Der Arme tat mir leid, und ich nahm mir vor zu versuchen, seine Strafe nach Möglichkeit zu mildern, um so mehr, als die Muselmänner ihre Beschuldigungen gewöhnlich sehr übertreiben. Doch wenn auch nur die Hälfte davon wahr war, waren die Diebstähle schon groß genug, um ihn nach Sibirien zu bringen. Aber in der Wüste Takla-makan hatte er mir 23 Jamben gerettet und mir bei unzähligen Gelegenheiten unschätzbare Dienste geleistet.
Es tauchten aber noch allerlei andere häßliche Geschichten auf, die mich gegen sein Schicksal total gleichgültig machten. In Jangi-köll hatte er sich drei, sage drei, junge „Frauen“ genommen, von denen ihn eine 100 Sär gekostet hatte, und damals waren ihm erst 30 Sär von seinem Lohne ausbezahlt worden. Während der zwölf Tage, die er in Tschertschen zubrachte, hatte er sich ebenfalls „verheiratet“, und in Tscharchlik hatte er sich zum Schlusse auch noch eine „Gattin“ zugelegt. Je nachdem das Hauptquartier verlegt wurde, wurden die Damen der Reihe nach abgedankt, und als er endgültig nach Kaschgar reiste, ließ er sie alle miteinander sitzen. Bei all diesen leichtsinnigen Streichen hatte er obendrein in Osch seine rechtmäßige Frau mit fünf Kindern!
Auf die Länge wird es kostspielig, sich fünf Frauen zu halten. Erst muß die Auserwählte gekauft und bar bezahlt werden, dann wird sie eingekleidet und dabei sind ihre Neigungen für chinesische Stoffe u. dgl. zu befriedigen, und schließlich ist sie, vielleicht auch noch ihr Papa und ihre Mama, zu beköstigen. Letzteres ließ sich ja aus unseren eigenen Vorräten leicht bewerkstelligen, und ich werde es also wohl gewesen sein, auf dessen Kosten geschmaust worden ist.
Der letzte Abschnitt der Geschichte Islams nahm folgenden Verlauf. Bei der Ankunft in Kaschgar ließ der Konsul seine Sachen durchsuchen. Bares Geld wurde nicht mehr viel gefunden, aber das gefundene, soweit es reichte, den Benachteiligten zugestellt. Seine Freiheit durfte er behalten, doch nur bis zu einer gewissen Grenze, denn es wurde ihm verboten, Kaschgar zu verlassen. Als ich Anfang Mai 1902 wieder dorthin kam, hatte er infolgedessen noch keine Beschäftigung gefunden. Er suchte mich im Dorfe Japptschan auf, und er tat mir sehr leid, als er sich laut weinend mir zu Füßen warf. Ich ermahnte ihn aufs eindringlichste, sich bei dem Verhör in Kaschgar streng an die Wahrheit zu halten. Ich versicherte ihm, daß ich ihn, wenn er löge, ohne Erbarmen der Gerechtigkeit des russischen Gesetzes überlassen, wenn er aber die Wahrheit spräche, dafür sorgen würde, daß er straflos ausginge. Er versprach, meinem Rate zu folgen. Er war kalt, finster, bleich und abgezehrt und sah ein, daß er sein Leben ruiniert hatte. Hätte er sich so gut geführt wie das vorige Mal, so wäre er in seinem Heimatorte ein angesehener Mann geworden. Sein Name war schon jetzt in ganz Innerasien bekannt, aber welche traurige Berühmtheit sollte er künftig erlangen!
Als aber das Verhör vor sich ging, alle Anklageakten vorgelegt und alle Zeugen zur Stelle waren, leugnete er hartnäckig bei jedem einzelnen Punkt. Man konnte ihn nicht dazu bringen, die Richtigkeit auch nur der greifbarsten Beschuldigungen anzuerkennen; er erklärte alles für boshafte Verleumdung. Ich erinnerte ihn wieder daran, daß es in seinem eigenen Interesse liege, zu gestehen, aber nichts half. Keine Stimme erhob sich zu seiner Verteidigung. Er erhielt jetzt vom Konsul Befehl, sich bei dem Distriktschef, Oberst Saizeff, in Osch einzustellen, in welcher Stadt nach russischem Gesetz das Urteil über ihn gefällt werden mußte und wo er bald nach mir eintraf. Auch hier leugnete er alles. Da er sich durch die Veruntreuungen gegen das russische Gesetz und durch seinen Lebenswandel gegen das Scheriet (religiöse Gesetz) der Muhammedaner vergangen hatte, wurde er für Sibirien reif erklärt, die Strafe aber auf drei Monate Gefängnis ermäßigt; auf meine besondere Bitte wurde die Strafe nachher auf vierzehn Tage ermäßigt, aber ganz straflos durfte er schon seiner Landsleute wegen nicht ausgehen.
