205. Der Lehmturm von der Südseite. ([S. 38].)
Die Tage verrannen gar zu schnell, aber jeder Tag hatte seine Arbeit. Ich tröstete mich damit, daß es für das Gebirge noch zu früh sei; sogar hier unten fing das Grün jetzt erst an auszuschlagen, im Hochgebirge würde es bis zum Aufsprießen des Grases wenigstens noch sechs Wochen dauern. Unterdessen mußten unsere Tiere ruhen, fressen und zu den ihnen bevorstehenden schweren Strapazen Kräfte sammeln. Sie erhielten Kamisch und Mais in Menge und wurden von ihren Knechten mustergültig gepflegt. Turdu Bai war der Herr der Kamele und stand für ihr Wohlergehen ein. Die Kerntruppe der Karawane wurde mit zwanzig neuen Kamelen, die Islam Bai in Tscharchlik kaufte, verstärkt. Als wir schließlich aufbrachen, hatten wir nicht weniger als 39 Kamele, unter denen jedoch drei Junge waren. Das letzte von diesen wurde am 6. Mai geboren und beinahe unmittelbar darauf von uns in Augenschein genommen. Das arme Kleine konnte kaum auf seinen langen, zitternden Beinen stehen und betrachtete mit neugierigen, aufmerksamen Blicken die unruhige Welt, die es umgab. Binnen weniger Tage sprang es jedoch ganz lustig und heimisch auf dem Stallhofe umher und wurde bald der Liebling aller. Es wurde mit besonderer Sorgfalt gepflegt und begleitete uns auf dem größten Teile der Reise durch Tibet, und als es starb, hatte es seine beiden Kameraden längst verloren ([Abb. 220]).
Die Kamele wurden tagsüber auf die Weide, bei Sonnenuntergang aber nach einem offenen Platze vor unserem Hofe geführt. Dort erhielten sie als Abendfutter Mais, der ihnen sackweise auf Matten geschüttet wurde.
Die Pferde und Maulesel fraßen im Stallhofe aus ihren Krippen. An heißen Tagen nahmen sie ein Bad in einem großen Teiche, der inmitten dichtbelaubter Weiden vor der Eingangspforte des Serai lag, und hier versammelten sich stets Scharen von Reisenden und Neugierigen ([Abb. 221]).
Der Unterhalt der immer größer werdenden Karawane wurde ziemlich teuer. Alle die neuen Diener, die nach und nach in meine Karawanenliste eingeschrieben wurden, sollten beköstigt werden und Lohnvorschuß erhalten. Täglich wurde mindestens ein Schaf geschlachtet, und Massen von Reis, Brot und Eiern wurden aufgegessen. Andererseits aber war es ein großer Vorteil, daß alle, Menschen und Tiere, die jetzt ins Feuer sollten, Kräfte für die schweren Tage sammelten.
Schon bei unserer Rückkehr nach Tscharchlik hatte Islam Bai den Proviant der ganzen Karawane für eine etwa zehnmonatige Reise angeschafft. Er bestand aus Reis, Mehl und Talkan (geröstetes Mehl, das, mit Wasser angerührt, als Suppe gegessen wird). Später sollte eine ganze Schafherde gekauft werden; im übrigen würde der Ertrag der Jagd so reich werden, daß es uns, auch abgesehen von den Schafen, nicht an frischem Fleische zu fehlen brauchte.
Für mich selbst hatte ich ein paar hundert Konservenbüchsen, die mir Oberst Saizeff in Osch besorgt hatte; sie wurden mir jedoch bald so zuwider, daß die Kosaken den größeren Teil davon nehmen mußten. Eingemachte Früchte, Gemüse und Suppen blieben jedoch die ganze Zeit genießbar.
Für die Kamele und die Pferde wurde ein großer Vorrat Mais in Säcken mitgenommen. Es handelte sich nur darum, wie diese schwere Last transportiert werden sollte. Ich dachte daran, zu diesem Zwecke Esel zu kaufen; ein Esel kostet in Tscharchlik nur 10 Sär (30 Mark). Aber eine hinreichend große Eselkarawane erforderte mindestens ein halbes Dutzend Treiber, und wenn dann die armen Tiere zusammengebrochen waren, würden wir alle diese Männer nutzlos, aber zu großem Schaden für unseren Proviant, auf dem Halse haben. Statt dessen beschloß ich, 70 Esel auf zwei Monate zu mieten. Sie kosteten freilich je 5 Sär den Monat, also ebensoviel, wie wenn wir sie gekauft hätten, aber wir hatten den Vorteil, daß wir nun von allen Sorgen um den Transport befreit waren und es Sache der Eseltreiber war, wie sie wieder nach Tscharchlik zurückkamen. Das Geschäft wurde mit dem alten Dowlet Karawan-baschi aus Buchara abgeschlossen, der sich vorzüglich bewährte, aber selbst wenig Gewinn davon hatte, da beinahe alle seine Esel dabei draufgingen.
Am 28. April traf mein alter Diener Mollah Schah aus Tschertschen ein. Er sollte durchaus mit auf diese Reise, denn er hatte an Littledales Zug nach dem Tengri-nor und Ladak teilgenommen und kannte daher die Hilfsquellen des Landes genauer als alle anderen.
Ich mußte unaufhörlich Besuche von Dienstsuchenden und anderen in meinem Garten empfangen. Bald kam dieser, bald jener mit der Bitte, mich begleiten zu dürfen. Aber mein Stab war schon ausgewählt, und wir wollten nicht zuviele Leute haben. Wir waren sogar der Meinung, daß einige der angestellten Männer vom Arka-tag, sobald alles in Ordnung war und die Tiere sich an ihre Lasten und an die Marschordnung gewöhnt hatten, zurückgeschickt werden könnten. Der Vater des toten Aldat suchte mich auch auf und erhielt ein Geldgeschenk. Dschan Daloi, der Amban von Tscharchlik, befand sich auf seiner Dienstreise nach Kara-schahr; aber sein kleiner sechsjähriger Sohn besuchte mich oft in meiner Jurte. Er zeigte stets in seiner Rede und seinem Benehmen den feinen, eleganten Umgangston, der gebildete Chinesen kennzeichnet. Ich schenkte dem Knaben Süßigkeiten, illustrierte Zeitungen und allerlei Kleinigkeiten, die sein großes Entzücken erregten, und er versäumte nie, mir zum Dank Obst mitzubringen oder meinen Pferden einige Bündel frischen Klee zu senden. Anfang Mai starb er an den Blattern; der arme Vater kam einen Tag zu spät heim, um in der Todesstunde bei ihm sein zu können.