Hinter diesem Hause erstreckte sich ein ziemlich großer, ummauerter Garten mit Maulbeerbäumen, Weiden und Pappeln, und hier wurde auf einem schattigen Platze die große mongolische Jurte für mich aufgeschlagen. An den Toren des Serai stellten wir nachts stets Wachen auf, und im Garten ebenfalls. Als Gesellschaft in meiner friedlichen Wohnung, in die keine neugierigen Blicke drangen, hatte ich Jolldasch und den großen schwarzen, bösen Jollbars (Tiger), der einst in Jangi-köll von einem wütenden wilden Eber so arg zugerichtet worden war. Er konnte keine Fremden leiden, nur gegen mich war er fromm wie ein Lamm.

Ein Hirsch, ein schönes, prächtiges Tier aus den Wäldern des Tschertschen-darja, den mir Dschan Daloi, der Gouverneur des Ortes, geschenkt hatte, war an einen Baum festgebunden; er war zahm wie ein Hund und wurde von mir mit Brot gefüttert ([Abb. 219]). Ich konnte ihm stundenlang Gesellschaft leisten, und wir wurden bald die besten Freunde. Er war jung eingefangen worden, und seine großen, braunen Augen suchten nicht mehr mit wehmütigen Blicken eine Gelegenheit, nach den friedlichen Verstecken der Wälder zurückzufliehen.

Nur die allerersten Tage ruhte ich wirklich in dem Lehnstuhle, den mir Islam in den Grotten von Temirlik gezimmert hatte. Ich widmete diese Zeit der gewaltigen Post, die mir der Dschigit Jakub kurz vorher aus Kaschgar überbracht hatte; erst kamen natürlich die Briefe aus meinem geliebten Elternhause, dann ganze Ballen von schwedischen Zeitungen und zuletzt einige neue Bücher von meinen Lieblingsschriftstellern, Selma Lagerlöf, Kipling und anderen.

Die Abende wurden zum Entwickeln benutzt; alle Platten, die in den letzten vier Monaten aufgenommen worden waren, wurden fertiggemacht und gaben gute Bilder. Sirkin war mir hierbei eine unschätzbare Hilfe. Er brachte die Dunkelkammer vor und nach ihrer Benutzung in Ordnung, wußte genau mit den verschiedenen Chemikalien Bescheid, überwachte das Trocknen und kopierte die Platten con amore. Außerdem besorgte er das meteorologische Observatorium, das seinen Platz auf dem Dache hatte, wo es vor der Sonne gut geschützt war. Was seine Kameraden betrifft, so hatte Tschernoff die Oberaufsicht über alles, was mit der Karawane, unserer täglichen Kost und meiner Küche zu tun hatte; er war mein Koch, während Tscherdon mein Kammerdiener war.

Doch schon am 12. April erhielten die beiden burjatischen Kosaken einen besonderen Auftrag auszuführen. Ein Punkt des Programms meiner letzten großen Reise war der Versuch, wenn irgend möglich, als Mongole verkleidet, nach Lhasa zu gelangen. Daher mußte eine vollständige Ausrüstung an mongolischen Kleidern, Utensilien, Kisten, Geschirr usw. angeschafft werden; mit einem Worte alles, was man bei den Mongolen, die die Wallfahrt nach der heiligen Stadt machen, zu finden pflegt. Alles dieses sollte Schagdur, der von allen Karawanenleuten allein in meine Pläne eingeweiht war, bei einem Besuche in Kara-schahr einkaufen. Damit er sich auf dieser langen Reise, zu der ihm ein Monat zur Verfügung stand, nicht gar zu einsam zu fühlen brauchte, gab ich ihm Tscherdon als Begleiter mit. Sie bekamen ausgeruhte Pferde, kannten beide den Weg, waren schon in Korla und Kara-schahr gewesen und waren alle beide so klug und zuverlässig, daß ich mich ihretwegen keinen Augenblick zu beunruhigen brauchte.

203. Aussicht nach Südwesten von dem Tora des Hauptquartiers. ([S. 38].)

204. Das Haus in der unmittelbaren Nähe des Lagers. ([S. 38].)