Nun war also endlich alles klipp und klar, und wir konnten am nächsten Morgen, 15. Mai, aufbrechen. Daraus sollte jedoch nichts werden. Um 5 Uhr fing es in außergewöhnlicher Weise an zu gießen, und der Donner rollte dumpf in den Bergen — ein passender Hintergrund zu der traurigen Überraschung, die mir an diesem Abend bevorstand. Neue Wolken ballten sich über dem armen Islam Bai zusammen!

Chalmet Aksakal beklagte sich darüber, daß Islam in Korla 27 Sär von ihm entliehen und ihn, als er das Geld zurückgefordert, beschimpft und verhöhnt habe. Jetzt behauptete er auch, wohlbegründete Veranlassung zu der Vermutung zu haben, daß auch ich bestohlen worden sei. Ich begriff gar nicht, was er meinte. Islam Bai? Nein, das war nicht möglich! Er, der fünf Jahre lang mein Geschick geteilt hatte, mit mir in der Wüste beinahe umgekommen war und so viele Beweise meines Vertrauens und meiner Zuneigung erhalten hatte, er, der so viele Geschenke bekommen hatte und höheren Lohn erhielt als alle anderen und der die goldene Medaille für Treue und Redlichkeit trug!

Doch schon bei der ersten vorsichtigen Untersuchung in Tscharchlik kam allerlei an den Tag. Schagdur hatte Islam Bai in Temirlik für 165 Sär Gold von Goldgräbern aus Bokalik kaufen sehen, sich aber keine Einmischung erlaubt, weil er überzeugt war, daß es auf meinen Befehl geschehen sei. Sirkin und Ördek hatte Islam um 16 und 10 Sär betrogen, sie hatten mir aber nicht durch Klagen lästig fallen wollen. Man könnte sagen, daß die Wahrheit durch reinen Zufall ans Licht gekommen sei, wenn man nicht darin vielmehr die Strafe der himmlischen Gerechtigkeit sehen müßte. Chalmet Aksakal war brieflich beauftragt worden, Zucker u. dgl. zu kaufen und uns zu schicken. Als ich in das Hauptquartier zurückkam und die Rechnung sah, fand ich sie sehr hoch. Islam verstand es damals, mir zu beweisen, daß sie um 23 Sär zu hoch war. Ich hatte mir darauf Chalmet Aksakals Bruder, einen Tscharchliker Kaufmann namens Osman Bai, kommen lassen, hielt ihm eine niederschmetternde Rede und sagte, daß sein Bruder sich als unredlicher Mensch bewiesen habe. Osman verteidigte ihn und bat mich himmelhoch, doch nicht der Verleumdung Glauben zu schenken. Da ich mich nicht überzeugen ließ, hatte Osman einen Eilboten nach Korla geschickt und seinem Bruder geraten, unverzüglich zu kommen, da hier Böses gegen ihn im Werke sei. Er kam nun auch mit Schagdur. Als sie Islam bei Tikkenlik begegneten, war er sichtlich unangenehm berührt gewesen und hatte gesagt, er sei beauftragt, den Kosaken mitzuteilen, daß ich meinen Plan geändert hätte und sie über Abdall und Tschimen reiten müßten, wenn sie mich finden wollten. Hätten sie ihm geglaubt, so würde ich sie erst Anfang Juni am Kum-köll getroffen haben. Doch Islams Plan, der darauf angelegt war, ihm bis Kaschgar Vorsprung zu verschaffen, scheiterte an der Pflichttreue der Burjaten. Sie wußten, daß sie sich ausschließlich nach meinen eigenen schriftlichen oder mündlichen Befehlen zu richten hatten, und da ich glücklicherweise ein paar Tage vorher mit der chinesischen Post einen Brief an Schagdur geschickt hatte, kehrte sich dieser nicht an Islams intrigante Reden und begab sich direkt nach Tscharchlik.

Infolge der vorläufigen Untersuchung, die jetzt angestellt wurde, verzögerte sich unsere Abreise um ein paar Tage. Als wir endlich aufbrechen konnten, begleitete uns der Aksakal noch auf der ersten Tagereise. Als er nach Korla zurückkehrte, nahm er ein Schreiben an den Generalkonsul mit, der Islam Bai, welcher russischer Untertan war, auf mein Ersuchen gleich bei seiner Ankunft in Kaschgar verhaften und alle seine Effekten untersuchen lassen sollte. Alles darunter befindliche chinesische Silbergeld und das rohe Gold sollten mit Beschlag belegt werden.

