Sie führten uns und das Gepäck über den Ak-köll und ein Gewirr von anderen Seen und zuletzt auf den Fluß hinaus, Kona Abdall, dem alten Wohnorte Kuntschekkan Beks, wo ich 1896 gewohnt hatte, gerade gegenüber. Starke Arme ruderten uns gegen die Strömung, den Tarim aufwärts. Dank dem herrlichen Mondscheine konnte ich auch jetzt die Route aufnehmen. Es war eine jener reizenden, unvergeßlichen Mondscheinfahrten auf blankem Wasser, wie ich sie schon ein paarmal auf diesen friedlichen Wasserwegen gemacht hatte.
In später Nacht erreichte mein schnelles Fahrzeug unser früheres astronomisches Lager, wo unsere Hunde uns mit heftigem Gebell empfingen, das sich aber im nächsten Augenblick, als sie uns wiedererkannten, in Freudengeheul verwandelte.
Am folgenden Morgen maß ich die Wassermenge des Flusses, die jetzt 156,2 Kubikmeter in der Sekunde betrug und die größte war, die ich je im Tarimbecken gefunden habe, aber zum Teil dem kalten, schneereichen Winter und dem ungewöhnlich dicken, spät aufgetauten Eise zuzuschreiben war.
Faisullah mußte ausführlich über seine Schicksale und Erfahrungen seit unserer Trennung bei den Ruinen von Lôu-lan berichten. Er war 17 Tage unterwegs gewesen und hatte mehrere unerwartete hydrographische Entdeckungen gemacht.
Um 10 Uhr abends kam wie ein Donnerschlag der „schwarze Sturm“ und fegte alles, was nicht sicher befestigt war, nach Westsüdwest. Die ganze Gegend war in diesen dunkeln, pfeifenden Sturm gehüllt, und der Mond, der eben noch so kalt und hell gestrahlt hatte, wurde bleich und matt. Das Licht in meiner Jurte brannte erst dann, als neue Filzdecken über ihre Wölbung gezogen und alle Löcher und Ritzen verstopft worden waren. Die Kosaken, die mit einer Messung bei Kum-tschappgan beauftragt gewesen, kehrten erst um Mitternacht zurück und waren von den spritzenden Wellen ganz durchnäßt.
Der nächste Tag ging verloren. Es war keine Möglichkeit, sich in diesem undurchdringlichen Sturme auf den Weg zu machen. Ich hatte alle meine Pläne im Tarim- und Lop-nor-Gebiete ausgeführt und von dem Leben in den Kähnen Abschied genommen und sehnte mich nun nach Tibet. Aber ich sollte Abdalls gastfreie Hütten nicht verlassen, ohne noch einen Sturm erster Klasse als Abschiedsgruß zu bekommen. Und dieser war eigensinnig; er dauerte 41 Stunden, und als er endlich aufhörte, war die Luft mit feinem, dichtem Staube erfüllt. Das einzige Nützliche, was wir tun konnten, war, drei vortreffliche Kamele zu kaufen; wir hatten jetzt im ganzen 17 Stück.
Drei langweilige Tagereisen, wieder bei Sturm, trennten uns von unserem Hauptquartier in Tscharchlik, wo wir am Abend des 8. April von einer ganzen Kavalkade von Reitern empfangen wurden, die uns zwischen den einzeln liegenden Gärten durch nach unserem Serai geleiteten.
Achtes Kapitel.
Islam Bais Schicksal.
Jetzt folgte eine ebenso herrliche wie notwendige Ruhezeit in der kleinen Stadt am Rande der Wüste. Eigentlich aber kann ich es kaum Ruhezeit nennen, denn ich arbeitete auch jetzt vom Morgen bis zum Abend. Wir hatten unzählige Angelegenheiten zu ordnen und vorzubereiten, denn jetzt stand die schwerste Aufgabe des ganzen Reiseprogramms bevor: der letzte große Aufbruch nach Tibet.
Wir bewohnten ein außerordentlich nettes Serai in der Nähe des chinesischen Yamen. Von einer zwischen grauen Lehmmauern eingehegten Straße trat der Besucher in einen Hof mit Stallungen für unsere Pferde und Maulesel. Auf der entgegengesetzten Seite des Stallhofes führte eine Pforte in das große Gemach, in dem die Muselmänner wohnten; von hier ging ein Korridor nach der Wohnung der Kosaken. Eine kleine, neben letzterer liegende Kammer hatte Sirkin bereits als photographische Dunkelkammer eingerichtet.