Eine lange, ermüdende Tagereise führte uns am 23. Mai auf offeneres, plateauartiges Terrain, eine Hochlandsteppe, die stellenweise von dem stehengebliebenen Grase des vorigen Jahres gelb schimmerte. Hier sahen wir die ersten Kulane. Jetzt befanden wir uns auf alle Fälle auf dem tibetischen Hochplateau und hatten das bizarre Randgebirge überschritten. Schwere, dunkle Wolken begrüßten uns bei unserer Ankunft und schütteten von Zeit zu Zeit ihren Inhalt in Form von Regen und Schnee über uns aus. Während wir ein etwas ausgeprägteres Tal hinunterritten, sahen wir abends bei Hascheklik unseren alten Tscharchlik-su wieder; er war hier weniger wasserreich, und das Wasser hatte eine eigentümliche, beinahe milchweiße Farbe, die gewiß von einer verwitternden weißen Gesteinart herrührte.

Schereb Lama in seinem roten Gewande mit dem gelben Gürtel und der blauen Mütze, die nur bei Regenwetter von einem mongolischen Baschlik geschützt wurde, war das malerischste Mitglied unserer kleinen Karawane. Mit mir und Schagdur stand er schon auf dem vertrautesten Fuße, aber die anderen kannte er wenig, denn er konnte nur ein paar Worte Türkisch, doch war er sehr gelehrig und bereicherte allmählich seine Kenntnisse. Was er während der langen Marschtage dachte, weiß ich nicht, aber daß er viel grübelte, konnte ich sehen; er mochte sich wohl den Kopf darüber zerbrechen, was das Schicksal mit seiner priesterlichen Würde vorhatte. Er fand die Gesellschaft, in die er geraten war, gewiß sehr merkwürdig, und es machte mir unglaubliche Mühe, ihm den Nutzen der astronomischen Beobachtungen und des Kartenzeichnens klar zu machen. Ich war in seinen Augen ein recht sonderbarer Mensch, aber mit rührender Anhänglichkeit und unerschütterlichem Vertrauen schloß er sich an uns an und begriff sehr wohl, daß wir Fremdlinge es wirklich gut mit ihm meinten.

Jeden Abend gab er mir Unterricht im Mongolischen. Ich schrieb alle neuen Worte und Ausdrücke auf und mußte sie bis zum nächsten Abend gelernt haben. Selten habe ich einen so angenehmen Lehrer gehabt. Er wollte, daß ich seine Sprache bald so weit beherrschen sollte, daß er sich mit mir über Dinge, die ihn selbst interessierten, unterhalten konnte.

Schnee und Hagel und naßkaltes Winterwetter herrschten an dem Tage, den wir unseren Pferden zur Rast auf den Wiesen von Hascheklik schenkten. Im Freien zu arbeiten war unmöglich, und ich beschloß daher, mit dem Lama zu sprechen. Wie unsere Pläne künftig auch ausschlagen mochten, ich wollte nicht, daß der Lama je glauben oder auch nur denken sollte, ich hätte ihn hinterlistigerweise in wahnsinnige Abenteuer verstrickt. Ich wollte ihm die Möglichkeit offen lassen, beizeiten mit geretteter Ehre in sein Land zurückzukehren. Deshalb erfuhr er schon jetzt, daß ich die Absicht hatte, als Mongole verkleidet ihn und Schagdur nach Lhasa zu begleiten.

Er war sehr verdutzt und suchte mich zu überzeugen, daß dies unmöglich sei. Mich und Schagdur würde niemand anzurühren wagen, ihm aber in seiner Eigenschaft als Lama würde es den Kopf kosten. Er hegte keine Furcht vor dem Dalai-Lama, den mongolischen Pilgern und den Chinesen in der Stadt, sondern nur vor den Tibetern, die die dorthin führenden Wege bewachen. „Töten sie mich nicht,“ sagte er, „so machen sie mich doch als Lama für immer unmöglich; ich werde als Abtrünniger, als Verräter, der einen Europäer nach Lhasa geführt hat, angesehen!“ Doch schon jetzt war er in seiner Entschlossenheit wankend geworden, denn er schlug vor, die ganze Karawane sollte geraden Weges nach der heiligen Stadt ziehen, — das Schlimmste, was uns dann passieren könne, sei, daß wir höflich, aber bestimmt zurückgewiesen würden. Er selbst könne sich dann als Türke verkleiden, und keiner seiner Freunde in Lhasa würde eine Ahnung davon haben, daß er bei der Sache beteiligt sei. Als ich jedoch an meinem Plane festhielt, schlug er vor, ich sollte mich lieber für einen „Urancha“ ausgeben; es ist dies ein Stamm aus dem Altai, der dem Lamaismus anhängt, aber einen türkischen Dialekt spricht, der dem Dschaggataitürkischen, das mir recht geläufig war, sehr ähnelt.

