Jetzt waren unsere Truppen geteilter als je zuvor. Ich selbst lag in Tscharchlik, die Karawane war auf dem Wege nach Abdall, die Esel zogen nach dem Aftin-tag, Schagdur war noch nicht aus Kara-schahr zurückgekehrt, und Islam Bai würde mitten in der ärgsten Sommerhitze mit meinen Sammlungen in Kaschgar eintreffen. Ich kam mir vor wie ein Feldherr, der alle Fäden in seiner Hand halten muß. Es galt jetzt, so mit den Truppen zu manövrieren, daß alles klappte und die Berechnungen stimmten, wenn die rechte Zeit da war.
Am 14. Mai traf um die Mittagzeit ein Mann aus dem Dorfe Lop ein und brachte gute Nachrichten von Schagdur, der mir jedoch schrieb, daß seine Pferde sehr abgehetzt seien, weshalb Sirkin sich rüstete, um seinem Kameraden mit drei frischen Pferden entgegenzuziehen. Als er gerade fortreiten wollte, ritt die kleine Karawane schon in den Hof ein. Nun waren alle unsere Besorgnisse wegen der Burjaten mit einem Schlage beendet. Tscherdon hatte meinen Befehl in Tscheggelik-ui erhalten und sich schleunigst im Kahne nach Abdall begeben.
Schagdur hatte seinen Auftrag natürlich in vortrefflicher Weise ausgeführt. Er brachte die ganze mongolische Ausrüstung mit, deren wir für unsere Pilgerfahrt bedurften, und obendrein noch einen wirklichen, echten Lama, Schereb Lama, der 27 Jahre alt und aus Urga gebürtig war, aber einem Tempel vor den Toren von Kara-schahr angehörte ([Abb. 223]). Der Lama trug sein rotes Priestergewand, das eigentlich wie ein langer, durch einen Gürtel zusammengehaltener Schlafrock aussah, und auf dem Kopfe ein chinesisches rundes Käppchen. Ich kam ihm sehr freundlich entgegen, damit er sich vom ersten Augenblick an bei uns heimisch fühlen sollte, und begann sofort, meine eingerosteten Kenntnisse der mongolischen Sprache wieder aufzufrischen. Es dauerte auch nicht viele Wochen, bis ich mit dem Lama, wie wir ihn einfach nannten, ziemlich fließend sprechen konnte. Er war die interessanteste Persönlichkeit unserer reisenden Gesellschaft; der Leser wird bald seine Bekanntschaft machen. Mit mir stand er schon nach wenigen Tagen auf sehr vertrautem Fuße und kam stets zu mir, sobald er etwas auf dem Herzen hatte. Er war bereit, sein Leben für mich zu lassen, und es ist wirklich ein Wunder, daß er es um meinetwillen nicht verloren hat.
Schagdur hatte noch zwei Reisegefährten, alte Bekannte von uns, mitgebracht. Der eine war Ördek, der den Tempel in Lôu-lan entdeckt hatte, der andere Chalmet Aksakal von Korla. Es war ein recht eigentümliches, interessantes Quartett, das jetzt die Bevölkerung unseres leeren Serai vergrößerte, und die Stimmung wurde wieder heiter. Jeder von den vier Gästen mußte vorbringen, was er auf dem Herzen hatte. Zuerst berichtete Schagdur über seine Mission, zeigte seine Abrechnung und lieferte den Rest der erhaltenen Summe wieder ab. Er brachte ungefähr die Hälfte wieder, — ein anderer Asiat hätte dieses Geld natürlich in seine eigene Tasche gesteckt, aber Schagdur war ein ehrlicher, redlich denkender Mensch. Schon der Gedanke zu stehlen wäre ihm ganz absurd vorgekommen.
206. Der Turm von Nordost. ([S. 40].)
207. Abbruch eines Turmes. ([S. 40].)
208. Haus mit stehengebliebenen Türen. ([S. 40].)