Das Wetter war herrlich. Es stürmte beinahe unaufhörlich; dadurch blieb die Luft frisch und kühl. Die Atmosphäre war voller Staub, der die Sonne verhüllte. Abends war es manchmal so kalt, daß ich das Innere der Jurte mit einem Kohlenbecken erwärmen mußte. Am Tage aber war es mir ein Genuß, dem Heulen des Windes in den Maulbeer- und Pflaumenbäumen zuzuhören; ich weiß nicht, wie es kam, aber es war mir stets besonders behaglich zumute, wenn es recht toll stürmte.
Anfang Mai wurde es jedoch fühlbar heiß. Am 1. Mai hatten wir +32,7 Grad im Schatten; die Luft war klar und ruhig, und im Süden glänzten die Firnfelder auf den höchsten Gipfeln des Astin-tag. Heimtückisch lockten jene schönen Berge, die dem größeren Teile meiner Karawane das Leben kosten sollten.
Doch die Zeit verging, und der Tag des Aufbruchs nahte heran. Das ganze Gepäck wurde in Säcken und Kisten untergebracht. Am 22. April standen fünfzehn Kamellasten verschnürt und festgebunden auf ihren Saumleitern und brauchten nur noch auf ihre Träger hinaufgehoben zu werden. Einige Tage später war die ganze Last auf dem Seraihofe bereit ([Abb. 222]). Da lagen sie in langen Reihen, diese schweren Ballen, die quer durch Tibet getragen werden sollten. Bei ihrem Anblick war ich starr, aber Turdu Bai versicherte, daß die Lasten durchaus nicht zu schwer seien und überdies auch mit jedem Tage an Gewicht verlieren würden. Dort sah man die fest auf ihre Leitern gebundenen Reissäcke, in einer anderen Reihe stand der Mais, in einer dritten das gebrannte Mehl und mehrere Lasten mit eigens für uns gebackenem Brote. Große Ballen enthielten Pelze für die Leute und weißen Filz zu Mänteln für die Kamele. Lange Reihen von Kisten bargen meine persönliche Habe, Reserveinstrumente, Kleidungsstücke, Bücher, Konserven usw.
Um jedoch die Last nicht schwerer zu machen, als sie notwendigerweise sein mußte, hatte ich gleich nach meiner Ankunft im Hauptquartier alles ausgesondert, was sich entbehren ließ, darunter auch die Sammlungen an Gesteinproben, Skelette, Pflanzen und die archäologischen Funde aus Lôu-lan. Von allem diesen, das acht tüchtige Kamellasten ausmachte, wollten wir uns befreien. Es sollte nach Kaschgar geschickt werden und bei Generalkonsul Petrowskij in Verwahrung bleiben.
Doch wem sollte ich diese wichtige Sendung anvertrauen? Sollte ich es von den Chinesen besorgen lassen? Nein, dies wagte ich nicht. Ich wollte schon an Chalmet, den Aksakal von Korla, schreiben, als das Rätsel eine sehr einfache, aber höchst unerwartete Lösung erhielt. Islam Bai suchte mich eines Abends, als ich allein in meinem Zelte war, auf und bat, die Sammlungen nach Kaschgar bringen zu dürfen. Ich sprach meine Verwunderung aus, daß er mich gerade jetzt, da die größten Schwierigkeiten und Gefahren begannen, verlassen wollte, doch er antwortete ohne Bedenken „ja“. Er gab als Grund an, daß er sich alt und müde fühle und fürchte, mir nicht von so großem Nutzen, wie ich gedacht, sein zu können. Es tat mir freilich weh, mich von ihm zu trennen, aber ich hatte gemerkt, daß er die Kosaken nicht ausstehen konnte und die Muselmänner, unter denen er übrigens stets exemplarische Disziplin gehalten hatte, sehr hart behandelte. Ich verdankte ihm viel und wollte ihm auch jetzt einen Beweis meines Vertrauens geben. Daher stellte ich für ihn folgendes Programm auf. Er sollte die Sammlungen in zwei Monaten über Korla, Kutschar und Aksu nach Kaschgar führen, bis Korla auf Kamelen, dann auf Arben, und für alle diese Städte gab ich ihm Empfehlungsbriefe mit. Seinen rückständigen Lohn, 300 Rubel, erhielt er in Gold, außerdem sollten ihm die Reisekosten für ihn selbst und der Transport vergütet werden.
Von Kaschgar sollte er nach Osch heimreisen und dort fünf Monate bleiben, dann aber wieder nach Kaschgar zurückkehren und einen Auftrag ausführen, über den ihm Herr Petrowskij genauere Auskunft erteilen würde. Es handelte sich nämlich darum, mir eine größere Geldsumme und meine dann ganz gewiß sehr große Post nach Ladak zu bringen. Dieses Vertrauen schmeichelte ihm und versöhnte uns beide mit der Bitterkeit der Trennung.
Der alte Faisullah sollte ihn nach Kaschgar begleiten. Er war müde und fürchtete die Gebirgsluft. Er hatte mir zwei Jahre treu und mustergültig gedient und erhielt eine große Extrabelohnung in Silber nebst einem Reitpferd. Die anderen versuchten vergeblich, ihn zu überreden, uns zu begleiten, denn alle hielten viel von ihm, während dagegen Islams Ausscheiden aus der Karawane nur Befriedigung erregte.
Am 5. Mai zogen sie mit ihren acht Kamelen, drei Pferden und drei bis Korla gemieteten Leuten ab. Es stürmte an jenem Tage außerordentlich heftig, und schon da, wo das Gäßchen auf einen offenen Platz mündete, verschwand die Karawane in dichten Staubwolken. Ich hatte während des letzten Jahres nicht viel von Islam Bai gesehen, denn er war stets, während ich mich auf Reisen befunden hatte, als mein Karawan-baschi im Hauptquartier geblieben. Niemand hatte sich bei mir über ihn beklagt, aber nun, da er fort war, merkte man bald den Unterschied. Die Stimmung wurde heiter und gemütlich, alle waren vergnügt und zufrieden, und jeder ging mit Freude an seine Arbeit.
Islam Bai nahm eine gewaltige Post von mir mit. Ich hatte einen 216 Seiten langen Brief — ein ganzes Buch — an meine Eltern und außerdem noch ausführliche Briefe an König Oskar und den Kaiser von Rußland geschrieben. Ich hatte auch an viele meiner Freunde in der Heimat geschrieben, namentlich an Adolf Nordenskiöld. Er empfing meinen Brief einige Tage vor seinem Tode. Er war einer von denjenigen Freunden, die man nur durch den Tod verliert.
Ein wichtiges Schreiben, das Mr. Macartney in Kaschgar befördern sollte, war an Lord Curzon, den Vizekönig von Indien, adressiert. Ich teilte ihm darin mit, daß ich zu Ende des Jahres wahrscheinlich in Leh in Ladak einträfe, und bat ihn, in dieser Stadt eine Summe von 3000 Rupien aufnehmen zu dürfen. Ich erwähnte auch die Möglichkeit eines kurzen Besuches in Indien und bat, in diesem Falle einen der Kosaken mitbringen zu dürfen.