215. Ausgrabungen in einem der Häuser von Lôu-lan. ([S. 50].)

Rechts im Vordergrund der große Tonkrug.

216. Die Nivellierungskarawane. ([S. 62].)

217. Lager am Wasserarm. ([S. 76].)

Wir warteten am 2. Juni, wir warteten am 3., aber keine Karawane kam. Scharfer, östlicher Wind peitschte die Wellen des Kum-köll zu bedeutender Höhe auf, und ihr eintöniges Rauschen gegen das Ufer war das einzige, was das Schweigen der Wildnis unterbrach. Bisweilen herrschte Nebel; doch auch wenn die Luft klar war, sah man auf der Ostseite des Sees kein Land, und der Wind erfrischte wie eine Meerbrise; ja, manchmal, wenn er Schauer von Hagel oder Schnee brachte, kühlte er nur zu fühlbar ab. Die Hirten, die ihren Auftrag ausgeführt hatten, brannten vor Ungeduld, wieder nach ihren Hütten zurückkehren zu können; die noch vorhandenen drei Esellasten Mais wurden im Zelte der Kosaken verwahrt, dann entließen wir die ganze Gesellschaft. Erst aber mußten sie uns noch von den nächsten Schneewehen einige Säcke Schnee zu süßem Wasser holen. Ich kann mir nichts Langweiligeres denken, als jahraus, jahrein in diesem Gebirge zu hausen und anderer Leute Schafe zu hüten! Und doch machten die Hirten einen heiteren, zufriedenen Eindruck, und es war ein billiges Geschäft, sie überglücklich zu machen. Für mich war es eine richtige Geduldprobe, hier stillzuliegen und mir den Kopf darüber zu zerbrechen, weshalb die Karawane noch nicht kam und ob ihr unterwegs etwas zugestoßen sein könnte. Doch der Gedanke, sie in Tschernoffs, Tscherdons und Turdu Bais zuverlässigen Händen zu wissen, beruhigte mich.

Vergebens suchten unsere Blicke im Norden längs des Fußes des Gebirges die lange, schwarze Linie, die das Herannahen der Unseren verkünden würde. Manchmal konnten wir des Nebels wegen gar nichts unterscheiden; wenn aber die Luft klar war, hielten die Kosaken mit dem Fernglase eifrig Ausschau. Unterdessen ging es uns hier ganz gut. Proviant, besonders Schafe, hatten wir noch hinreichend, und es konnte nicht schaden, daß wir uns langsam und allmählich an die Luftverdünnung gewöhnten. Schagdur wurde mit Massage und kalten Umschlägen behandelt und erholte sich allmählich. Sirkin wurde beauftragt, nach unserem vorjährigen Lagerplatz am Nordwestufer zu reiten und unterwegs eine Marschroute aufzunehmen, die, wie sich bei der Kontrolle ergab, recht gut ausfiel. Für den Fall, daß sich die Karawane dort niederlassen sollte, machte er einen Wegweiser aus einem kleinen Brett mit einer darauf gezeichneten Hand, die westwärts, nach unserem jetzigen Lager zeigte.

Der 4. Juni war ein schöner, herrlicher Tag. Die ganz klare Luft erlaubte dem Blicke, dem Kalta-alagan-Gebirge bis in endlose Fernen zu folgen, wo sein Kamm undeutlich wurde und wie in einer nadelscharfen Spitze verschwand. Der See zeigte sich in einem neuen Farbenspiel: hellgrün mit weißen Wellenschaumstreifen. Die Pferde weideten weit vom Lager, die meisten Leute schliefen, nur der Lama spähte fleißig nach Norden; das scharfe Zeißsche Fernglas war ihm sehr interessant, und er benutzte es oft. Ich arbeitete in meiner Jurte, als er mir meldete, daß er die Karawane zu sehen glaube. Ich nahm das Fernglas, und richtig, längs des Fußes des Gebirges wurde der gewaltige Zug sichtbar, der in sechs Abteilungen marschierte, voran eine lange, schwarze Linie und dann mehrere kleinere Gruppen; nur mit Hilfe des Fernglases konnte ich diese schwarzen Linien und Punkte unterscheiden.