Jiggdelik-tokai, der erste Lagerplatz, liegt am linken Ufer des Tscharchlikflusses ([Abb. 225]). Das Wasser rauschte in einem 40 Meter tief eingeschnittenen Bette zwischen senkrechten Geröllwänden ([Abb. 226]). Ein halsbrecherischer Pfad führte nach dem Ufer hinunter, wo einige wenige Büsche unseren Pferden kärgliche Weide boten. Der Aksakal und Togdasin Bek, die uns den ganzen Weg begleitet hatten, kehrten jetzt um, trotz des heftigen Sturmes, der sich am Nachmittag erhob und der die Temperatur sehr bedeutend heruntergehen ließ.

Der Morgen war frisch und kühl und machte wärmere Kleidung notwendig. Bald reiten wir in die mächtigen, widerhallenden Säle des „Steinigen Tales“ ein, wo die Wände von rotgeflammtem oder schwarzgestreiftem Granit und dunkeln, harten Schiefern aufgemauert sind. Die nackten, zackigen, kahlen Felsen versperren meistens die Aussicht, manchmal aber öffnet sich in einem Seitentale eine großartige Fernsicht in eine Welt von immer höher und gewaltiger werdenden Bergen, ein Chaos von Ketten und Gipfeln, die hier und da mit malerischen Schneeflecken gekrönt sind. Der Talgrund ist voller Geröllblöcke und Granitstücke von verschiedener Größe, zwischen denen es sich ziemlich mühsam reitet. Tamarisken und wilde Rosen sind häufig. Wir freuen uns nach dem langen Winter in einförmigen Wüsten wieder in die ständig wechselnde Welt der Felsen einzutreten, unsere Stimmen von den Felswänden widerhallen zu hören und zu fühlen, wie unsere Lungen sich mit frischer, reiner, sand- und staubfreier Luft füllen.

Manchmal ist das Tal so eng, daß wir auf Seitenvorsprünge und Pässe hinaufgehen müssen. Es zieht sich jetzt nach Osten, und nach einer letzten Schwelle entrollt sich vor uns das Haupttal des Tscharchlik-su, nach welchem wir wieder zurückkehren. Der Fluß ist nach dem letzten Regen gewaltig angeschwollen. In der Talweitung, wo wir uns bei einer Pappel einen Lagerplatz wählten, macht er eine scharfe Biegung.

Ich hatte zehn Esel gemietet, die uns mit Mais für die Pferde nach dem Kum-köll begleiten sollten. Ihr Ausbleiben zwang uns, einen Tag am Flusse zu warten, aber keiner hatte etwas dagegen, in dieser schönen Gegend zu rasten. Überdies hatten wir keine Eile, denn, wie langsam wir auch zogen, wir würden doch vor den schwerfälligen Kamelen am Kum-köll anlangen. Im Laufe des Tages trafen die Esel wohlbehalten ein, und nun konnten wir uns wieder in Bewegung setzen.

Eine schwere Tagereise stand uns bevor. Der Weg führt aufwärts durch das tief in grauen Granit eingesägte Tal des Flusses, wo die von den brausenden Wassermassen unterminierten Felsen manchmal gewölbeartig überhängen. Wir wußten, daß wir den Tscharchlik-su sechzehnmal zu überschreiten hatten und daß es galt, sich gut vorzusehen. Ein Hirt, dem wir begegneten, konnte uns keine ermutigenden Mitteilungen machen. Sein Pferd war mitten im Flusse gestürzt, und die ganze, aus Brot, Mais und Kleidungsstücken bestehende Last war verlorengegangen. Der Fluß, dessen Wassermenge jetzt etwa 9 Kubikmeter in der Sekunde betrug, bildete Stromschnellen und rauschte donnernd zwischen rundgeschliffenen Blöcken hin.

Anstrengend und spannend ist diese kurze Tagereise, und man wird erst ruhig, wenn man nach der letzten Furt die Instrumentkisten wohlbehalten auf dem Trockenen sieht. Die Muselmänner untersuchten, halb entkleidet, jede Furt, und die Pferde, welche die wertvollsten Lasten trugen, wurden langsam einzeln hinübergeführt. Wir hatten auch ein paar Maulesel; einer von diesen hatte es sich bei einer Furt in den Kopf gesetzt, nicht denselben Übergang zu benutzen wie die anderen Tiere. Er versuchte es mehr nach der Seite hin, wo die Hauptmasse des Wassers in einer tiefen Rinne strömte, glitt hier aber aus, wurde von der Strömung fortgerissen und eine weite Strecke unterhalb der Schwelle auf eine Kiesbank geschleudert. Die Kosaken stürzten sich angekleidet in den Fluß und richteten das Tier wieder auf, aber die ganze Last, die glücklicherweise nur aus Mehl und Brot bestand, war verlorengegangen.

Leider war die Gegend in dichten Nebel gehüllt, und die Kämme des Gebirges verschwanden wie ein Tempelgewölbe in Abenddämmerung und Weihrauchwolken. Der Lagerplatz trug den Namen Mestschit-sai (Moscheetal).

Die vierte Tagereise führte uns ein Seitental hinauf. Dieses neue Tal ist schmäler und wilder als die vorhergehenden und steigt schließlich so steil an, daß man vorzieht zu Fuß zu gehen, ja bisweilen sogar klettern und sich mit den Händen festhalten muß. Es ist ziemlich schwierig, beladene Pferde solch abschüssige Wege hinaufzuführen; die Lasten rutschen nach der Schwanzwurzel oder schlagen über und müssen beständig zurechtgerückt werden. Auf diesem schuttbedeckten Felsboden ist selten ein Pferd sichtbar, und solche sollen hier auch nicht oft benutzt werden.

Jaman-dawan (der schlechte Paß) ist ein passender Name für die ungeheuer scharfe, schwer passierbare Schwelle, die wir endlich erreichten. Nur ein Pferd hat dort oben Platz. Auf beiden Seiten dieses Sattels erheben sich gewaltige, wilde Felsen, die zu dem Kamme gehören, in welchem der Jaman-dawan eine recht tiefe Einsenkung ist. Östlich vom Passe ist das Gefälle viel weniger steil und der Boden mit Erde bedeckt und mit Gras bewachsen. Die Luft war jetzt wieder klar, und die Aussicht großartig. Über Hitze konnten wir uns nicht beklagen, denn auf dem Passe hatten wir nur +2,6 Grad.

Von dem Lagerplatze, der keinen Namen hatte, zogen wir nach Osten, indem wir jetzt ein neues Tal hinaufstiegen. Anfangs war es ziemlich eng und schwer passierbar, ja an einem Punkte, wo der Hohlweg ganz mit herabgestürzten Granitblöcken angefüllt war, mußten die Tiere abgeladen und mit vereinten Kräften eine 4 Meter hohe Stufe hinaufgewunden werden. Oberhalb dieser Stelle erweitert sich das Terrain und wird bequemer. Nur hin und wieder sieht man Rebhühner und kleine, niedliche Bergschwalben, sonst kein Wild. Einige unserer Pferde und ein Maulesel sind von dem vielen Schutt steifbeinig geworden und hinken; sie werden daher nach Möglichkeit geschont. In der Nacht ging die Temperatur auf −6 Grad herunter; mitten im Sommer ritten wir wieder dem Winter entgegen. Dieses Jahr war mein Sommer wirklich nicht viel länger als sechs Wochen gewesen!