201. Das geschossene Kamel. ([S. 34])
202. Der erste Turm der untergegangenen Stadt. ([S. 38].)
Dieser eigentümliche nördliche Auswuchs des Kara-koschun kann zum Teil auch auf den hydrographischen Verhältnissen im ganzen Tarimbecken beruhen. Alle Flüsse Ostturkestans waren während des vorhergehenden Sommers und Herbstes außergewöhnlich wasserreich, welcher Umstand wahrscheinlich von dem größeren Schneeniederschlag in den Randgebirgen herrührt. Dieser wieder würde sich nur aus größeren Gesichtspunkten, wie der Verteilung des Luftdruckes, dem Vordringen der Winde und besonders der Monsune, erklären lassen. Wenn der Zufluß reichlicher ist, müssen auch die äußersten Seen des Tarimsystems zu größeren Dimensionen als gewöhnlich anschwellen.
Einige vereinzelte Tamarisken und ein paar dürre Pappeln mahnten uns, an einem Punkte zu lagern, wo die Spuren von Faisullahs Karawane sehr deutlich waren. Faisullah hatte sich, wie wir, in diese scheußliche Mausefalle hineinlocken lassen und war umgekehrt, um den wandernden See im Nordosten zu umgehen.
Das Terrain war schwierig und wurde am folgenden Marschtage nicht besser. Die Lehmrücken und die zwischen ihnen liegenden Rinnen sind konsequent nach Nordosten gerichtet, und wir mußten sie in der Quere überschreiten. Die Ausläufer des neuen Sees zeigen wie Finger nach derselben Richtung. Wir gehen nach allen Himmelsrichtungen, um ihnen auszuweichen, und erst, nachdem wir die äußersten hinter uns zurückgelassen haben, können wir nach Westen und Südwesten ziehen. Da aber hatten wir beinahe schon den halben Weg nach Lôu-lan zurücklegen müssen. Hätte ich von der diesjährigen Wasserverteilung eine Ahnung gehabt, so hätte das Nivellement auf die halbe Entfernung beschränkt werden können.
Ich wunderte mich, an einigen Stellen dieser Gegend alten Kamelmist, der manchmal in ziemlich großer Menge vorkam, zu finden. Daß es sich dabei nur um wilde Herden handeln konnte, ist sonnenklar. Sie kreuzen also die Wüste und kennen die Existenz der im Süden liegenden Seen. Und sie können ruhig hierherkommen, denn jetzt begeben sich Menschen nur äußerst selten hierher. Die Entfernung ist für diese schnellfüßigen Tiere nur eine Kleinigkeit.
Die Reise nach Südwesten ging leichter, denn jetzt konnten wir uns in den Windfurchen halten und ganze Strecken weit Faisullahs Spuren folgen. Wenn wir bezweifelt hätten, daß es wirklich seine Karawane gewesen, so hätte uns ein „lebender“ Beweis bald Gewißheit gegeben. Dort lag ein totes Pferd, der Braune, den Schagdur geritten hatte. Die Eingeweide waren weggeworfen und die weicheren und besseren Fleischteile mitgenommen worden. Gewiß hatten sie keinen Proviant mehr gehabt.
Wir machten an dem unfruchtbaren Ufer eines Seearmes Halt. Recht eigentümlich war es, zu sehen, wie das Wasser nach Nordosten strömte, d. h. wie der Ausläufer sich immer mehr nach dieser Richtung hin vergrößerte und immer neuen Zufluß von Südwesten erhielt. Hier befanden wir uns sicherlich gerade vor der nördlichen Depression der nivellierten Linie, und die schwache Erhebung zwischen dem nördlichen und südlichen Becken der Wüste, die wir nivelliert hatten, fehlt hier oder hat hier eine Lücke.