An diesem Tag wurde nichts mehr getan. Mit gespanntem Interesse beobachteten wir den Gang des Zuges. Jetzt würden wir uns wieder vereinigen und den Marsch nach Süden im Ernst antreten. Die Entfernung war indessen noch zu groß, als daß die Karawane unsere Zelte hätte sehen können. Sie ging noch immer nach Osten, statt gerade auf unser Lager loszusteuern.
Nun sahen wir zu unserem Erstaunen, daß Halt gemacht, die Lasten abgeladen und die Kamele auf die Weide geschickt wurden. Ich sandte daher Mollah Schah dorthin. Je weiter er sich auf dem weitgedehnten Terrain von uns entfernte, desto schwerer wurde es uns seinen Weg zu verfolgen. Schließlich kam ihm ein Reiter von der Karawane entgegen, und beide gingen in das andere Lager. Dort wurden die Kamele von allen Seiten wieder herbeigeholt, und der Zug setzte sich von neuem in Bewegung, indem er umschwenkte wie ein Eisenbahnzug in einer Kurve, den man schließlich in Verkürzung vor sich sieht. Darauf tauchte bei dem östlich von uns liegenden, isolierten kleinen Berge ein einzelner Reiter auf, der sich uns in starkem Trabe näherte.
Es war Kutschuk. Er war vor ein paar Tagen von dem Karawanenführer Tschernoff vorausgeschickt worden, um uns rechtzeitig Nachricht zu bringen. Auf dem alten Lagerplatze am Nordufer hatte er Sirkins Wegweiser gefunden und die Bedeutung der nach Westen zeigenden Hand sofort verstanden. Er ritt mein altes Kaschgarpferd, das älteste in der Karawane, und brachte uns nur gute Nachrichten.
Mittlerweile näherte sich die Karawane in guter Ordnung; die beiden Kosaken ritten in gestrecktem Galopp zu mir und meldeten militärisch, daß alles gut stehe; Leute wie Tiere seien in vorzüglichem Zustand, nur ein Maulesel sei als untauglich in Bag-tokai zurückgelassen; einige von den heimkehrenden Dienern sollten ihn behalten, wenn sie ihn wieder ins Leben rufen könnten.
Jetzt kam die Eselkarawane mit Dowlet Karawan-baschi an der Spitze angezogen; hinter dieser bunten Gesellschaft erschien ein aufgescheuchter Kulan, der in einer Wolke von Staub gerade auf das Lager zurannte, bis er die Gefahr erkannte und sich nach Westen rettete.
Darauf erschien Turdu Bai an der Spitze seiner prächtigen, fetten Kamele ([Abb. 230]). Sie waren munter und sichtlich zufrieden, daß sie sich in der frischen, kühlen Bergluft befanden und die schwüle Hitze und die stechenden Insekten der Tiefebene hinter sich hatten. Während der Ruhetage, die sie unterwegs gehabt, hatten die Männer Tschapane für alle Kamele genäht, um sie gegen den heftigen Temperaturwechsel zu schützen. Die drei Jungen, die den älteren wie Hunde nachliefen, sahen in ihren weißen Mänteln gar zu komisch aus. Sogar das jüngste Kleine sprang umher, ohne eine Spur von Ermüdung zu zeigen. Es war erst wenige Tage alt, als es schon mit der dünnen Luft Bekanntschaft machte, und seine Lungen paßten sich ihr früh an. Ganz sicher trug dieser Umstand dazu bei, es widerstandsfähiger zu machen als seine beiden Kameraden, die es lange überlebte. Sogar dem Hirsche, der mit den Kamelen zu gehen pflegte, ging es gut; er hatte nur den großen Fehler, uns zuviel Mais wegzufressen, denn das gelbe Gebirgsgras verschmähte er verächtlich.