So sprachen wir den ganzen Tag miteinander, und schließlich war der Lama wirklich erregt. Nach dem Kum-köll mußte er uns jedenfalls begleiten, und ich versprach ihm, daß er von dort, falls er es wünschte, heimkehren dürfte. An diesem See wollten wir ein paar überflüssige Eseltreiber verabschieden, und mit ihnen konnte er sich nach Tscharchlik begeben. Er fürchtete sich jedoch vor dem Sommer dort und wollte lieber nach Tschimen reiten; ich ahnte sofort, daß er mit der Mongolenkarawane nach Lhasa zu ziehen plante, und sagte mir, daß er ihnen dann, in einem unbewachten Augenblick, meine Absichten anvertrauen könnte. Eine solche Möglichkeit mußte um jeden Preis verhindert werden.

Das Wichtigste, mochte nun aus der Reise nach Lhasa etwas werden oder nicht, war, daß wir unter allen Umständen in Tibet eines Dolmetschers bedurften; dies war so wichtig, daß diese ganze lange Reise durch Tibet bedeutend an Wert verlieren mußte, wenn wir uns mit den Einwohnern nicht verständigen konnten. Ich erklärte dies dem Lama, und er sah ein, daß ich vollständig recht hatte. Ich machte ihm sogar den Vorschlag, daß er bei der Karawane im Hauptquartier bleiben könne, während ich und die Burjaten nach Lhasa gingen. Dieser Ausweg hatte jedoch für seinen Ehrgeiz nichts Verlockendes; er war kein Feigling und gab später bei vielen Gelegenheiten Beweise von wirklichem Mut.

Stumm und niedergeschlagen saß er die folgenden Tage im Sattel und fand sicherlich, daß die Gesellschaft, in die er geraten, noch viel sonderbarer sei, als er anfänglich gedacht. Mit Schagdur verkehrte er nie wieder freundschaftlich; er fand mit Recht, daß dieser ihn schon in Kara-schahr in den ganzen Plan hätte einweihen müssen. Ich erklärte ihm, daß Schagdur auf meinen bestimmten Befehl so gehandelt habe und daß, wenn er davon gesprochen hätte, daß ein Europäer verkleidet mit nach Lhasa wolle, kein einziger Lama in der ganzen Mongolei sich, um welchen Preis es auch sei, bei uns hätte anwerben lassen. Kein Tagemarsch ging von nun an durch die Täler, kein Abend dämmerte, ohne daß wir Rat hielten und über unsere Lhasapläne sprachen. Schereb Lama machte hierbei wirkliche Seelenkämpfe durch. Ich war aber froh über seine Gesellschaft; er war einer der besten Menschen, mit denen ich zu tun gehabt hatte. In der Folge wird der Leser mit seinen weiteren Schicksalen Bekanntschaft machen. Jetzt wurde also für den Anfang vereinbart, daß er uns bis an den Kum-köll begleitete; dort sollte er seine endgültige Entscheidung treffen, dort sollte er wie Herkules am Scheidewege stehen und zwischen seiner sicheren Zelle im Kloster zu Kara-schahr auf der einen und ungewissen Schicksalen und unter allen Umständen merkwürdigen Abenteuern auf der anderen Seite wählen.

Während der folgenden Tage kreuzten wir mehrere Nebenflüsse, die nach Nordwesten strömen und dem Tscharchlik-su ihren Tribut bringen. In dem großen, offenen Kesseltale Unkurluk (Tal der Erdhütten), das wir in dichtem Schneegestöber erreichten, sahen wir an mehreren Stellen Schafherden, aber keine Menschen. Die Kosaken suchten die Gegend ab, ohne daß es ihnen gelang, jemand zu treffen. Ein wenig höher oben blieben wir in der Mündung eines kleinen Seitentales, wo es gute Weide, aber kein Wasser gab ([Abb. 227]).

Als die Luft sich ein wenig geklärt hatte, sahen wir zwei Zelte und etwa zehn Leute. Die Kosaken ritten dorthin, um mit den Bergbewohnern zu unterhandeln und Brennmaterial, Milch und ein Dutzend Schafe, die wir mitzunehmen beabsichtigten, zu kaufen.