Der Boden wurde heute günstiger. Die Jardang folgen nicht mehr so dicht aufeinander und sind niedriger, wir brauchen nicht soviel zu klettern. Aber Schneckenschalen sind allgemein, manchmal ist der Boden von ihnen ganz weißgetüpfelt. Kleine Höcker auf der Oberfläche abgerechnet, ist der Boden so eben wie ein Fußboden.

War diese Gegend für das Auge trostlos und einförmig, so war sie für das Nivellement um so bequemer. Keine Hindernisse stellten sich uns in den Weg; wir gingen in gerader Linie, rasch und ohne Unterbrechung. Wenn das Fernrohr mit der Wasserwage eingestellt ist und ich es um den Horizont führe, liegt dieser überall in genau demselben Abstande von den horizontalen Fäden des Fadenkreuzes.

Fünf Scharen Enten streichen gen Norden. Kutschuk vermutete witzig, daß unsere Entsatzexpedition unter Tokta Ahun sie vom Nordufer des Kara-koschun vertrieben habe. Wahrscheinlich ist, daß die Enten sich im Winter an diesem See und im Sommer am Bagrasch-köll aufhalten. Eine Eintagsfliege machte eine Runde um uns und verschwand wie ein funkelnder Smaragd in südlicher Richtung.

Während dieses Tages stiegen wir 2,763 Meter und befanden uns 0,11 Meter höher als im Ausgangspunkte in Lôu-lan. Wir waren mit anderen Worten auf 32 Kilometer Wegstrecke 11 Zentimeter gestiegen! Schon in diesem Lager hatte ich also den Schlüssel des Lop-nor-Problems gefunden. Die beiden ersten Tage waren wir gefallen, den dritten gestiegen; wir hatten also eine deutliche Depression überschritten, und diese ist es, die das ehemalige Bett des Lop-nor repräsentiert. Das Resultat der Arbeit der folgenden Tage würde auf diesen Schluß nicht mehr einwirken. Wir waren durch ein Becken gegangen, gleichviel in welchem Niveau sich der Kara-koschun im Verhältnis zum Ausgangspunkte befinden mochte; und daß dieses Becken einst Wasser enthalten hatte, wurde durch die Schneckenschalen und viele andere bereits erwähnte Umstände bewiesen.

Mit dem Schlage 7 Uhr ertönte ein pfeifendes Brausen im Nordosten, und ein paar Minuten später fuhr der schwarze Sturm mit ungezügelter Wut über den Boden, der ihm nicht das geringste Hindernis in den Weg stellte. Die Sonne war in außergewöhnlicher Weise in dichten Wolken untergegangen, und der Tag war drückend schwül gewesen. Alle notwendigen Vorsichtsmaßregeln wurden getroffen, der Fixpunkt festgeschlossen, die Jurte gründlich festgemacht, die Feuer ausgelöscht und, nachdem die Kamele mit den Köpfen auf die vom Winde abgewandte Seite gebracht worden waren, bereitete sich jeder auf das, was kommen sollte, vor; es wurde still im Lager, und nur der Sturm heulte um uns herum. Der Flugsand drang durch das Zelttuch; draußen war es stockfinster, und keine Sterne waren zu sehen.

Jeden Abend um 9 Uhr stellte Schagdur das Kochthermometer, das ich stets selbst ablas. Als er von meiner Jurte nach seinem Schlafplatze neben der Küchengeschirr enthaltenden Kiste zurückkehren wollte, fand er sich, trotzdem es nur 15 Schritte waren, nicht zurecht und verirrte sich. Eine halbe Stunde später hörte ich schwaches Rufen aus einer ganz anderen Richtung. Ich rief aus vollem Halse, und Schagdur fand sich so nach der Jurte zurück. Er war die ganze Zeit gekrochen, denn Stehen war unmöglich, und pechfinster war es auf allen Seiten. Nur auf folgende Weise konnte er seinen Platz finden; ich hielt eine kleine Spalte im Zelttuche offen, und den Blick auf diese gerichtet, kroch er rückwärts, bis er bei der Kiste anlangte. Wer nie einen solchen Sturm erlebt hat, kann sich keinen Begriff davon machen. Man wird verdreht und will nur gehen, immerzu gehen, weiß aber nicht, wohin der Weg führt; der Ortssinn scheint gelähmt zu sein, man geht im Kreise, glaubt aber in gerader Linie zu gehen. Es ist eine Art Wüstensturmkrankheit, die näher mit der Platzkrankheit als mit See- und Bergkrankheit verwandt ist; sie schlägt sich auf das Gehirn. Wäre Chodai Värdi von solch einem Sturme überfallen worden, so wäre er verloren gewesen.

Am folgenden Morgen waren die Folgen des schwarzen Sturmes deutlich erkennbar. Um meine Jurte hatte der Sand eine Ringdüne gebildet, und auch hinter den Köpfen der Kamele hatten sich große Sandhaufen gebildet. Sobald sich ein Hindernis im Wege des Flugsandes erhebt, entstehen Dünen; sonst treibt er nach Westen.

Glücklicherweise hörte der Sturm um 11 Uhr auf, und wir konnten nach Süden weiterziehen.

Die Wüste ist trostlos einförmig; der Boden besteht aus einem Gemenge, das die Eingeborenen „Schor“ nennen. Sand, Staub, Kalk und Salz, alles erstarrt und zu einer ziegelharten Masse zusammengebacken. Das Salz ist manchmal in dünnen Schollen abgesondert. Als das Wasser verschwunden war, scheint diese Masse sich durch Austrocknen ausgedehnt zu haben, denn sie ist zu unzähligen, nach allen möglichen Richtungen laufenden Wülsten aufgesprungen; die Höhe dieser beträgt manchmal 75 Zentimeter. Hier gibt es absolut keine Spur von vegetativem oder animalem Leben, nicht einmal eine Schneckenschale. Es ist offenbar der Boden eines Salzsees, und wir wissen auch, daß die Chinesen den Lop-nor in alten Zeiten den „Salzsee“ genannt haben. Auch der Kara-koschun hat abgeschnürte Teile, deren Wasser salzig ist, und im Süden dieses Sees sieht der früher überschwemmte Boden genau so aus wie hier — am südlichen Ufergebiete des alten Lop-nor.