Doch ehe ich erzähle, wie es Islam in Kaschgar ging, will ich zeigen, daß er das Schicksal, das ihn traf, in jeder Hinsicht verdient hatte. Als wir in Kum-köll mit der Karawane zusammentrafen, wurden alle meine Diener einzeln verhört. Jeden hatte er um größere oder kleinere Summen betrogen; nur Tschernoff hatte sich nicht überlisten lassen. Im ganzen ließen sich etwa 12 Jamben nachweisen, die er den Eingeborenen nach und nach in größeren oder kleineren Beträgen abgenommen hatte, und mir hatte er durch gewisse Geschäftspraktiken 9 Jamben veruntreut, einen großen Teil davon bei den letzten Kamelankäufen.

Schon in Jangi-köll hatte ich einen großen Vorrat von Tschapanen, Pelzen und Stiefeln kaufen müssen, die unseren Dienern geschenkt werden sollten. Die Sachen waren allerdings unter sie verteilt worden, aber Islam hatte sich dafür bezahlen lassen und den Gewinn in seine Tasche gesteckt.

Es ist seltsam, daß ich nie gemerkt hatte, wie ich täglich so gemein bestohlen wurde; aber es war doch auch wieder erklärlich. Erstens wurden alle Auszahlungen aus meinen Geldkisten ordnungsmäßig gebucht, und direkter Kassendiebstahl war nie vorgekommen; dazu war Islam viel zu klug. Da aber alle größeren Beträge für den Ankauf von Proviant, Kamelen und Pferden und die Löhne der Leute durch Islams Hände gingen, hatte er Gelegenheit, den Lieferanten weniger zu geben, als sie zu fordern berechtigt waren. Die guten Eingeborenen waren in weit höherem Grade als ich die Geschädigten gewesen, daher fehlte auch nie etwas in meiner Reisekasse; ich wußte stets, wieviel ausgegeben wurde und wieviel noch da war.

Dann findet man es wohl unbegreiflich, daß sich keiner der Betrogenen bei mir beklagt hat, und auch ich wundere mich noch heute darüber, daß dies nicht geschehen ist. Aber Islam war ein großer starker Kerl, der es verstanden hatte, sich bei den Muselmännern in großen Respekt zu setzen. Sie fürchteten ihn wie einen asiatischen Despoten, wagten nicht zu murren, schwiegen und nahmen, was er ihnen gab, um so mehr, als er, wie ich am Kum-köll erfuhr, drohte, dem, der bei mir zu klagen wagte, den Schädel einzuschlagen. Deshalb nahmen sie sich hübsch davor in acht und fanden sich still und ergeben in ihre ungerechtfertigten Verluste. Er hielt sie durch seine bloße Gegenwart in hypnotischer Angst, und erst jetzt, da er fort war, kam die Wahrheit zum Vorschein. Ja, jetzt kam alles an den Tag! „O Gott, wie viele haben seinetwegen weinen müssen“, hieß es.

Auf der Fähre und in der Tschertschenwüste, den einzigen Reisen, auf denen ich ihn unter meiner eigenen Kontrolle hatte, war er derselbe wie früher, derselbe ruhige, besonnene, treue Diener wie auf der Reise durch Asien in den Jahren 1893–97. Nachher nahm ich ihn nicht mit auf große Exkursionen, weil ich glaubte, beruhigt sein zu können, wenn er die Aufsicht über das Hauptquartier führte. Und wenn ich von den verschiedenen Touren dorthin zurückkehrte, beklagte sich keiner; die beste Ordnung herrschte überall. Gerade dieser Umstand, daß wir meistens an verschiedenen Orten waren, macht es zum großen Teile erklärlich, daß ich von den Unredlichkeiten nichts merken konnte, und es würde mir überdies auch nie eingefallen sein, Islam Bai in Verdacht zu haben. Dazu hegte ich viel zu großes Vertrauen zu ihm; von diesem Gesichtspunkt aus war ich in nicht geringem Maße an seinem Unglück schuld.

Psychologisch war mir die Ursache seines Falles bald verständlich. Während der Reise nach Peking war er in meiner Karawane drei Jahre lang stets der Erste gewesen. Vom einfachen Arbeiter bei den Pferdekarawanen zwischen Osch und Kaschgar hatte ich ihn zum Führer und Karawan-baschi erhoben, und er hatte sich aus reiner Anhänglichkeit aufs glänzendste bewährt. Auch jetzt hatte er mir anfänglich am nächsten gestanden. Doch mit der Ankunft der Kosaken trat eine andere Ordnung ein. Ich schätzte sie mehr, und ihre Gesellschaft war mir lieber als die Islams. Alle Beschäftigungen in meiner unmittelbaren Nähe wurden den Kosaken übertragen, während Islam nur mit den Muselmännern und den gröberen Karawanenarbeiten zu tun hatte. Es verdroß ihn, sich von den Ungläubigen verdrängt zu sehen, und in seinem Herzen stieg der Gedanke auf: „Soll ich ihnen weichen, so will ich wenigstens Ersatz dafür haben“, und nun begannen die Diebstähle in Jangi-köll und wurden die ganze Zeit bis zu seiner Abreise von Tscharchlik fortgesetzt.