Ich sah ihn in Osch nicht wieder und wollte ihn auch nicht mehr sehen. Er, der in meiner Karawane eine so hervorragende, ehrenvolle Rolle gespielt hatte, war von nun an für mich tot. Durch seine grenzenlose Dummheit und Gedankenlosigkeit und durch eine Art Größenwahn hatte er sich in das schimpflichste Elend gestürzt, er, der in seiner Heimat einen Ehrenposten hätte erhalten können und dem die russischen Behörden als Anerkennung der von ihm geleisteten Dienste einen goldgestickten Samtchalat versprochen hatten. Damit war seine Geschichte zu Ende. Nach den Verhören am Kum-köll wurde sein Name in der Karawane nicht mehr genannt.
Die Moral der Geschichte ist: „Traue nie einem Muselmann!“ Man sollte glauben, daß, wenn man einen Diener so viele Jahre gehabt und mit Güte überhäuft und er selbst nur Vorteil von seinem guten Betragen hat, man sich schließlich auf ihn wie auf sich selbst müßte verlassen können. So aber sind die Muhammedaner nicht. Sie vergessen nie, daß sie bei einem Ungläubigen in Diensten stehen. In moralischer Hinsicht ist diese Rasse schlecht, aber man muß sie nicht zu streng verurteilen, denn sie lebt wirklich in harten Verhältnissen. Die Mongolen sind unvergleichlich viel besser, und ist man wie ich so glücklich, eine Eskorte von Kosaken zu besitzen, so dürfen die Muhammedaner nur zu den gröberen Arbeiten benutzt werden. Mehrere von meinen muhammedanischen Dienern, Turdu Bai, Kutschuk, Chodai Kullu und Ördek, waren allerdings außergewöhnlich prächtige Menschen, aber sie hatten auch nie Gelegenheit, in allzu große Versuchung zu geraten.
Neuntes Kapitel.
Über die nördlichen Randgebirge nach dem Kum-köll.
Als ich am 17. Mai endlich in den Sattel steigen konnte, geschah es, um noch einem Jahre voller Irrfahrten in Asiens großem, ödem Inneren entgegenzugehen. Mit großer Spannung und frischem Mut wurde diese letzte denkwürdige Reise angetreten, die mich mit den am schwersten zugänglichen Teilen des Kontinents bekannt machen sollte. Gelang sie, so würden, im großen gesehen, nicht viele Teile Asiens übrig sein, die ich noch nicht besucht hatte. Ich hoffte gar viel von dieser letzten Reise, wußte aber auch, daß ich jetzt das Schwerste vor mir hatte. Doch die Schwierigkeiten reizen am meisten, und inmitten der ernsten, eifrigen Arbeit, die täglich vorwärtsschritt, freute ich mich in Gedanken auf all die wilden Abenteuer, die meiner „jenseits der hohen Berge“ warteten.
Eine unangenehme Überraschung stand uns jedoch noch bevor, ehe wir die kleine, gastfreie Stadt am Rande der Wüste verließen. Am Abend des 16. Mai traf eine Karawane von zehn mongolischen Pilgern aus Tarbagatai mit elf Pferden und zwölf Kamelen ein. Sie ließen sich in einem Haine unweit des Basars nieder. Schagdur und der Lama hatten sie in Kara-schahr getroffen und wußten, daß sie auf dem Wege nach Lhasa war. Natürlich wußten die Mongolen, von denen einige türkisch sprachen, daß sich eine große Karawane in der Gegend aufhielt. Wir konnten nicht aufbrechen, ohne daß sie uns sahen. Als Sirkin mit den Packpferden an ihrem Lager vorbeiritt, hatten sie auch gefragt, wohin es gehe, und er hatte geantwortet, daß er nach Ladak und Kaschgar wolle. Schagdur und der Lama ritten frühmorgens aus der Stadt und machten einen großen Bogen nach Westen, um nicht gesehen zu werden. Ich ritt den mittleren Weg im Flußbett mit Chalmet Aksakal und dem alten Togdasin Bek aus Tscharchlik, der uns damals durch das Bett des Ettek-tarim begleitet hatte. Erst als die Gärten der Oase unter dem Horizont verschwunden waren, vereinigten wir uns wieder zu einer Gesellschaft; mich wenigstens hatten die Mongolen nicht gesehen; sie würden mich nicht identifizieren können, wenn wir uns später unter kritischen Verhältnissen treffen sollten.