Am 28. fuhren wir fort, den launenhaft gewundenen Ufern getreulich zu folgen. Auch jetzt wurde eine interessante Beobachtung an einem Tümpel gemacht, der sich gebildet hatte, seitdem Tschernoff vor sieben Tagen eine Kartenskizze über die Gegend aufgenommen hatte ([Abb. 218]). Er ist abgeschnürt und wird durch aus dem Boden hervorquellendes Wasser gespeist. Seine Fläche (zirka 50000 Quadratmeter) gleicht der Oberfläche eines kochenden Kessels, das Wasser sprudelt und wallt mit einem singenden Tone. Das aufsteigende Quellwasser bringt Luftblasen mit, die um jeden Herd Schaumblasen bilden. Manchmal wölbt sich das Wasser dezimeterhoch, an einen Miniaturgeiser erinnernd, und es plätschert im Tümpel, als ob große Fische mit dem Schwanze auf die Wasserfläche schlügen.
Das spezifische Gewicht war 1,0036, und das Wasser erschien uns, die wir an größeren Salzgehalt gewöhnt waren, beinahe süß; ein paar Kannen davon wurden zum Abend mitgenommen. Um es so frisch wie möglich zu halten, sollte Kutschuk aus der Mitte des Tümpels schöpfen, aber im selben Augenblick war er verschwunden. Er war auf eine tückisch versteckte Jarkante gelangt und plötzlich von ihr in tiefes Wasser geraten. Da er nun einmal naß war, mußte er über den Tümpel schwimmen und mit einer Zeltstange loten. Die größte Tiefe betrug 2,22 Meter — und dieser kleine See hatte sich in einer Woche gebildet!
Während der kurzen Zeit unseres Aufenthalts am Ufer konnten wir sehen, wie das Wasser sich nach den Seiten hin ausbreitete; neue kleine Arme drangen in die Rinnen ein, neue Bodensenkungen füllten sich allmählich. Wie weit würden diese wandernden Seen in diesem Jahre gelangen? Würden sie bis an das alte Becken des Lop-nor vordringen? Nur neue Besuche in der Gegend konnten diese Fragen beantworten.
Nun ging es weiter nach Westen, Südosten und Osten um die Seen herum, wo der arme Chodai Kullu ohne Nahrung gewandert war. Wir fanden auch den Punkt, wo Faisullah das Ufer verlassen und sich in die Sandwüste hineinbegeben hatte.
Dieses Unternehmen sah so bedenklich aus, daß ich Schagdur der Spur folgen ließ, um zu sehen, wo sie blieb. Nach dem Kompaß nahm er sie eine Strecke von 10 Kilometer weit auf und konnte mich damit beruhigen, daß die Karawane nur einen Umweg gemacht und dann wieder nach Südwesten gegangen war. Hätte sie das Ufer nicht verlassen, so würde sie nach einer weiteren Tagereise das Standlager der Hilfskarawane erreicht haben.
Ein paar leere Konservenbüchsen verrieten den Punkt, an dem wir im vorigen Jahr bei dem ersten Salztümpel das Lager aufschlugen, der, wie wir damals meinten, vom Schirge-tschappgan herrührte. Der schmale Arm, den wir damals mit Leichtigkeit durchwateten, war jetzt so angeschwollen, daß man sowohl sich selbst wie die Kamele bequem darin ertränken konnte.
Unser letzter Tagemarsch um den zeitraubenden See führte uns südwärts nach Tokta Ahuns Standlager, wo wir ihn und Chodai Kullu in schönster Ruhe in der Hütte fanden.
So hatten wir denn endlich nach dem anstrengenden, drückenden Wüstenzuge diese heiß ersehnte Freistatt erreicht. Doch sie empfing uns wenig gastfreundlich. Alle Leute aus Kum-tschappgan waren in dem Glauben, daß wir südlich um den Kara-koschun herum kämen, nach Hause gezogen. Indessen hatten sie zum Glück zwei Kähne hinterlassen, und Proviant war reichlich vorhanden. Doch Tokta Ahun mußte sofort zu Pferd nach Kum-tschappgan eilen, um frische Fische zu besorgen.
Am 30. machte Sturm alle Arbeiten im Freien unmöglich. Ich unterhielt mich daher mit den Kosaken und lag die übrige Zeit lesend auf meinem Bette.
Der Tag darauf war günstiger; es wehte wohl, aber jetzt konnten wir die Wassermenge messen, die nordwärts nach dem alten Bette des Lop-nor drängte. Die Wellenbewegung war für einen Kahn zu stark; wir banden daher beide zusammen; Tschernoff und Chodai Kullu waren meine Ruderer. Der Kosak wußte in diesen labyrinthähnlichen Schilfdickichten, die er während der langen Wartezeit nach allen Richtungen hin durchkreuzt hatte, außerordentlich gut Bescheid.