Der Weg, den ich wählte, um auf das tibetische Hochland hinaufzugelangen, führt durch das enge Tal des Tscharchlik-su und ist vor mir noch nie von einem Europäer versucht worden. Dieser Weg ist aber für Kamele absolut unmöglich und selbst für Packpferde sehr schwer. Wir mußten daher die Sache auf andere Weise einrichten. Die große, schwerbeladene Karawane sollte von Tschernoff, Tscherdon und Turdu Bai über Tattlik-bulak und Bag-tokai nach dem Westufer des unteren Kum-köll geführt werden, wohin ich mich, nur von wenigen Dienern begleitet, auf dem näheren, aber schwierigeren Wege durch das Tal begeben wollte.

Am 8. Mai waren wir reisefertig ([Abb. 224]). Alle Lasten, einige achtzig, standen in der Gasse vor dem großen Tore aufgereiht und wurden nun schnell auf die Rücken der wartenden Tiere gelegt. Es war eine gewaltige Karawane, die größte, die ich je zuvor unbekannten Geschicken entgegengeführt hatte, die größte, die je unter Führung eines Europäers in das Innere von Tibet eingedrungen ist. Sie wurde in verschiedenen Abteilungen abgeführt und nahm den ganzen Weg nach dem Yamen ein. Zuerst schwankten meine Kisten im Sonnenbrande fort, dann die Sachen der Leute, die Zelte und das Boot, und darauf die verschiedenen Proviantkarawanen, jede Abteilung mit ihren besonderen Führern.

Wieviel leichter ist es doch für einen Seefahrer oder eine Expedition, die nicht weit bis zur Küste hat, mit großen Sammlungen heimzukehren! Man braucht sie nur einzuschiffen. Im inneren Asien dagegen muß jeder Gegenstand, den man zu Anfang der Fahrt erwirbt, Tausende von Kilometern unter außerordentlich ungünstigen Verhältnissen auf Pferden oder Kamelen mitgeschleppt werden. Die Lasten müssen jahrelang jeden Morgen auf- und jeden Abend abgeladen werden. Ich verdanke es nur dem Entgegenkommen des Dalai-Lama, daß die während dieser letzten Reise in Tibet gemachten Sammlungen überhaupt aus dem Lande gebracht werden konnten.

Bisher hatte ich in der großen, geräumigen Mongolenjurte gewohnt, die jetzt aber von der Karawane mitgenommen wurde, während ich in die kleine, nur aus einem Holzringe, etwa zwanzig Stangen und einigen weißen Filzdecken bestehende Jurte übersiedelte. Sie war bis Ladak meine Wohnung. Als der Umzug vor sich ging, fanden wir einen großen, abscheulichen, strohgelbgrauen Skorpion unter einer der Kisten; er hatte mir gewiß die ganze Zeit über in der Jurte Gesellschaft geleistet, mir aber merkwürdigerweise nichts zuleide getan. Einer der Leute dagegen wurde, als er den Pferden Stroh gab, von einem Skorpion gestochen. Er mußte ein paar Tage liegen, ehe der Schmerz aufhörte. —

So setzte sich denn die Karawane in Gang. Zwei von den jungen Kamelen liefen ungebunden mit ihren Müttern, die ihre Kinder ängstlich im Auge behielten. Das jüngste Füllen dagegen, das erst ein paar Tage alt war, wurde sorgfältig in Filzdecken gepackt und zwischen zwei Kisten auf mein altes Reitkamel gelegt. Die Mutter ging unmittelbar hinter ihm; sie brüllte unruhig und suchte ihr Junges, bis sie es in seinem Versteck ausfindig gemacht hatte. Die Pferde waren von Fett und Wohlergehen halb wild geworden; sie machten draußen auf der Straße einen entsetzlichen Spektakel, schüttelten die Lasten ab und liefen wild durcheinander. Doch sie trugen nur Proviantsäcke, und diese konnten eine solche Behandlungsweise vertragen.

Es war ein großartiger Anblick, als dieser gewaltige Zug unter Glockenklang, Geschrei, Rufen, Brüllen und Wiehern von unserem ruhigen Serai und aus dem Schatten der Weiden fortzog. Nur wenige Tiere sollten grüne Gärten wiedersehen und wieder im Stalle in ihren Ständen Mais fressen. Wie fühlte ich mich jetzt reich als Besitzer all dieser Herrlichkeit; wie mächtig erschien mir dieses Werkzeug, mit welchem ich, wenn ich es richtig anwandte, große Teile von Tibet der Wissenschaft würde erschließen können! Und doch überkam mich Wehmut, als ich den bunten, gewaltigen, lebensfrohen Zug betrachtete. Nie haben die Glocken der Kamele in so hohem Grade wie jetzt zum Begräbnis, nein, zu einer ganzen Reihe von Begräbnissen geläutet! Ich ahnte, daß dieser Weg für die meisten ein Todesweg werden würde, ein Weg, der Tränen kostete, und daß die Route auf der Karte nicht zufällig mit Rot eingetragen werden würde, — sie kostete Blut!

Wie elend und armselig sollte diese prächtige Karawane am Ende des Jahres aussehen, wie verringert an Zahl und geschwächt an Kräften! Nur ein Fünftel bestand die Probe. Sogar ein paar der Männer starben, und alle anderen, ich nicht zum wenigsten, waren kraftlos und erschöpft, als wir Tibet durchzogen hatten. Es wurde die anstrengendste, schwerste Reise, die ich je gemacht habe. Bei mehr als einer Gelegenheit war ich dem Tode näher als damals, als ich 1895 in der Wüste Takla-makan vor Durst verschmachtete; damals aber, in der Wüste, dauerte das Leiden nur ein paar Wochen; hier in Tibet aber gehörten Leiden zur Tagesordnung, nachdem die wirklichen Schwierigkeiten einmal angefangen hatten. Ich mache lieber noch zehn Reisen durch die Wüste Takla-makan als noch einen solchen Zug durch Tibet!

Tschernoff führte den Oberbefehl über die Pferde und hatte bestimmte Befehle, wie er marschieren sollte. Turdu Bai war Chef der Kamelkarawane. Sie sollten sich erst nach Abdall begeben und dann auf dem bekannten Wege ins Gebirge hinaufziehen. In Abdall sollten sie 50 Schafe kaufen und auf Tscherdon warten, der von Kara-schahr dorthin unterwegs war. Sie nahmen den Hirsch mit; er folgte den Kamelen treu wie ein Hund und wurde mit größter Fürsorge behandelt. Sieben Hunde, unter ihnen Malenki und Maltschik, die eben mit in der Wüste Gobi gewesen waren, gehörten mit zum Zuge. Alles ging gut, und der Leser wird sie alle nach etwa einem Monat am Ufer des Kum-köll wiedertreffen.

Jetzt lag unser Serai öde und still da; die Höfe standen leer, und wir fühlten uns einsam und verlassen. Sirkin war jetzt mein Kammerdiener und Li Loje mein Koch. Mollah Schah besorgte unsere Pferde. Nur diese drei Leute hatte ich bei mir, nebst Jolldasch, der nie von meiner Jurte wich.

Jetzt mußte nur noch die Eselkarawane auf den Marsch gebracht werden, die über Owras-sai und Kara-tschokka gehen und bei Bag-tokai mit der großen Karawane zusammentreffen sollte. Am Morgen des 13. war der alte Dowlet Karawan-baschi fertig und hatte seine 70 Esel mit Mais beladen und seine zehn Untergebenen mit Proviant und Pelzen ausgerüstet. So zog nun auch diese Abteilung der Karawane, der eigentliche „Train“, ins Gebirge hinauf.