Die letzten im Zuge waren die Pferde mit ihren Lasten und Treibern. Jede Abteilung passierte das Hauptquartier, wo ich inmitten der Kosaken stand, und alle Leute grüßten der Reihe nach höflich. Es dauerte eine ziemliche Weile, bis die ganze Gesellschaft vorbeigezogen war, um unmittelbar südlich vom Hauptquartier die Zelte aufzuschlagen und das Gepäck aufzustapeln. Die Lasten wurden so gestellt, daß sie ein Gehege für die Schafe bildeten, von denen wir jetzt eine ganze Herde hatten, die Wanka, dem Leithammel aus Kutschar, auf den Märschen gehorsam folgten. Wanka begleitete die Karawane schon seit dem Herbst 1899 und war das einzige von allen zu Beginn der Reise mitgenommenen Karawanentieren, das wir im Jahre 1902 wieder mit nach Kaschgar brachten.
Für mich wurde eine ganz neue Jurte aufgeschlagen, welche die Kosaken in Tscharchlik angefertigt hatten. Als das ganze Lager fertig war, glich das Ufer des Salzsees einem lebhaft besuchten Korso mit Gruppen von Leuten, die um rauchende Feuer saßen und plauderten. Die Tiere zerstreuten sich auf der kargen Steppe, um sich ihre knappe Nahrung zu suchen. Unterdessen tobte die Brandung am Ufer, und ein Sturm wühlte den See auf. Dicht und kalt schlug der Regen uns entgegen und durchnäßte unsere Ansiedlung.
Zur Erledigung verschiedener Arbeiten war ein Ruhetag am Kum-köll erforderlich. Ich packte alle meine Kisten gründlich um, damit ich die Sachen und Instrumente, die täglich gebraucht wurden, in den beiden, stets in meiner Jurte stehenden Kisten immer gleich bei der Hand hatte. Das meteorologische Observatorium, das unter Sirkins Aufsicht stand, wurde bei ihm in einer besonderen Kiste verwahrt, und die Thermometer wurden auf jedem Lagerplatz in einem kleinen geschützten Schuppen aufgestellt. Diejenigen der Konserven, die in der nächsten Zeit gebraucht werden sollten, wurden ausgepackt. Eine Anzahl wenig tauglicher Esel mußte, da ihre Lasten verzehrt worden waren, mit einigen Eseltreibern wieder umkehren.
Hier sollte sich auch der Lama endgültig entschließen, ob er mitkommen oder umkehren wollte. Er hatte sich die Sache entschieden überlegt und mit Li Loje eine kleine Intrige angezettelt. Letzterer, der jetzt fast ein Jahr lang tadellos seinen Dienst verrichtet hatte, bat um seine Entlassung und gab als Grund an, er habe erfahren, daß sein alter Vater in Kerija gestorben sei, und müsse deshalb unverzüglich dorthin, um seine Interessen wahrzunehmen. Dies wurde ihm natürlich nicht geglaubt, denn dieselbe Geschichte hatte er uns schon bei ein paar Gelegenheiten mitten in der Wüste einreden wollen. Das Schlimmste aber war, daß er seinen Lohn in Tscharchlik für ein halbes Jahr voraus bekommen hatte. Es war eigentlich recht eigentümlich, daß er nicht einfach durchbrannte, da er ja sein eigenes Pferd, eines der besten der ganzen Truppe, hatte. Von nun an ließ ich ihn eine Zeitlang bewachen, damit er nicht in einer Gegend, wo wir ihn nicht mehr einholen könnten, verduftete. Der Lama hatte beschlossen, Li Loje zu begleiten, um die Mongolenkarawane dann in Tschimen oder Zaidam aufzusuchen. Als er aber sah, daß der Mann doch bei uns bleiben mußte, wurde auch er anderen Sinnes, suchte mich in meiner Jurte auf und erklärte, daß er mir bis ans Ende der Welt folgen werde, was auch daraus entstehen möge. Das einzige, was er erbat, war, nicht verlassen zu werden, falls er erkranken sollte; er sah selbst bald ein, daß er in dieser Beziehung nichts zu fürchten hatte, da nicht einmal eines der Tiere ohne weiteres verlassen wurde. So ordnete sich diese Sache im Handumdrehen. Ohne den Lama hätten wir in den bewohnten Gegenden Tibets kaum fertig werden können, und Li Loje (alias Tokta Ahun) war, obwohl ein bißchen verrückt, bei allen beliebt. Er erzählte lustige und grauliche Geschichten und führte sich bis Ladak ausgezeichnet.