue gibt, kann man ihm alles anvertrauen — und das tat ich später auch ein paarmal.
Es machte uns freilich einen Strich durch die Rechnung, daß wir einen ganzen Tag verloren, doch was tat das, da der Himmel mir den schweren Verlust, der mir drohte, erspart hatte? Wir versuchten unseren Weg fortzusetzen, aber es ging nicht. Wenn der Wind 11 Meter in der Sekunde macht, schwankt die Stange und kann abbrechen, und das Fernrohr zittert auf seinem Stativ. Wir mußten uns gedulden und noch eine Nacht auf diesem wüsten Platze zubringen.
Am 12. März war ein herrlicher Tag, und wir begannen früh, arbeiteten bis Sonnenuntergang und hielten nur um 1 Uhr zehn Minuten Rast zur Ablesung der meteorologischen Instrumente. Jetzt führte Chodai Kullu die Kamele, mußte aber ganz in unserer Nähe bleiben. Der Weg ging nach Südsüdosten. Die Winderosionsfurchen ziehen sich nach Südwesten, und wir mußten über die zwischen ihnen liegenden Rücken hinüber. Für uns Fußgänger ging es wohl an, aber für die Kamele war es sehr ermüdend. Sie mußten in weiten Umwegen geführt werden, während wir mit den Instrumenten in geraden Linien vorrückten.
Abwechslung bietet sich dem Auge nicht mehr, aber das kann man in einer Wüste auch nicht verlangen. Ein Unterschied gegen die westlichere Linie des vorigen Jahres war, daß wir hier weniger, ja fast gar keinen Sand hatten. In den Rinnen ist der Boden oft mit einer fußdicken Schicht von feinem Staub bedeckt, in den man einsinkt wie in Wasser. Meistens haben wir jedoch harten Lehmboden, und bald schmerzen uns von dem ewigen Springen die Füße.
Gegen Sonnenuntergang mußte Chodai Kullu vorausgehen und das Lager aufschlagen, so daß alles fertig war, als wir mit der Tagesarbeit aufhörten. Der Fixpunkt, wo die Arbeit unterbrochen und am folgenden Morgen wiederaufgenommen werden muß, wird so gewählt, daß irgendwelche Verrückung während der Nacht ausgeschlossen ist.
Mit wachsendem Interesse rechnete ich abends aus, was die Zahlenreihen zu sagen hatten. Heute zeigten sie mir, daß wir auf 11201 Meter 2,466 Meter gefallen waren. Ich würde diese ermüdende, die Geduld auf die Probe stellende Arbeit nicht ausgehalten haben, wenn ich nicht eine wichtige Entdeckung erwartet hätte. Die nivellierte Linie sollte das entscheidende Urteil über das Lop-nor-Problem fällen. Ihr Profil würde zeigen, ob es möglich oder unmöglich war, daß im nördlichen Teile der Wüste Lop ein See gelegen hat.
Frühauf und gleich an die Arbeit, ist jetzt morgens die Losung.