Die 18 Hirten, die sich in Unkurluk aufhalten, wohnen hier beständig und hüten Schafe und Pferde aus Tschertschen. Den Winter verbringen sie in erbärmlichen kleinen Erdhütten. Die Gegend ist reich an Wild; Archari (wilde Schafe), Steinböcke, Yake, Bären und Wölfe kommen vor. Seit dem Herbst hatten sich jedoch keine Yake gezeigt; sie begeben sich im Sommer in höhere Regionen hinauf. Rebhühner hörte man hier und da in den Bergen rufen. Der Schnee fiel abends außerordentlich dicht, und wir waren wieder von vollständigem Winter umgeben.

Als wir am 27. bei kaltem, windigem Wetter das „Tal der Erdhütten“ verließen, nahmen wir zwölf ziemlich magere Schafe ohne Fettschwanz und drei Hirten mit statt unserer Tscharchliker Führer und der fünf Esel, deren Maislast bereits verzehrt war ([Abb. 229]).

Jetzt befanden wir uns richtig im Gebirge und auf bedeutender Höhe (3797 Meter). Das merkte man beim Atmen; man kletterte nun nicht mehr unnötig steile Abhänge hinauf. Von Bergkrankheit zeigte sich jedoch noch keine Spur, im Gegenteil, es ging uns allen vortrefflich.

Der folgende Tagemarsch führte uns über vier leichte Pässe zweiter Ordnung und über schneebedecktes, wellenförmiges Terrain nach dem Tale Kar-jaggdi, wo es etwas Weide gab. Im Süden und Südosten erheben sich mächtige, schneebedeckte Berge. Der Weg war leicht und angenehm, als wir dieses Tal hinaufzogen, in dessen Mitte sich ein mehrarmiger Bach schlängelte, der von dem frischgefallenen, schmelzenden Schnee gespeist wurde und dessen Wasser von verwitterndem Sandstein, der in der Gegend vorherrschte, rot gefärbt war. Auch jetzt galt es, einen Paß zu überschreiten, der zwar leicht und bequem ist, aber große geographische Bedeutung besitzt, denn er bildet die Wasserscheide zwischen Ostturkestan und dem Tschimentale. Die Höhe beträgt 4079 Meter, und der Schnee lag hier ziemlich hoch.

Wir folgten dem nächsten abwärtsgehenden Tale nach Südosten, wo die beschneite Kette des Piaslik ein herrliches Panorama bildete, und gelangten so in das breite Tschimental hinunter, das wir von so vielen früheren Exkursionen her kannten. Jetzt sah es noch winterlicher und kälter aus als im Oktober vorigen Jahres; alle Berge waren mit Schnee bedeckt, von dem aber nur die allerhöchsten Partien den Sommer über liegenbleiben. Wir lagerten am Ufer eines Flusses, der sich weiter abwärts mit dem Togri-sai vereinigt.

In diesem Lager erkrankte Schagdur ziemlich heftig; sein Puls stieg auf 134 und seine Temperatur auf 38,6 Grad (meine Körpertemperatur stieg in 4000 Meter Höhe und darüber selten über 36 Grad). Wir mußten einen Tag liegenbleiben und ihn pflegen, so gut wir konnten. Sirkin ging auf die Jagd und kam mit zwei Orongoantilopen (Pantholops hodgsonii) wieder; wir konnten daher ein paar Tage unsere Schafe sparen. Die Antilopen sind in dieser Jahreszeit ziemlich mager, da sie auf das neue Gras warten. Im Herbst sind sie fetter und besser.

Am 30. war Schagdur besser und bestand fest darauf, daß wir weiterzögen. Unser Weg führte jetzt nach Südosten über den ziemlich großen Togri-sai-Fluß und dann aufwärts in dem Quertal, das östlich vom Durchbruchstal Togri-sai die Piaslikkette durchschneidet.

Als wir schon eine ziemliche Strecke im Tale zurückgelegt hatten, stellte sich heraus, daß der Patient und der Lama nicht mitgekommen waren. Ich kommandierte daher an einem Rinnsale, wo Jappkakpflanzen uns notdürftig mit Feuerung versahen, Halt und schickte Li Loje zurück, um zu erfahren, welchen Grund das Ausbleiben der beiden hatte. Nach einer Weile kamen sie alle drei; Schagdur war matt, schwindlig und beinahe außerstande, sich im Sattel zu halten. Er bekam einen tüchtigen Spiritusgrog, wurde in Filzdecken gewickelt und kam ins Schwitzen. Gegen Abend ging es ihm entschieden besser; er hatte 37,2 Grad Temperatur und 112 Pulsschläge. Der Spiritus wurde aus einer der Flaschen für die zoologischen Sammlungen genommen. Sonst gab es keine Spirituosen in der Karawane, und zur Ehre der Kosaken muß ich sagen, daß keiner von ihnen, und von den anderen ebenfalls keiner, sie entbehrten. Alkoholische Getränke sind ein böses Ding in einer Karawane; sie machen Kräfte und Disziplin schlaff.

Auch hier blieben wir einen Tag liegen, damit sich der Kranke ordentlich ausruhte. Nach einer ruhigen Nacht legte er am 1. Juni die Tagereise wirklich gut zurück. Freilich war er noch ein wenig matt und mußte auf dem langen Wege ein paarmal rasten, aber er war doch ziemlich munter, als er am Ufer des Kum-köll ankam, wo er sich mehrere Tage der Ruhe und Pflege erfreuen sollte.

Am 1. Juni erreichten wir das Ufer dieses großen Salzsees. Wir ritten auf vorzüglichem Boden nach Südosten. In der Ferne dehnt sich die ungeheure, schön marineblaue Fläche des Sees aus. Nach Osten hin erstreckt sich die Kalta-alagan-Kette, die wir in Verkürzung in endloser, aber zusammengedrängter Perspektive sehen; ihr Kamm glänzt matt-weiß. Kulane und Orongoantilopen kamen in Menge vor. Am Ufer suchten wir lange vergeblich nach Wasser, bis endlich einer der Hirten uns eine Stelle zeigte, wo sich seiner Meinung nach ein Süßwasserbrunnen würde graben lassen, und richtig, seine feine Spürnase hatte ihn nicht betrogen. Brennstoff war vorhanden; die Weide war jämmerlich, aber in dieser Jahreszeit konnten wir nichts Besseres erwarten. Die Zelte und die Lasten wurden dicht am Strande so praktisch wie möglich aufgereiht ([Abb. 228]), und wir hatten jetzt weiter nichts zu tun, als die Ankunft der Karawane zu erwarten.