Es wurde jedoch eine ziemlich schwierige Arbeit. Chodai Kullu und Tokta Ahun waren vor sechs Tagen auf ihrem Wege nach der Hütte über acht bedeutende Strömungen geschwommen, mir gelang es aber nur, sechs zu messen, die vollkommen deutlich und abgegrenzt waren und zusammen 32 Kubikmeter Wasser in der Sekunde führten. Dieser Wert ist jedoch sicherlich zu niedrig, denn viel fließendes Wasser ist in dem dichten Schilfe verborgen. Jedenfalls fanden wir, daß jetzt kolossale Mengen auf dem Wege nach Norden waren. Drei Millionen Kubikmeter Wasser im Laufe eines Tages sind in Anbetracht der ungeheuren Flachheit des Landes imstande, einen recht ansehnlichen See zu bilden. In dem lebhaftesten Arme strömte es mit einer Geschwindigkeit von 0,55 Meter in der Sekunde.

Es mag merkwürdig erscheinen, daß das Wasser noch nicht weiter als ein paar Tagereisen nach Nordosten vorgedrungen war; aber wir müssen bedenken, daß der strohtrockene Boden ungeheure Mengen aufsaugt; er muß erst durchfeuchtet werden, ehe das unruhige Element seinen Weg auf sicherer Unterlage fortsetzen kann.

Schön und frisch war es, in der sich jetzt klärenden Luft und dem kühlenden Winde, der durch gelbe, dürre Schilfbestände sauste, wieder einen ganzen Tag auf dem Wasser zuzubringen. Aber ich fühlte doch, daß ich jetzt von diesen Sümpfen für einige Zeit genug hatte und das Leben im Gebirge Abwechslungen ganz anderer Art und Erfahrungen von wechselnderer, mannigfaltigerer Natur bietet.

Ich konnte das Land der wandernden Seen auch mit großer Befriedigung und Dankbarkeit verlassen, denn ich nahm reiches Material von dort mit. Ich hatte Manuskripte und Ruinen von Dörfern am Ufer eines Sees gefunden; ich hatte naturgeschichtliche Beweise für das frühere Vorhandensein des Sees gefunden; die Nivellierung hatte ferner bewiesen, daß eine Depression im nördlichen Teile der Wüste existierte, und schließlich, als unbestreitbares Siegel der Richtigkeit des Ganzen, war ich mit eigenen Augen Zeuge gewesen, wie sich der See nach seinem alten Bette hinbewegte, und zwar so schnell, daß wir genau überlegen mußten, wie weit vom Ufer wir unser Nachtlager aufschlagen konnten.

Während der letzten Jahrzehnte oder seit Prschewalskijs Zeit hat der Kara-koschun sichtliche Neigung zum Austrocknen gezeigt. Ich bin fest davon überzeugt, daß wir nach Jahren den See wieder an der Stelle finden werden, wo er nach chinesischen Angaben einst seinen Platz gehabt haben soll und wo er, wie Richthofen in scharfsinniger Weise theoretisch bewiesen hat, auch wirklich gelegen haben muß.

Daß in der Wüste, die nach meinem Nivellement so gut wie ganz horizontal ist, derartige Verhältnisse herrschen, ist durchaus kein Wunder. Der See Kara-koschun, der jetzt lange genug in ihrem südlichen Teile gelegen hat, verflacht durch Schlamm, Flugsand und verfaulende Pflanzenstoffe, während die nördliche, vertrocknete Fläche der Wüste von den Winden erodiert und angefressen und dadurch immer tiefer ausgemeißelt wird. Für diese Niveauveränderungen, die von rein mechanischen, lokal atmosphärischen Kraftgesetzen diktiert werden, muß der See, der das Endreservoir des Tarimsystems bildet, außerordentlich empfindlich sein. Aus physischen Notwendigkeitsgründen muß es schließlich dazu kommen, daß das Wasser sozusagen überfließt und relativ niedrigere Depressionen aufsucht. Die Vegetation und das Tierleben, sowie die Fischerbevölkerung und ihre luftigen Hütten ziehen mit an die neuen Ufer, und der alte See trocknet aus. In der Zukunft wiederholt sich dasselbe Phänomen in umgekehrter Ordnung, aber von denselben Gesetzen vorgeschrieben. Erst dann wird man, mit reichhaltigerem Materiale, die Länge der Periode bestimmen können. Was wir jetzt schon mit voller Sicherheit wissen, ist, daß im Jahre 265 n. Chr., im letzten Regierungsjahre des Kaisers Yüan Ti, der Lop-nor im nördlichen Teile der Wüste lag.

Die Strecke, die wir am 1. April zurücklegten, kannte ich vom vorigen Jahre, und es ist stets unangenehm, denselben Weg zweimal zu machen. Etwas Abwechslung hatte ich jedoch dadurch, daß ich die neue Karte mit der vorjährigen vergleichen und die großen Veränderungen, die eingetreten waren, studieren mußte.

Jetzt nahte sich die Jahreszeit, in welcher die Abendkühle ein willkommener Freund ist, unter dessen Schutz man sich von den Mühen des Tages erholt. Bis jetzt hatten wir freilich noch nicht über Hitze zu klagen brauchen, aber unser acht Monate währender Winter hatte uns gegen Wärme empfindlich gemacht. An diesem Abend schwebten weiße Wölkchen über der Erde; die Luft war rein, und der Mond verbreitete sein klares Licht über dem Lande des wandernden Sees. Dann und wann durchschneiden sausende Flügelschläge die Luft, man hört Enten schnattern und Wildgänse schreien und gelegentlich auch das in dieser Jahreszeit schwere, ungeschickte Flügelklappen der Schwäne.

Am 2. April ging es nach Südwesten weiter. Nias Baki Bek, Numet Bek und unser alter Mollah kamen uns entgegen und meldeten, daß Faisullah mit der ganzen ihm anvertrauten Karawane wohlbehalten in Abdall eingetroffen sei. Am Ufer des Ak-köll machten wir Halt und warteten beim Sonnenuntergang und frühzeitigen Mückentanz auf Boote.

Nachdem wir uns des herrlichen, kühlen Abends ein paar Stunden erfreut und im Freien zu Abend gegessen hatten, hörten wir endlich das Geplauder der Seeleute und Rudergeplätscher, und dann glitt ein Geschwader von fünf Kähnen an unser stilles Ufer heran.