Schließlich wurden alle Muselmänner zusammengerufen und Turdu Bai feierlich zum Tugatschi-baschi (Kamelobersten) ernannt. Hamra Kul, ein großer, kräftiger Mann aus Tscharchlik, der seinen sechzehnjährigen Sohn Turdu Ahun bei sich hatte, wurde Att-baschi (Pferdeoberst); die anderen hatten diesen beiden in allem, was mit der Wartung der Tiere zusammenhing, unbedingt zu gehorchen. Mollah Schah erhielt keinen Befehlshaberposten, weil er, dessen Aufgabe es gewesen war, die Pferde am Kum-köll zu bewachen, gar nicht gemerkt hatte, daß ihm die ganze Herde fortgelaufen war. Er fing die meisten allerdings noch vor Abend wieder ein, aber fünf wurden erst am nächsten Morgen wiedergefunden. Natürlich hatten die Kosaken einen höheren Rang als die Muselmänner, und jeder von ihnen hatte seine bestimmte Beschäftigung und überwachte das Ganze.

Zehntes Kapitel.
Die Zusammensetzung der Karawane.

So brach denn der erste Tag auf dieser Reise im innersten Asien an, an welchem ich die ganze Karawane auf einer Stelle versammelt hatte und vom Rücken meines prächtigen, weißen Reitpferdes mein wanderndes Eigentum mustern konnte. Wir ließen jetzt keine Abteilung hinter uns zurück; das Hauptquartier selbst war auf dem Marsche, und wir brauchten uns nicht um Abwesende zu beunruhigen. Mit dem Abbrechen des Lagers und dem Beladen der Tiere ging es ziemlich schnell; denn jeder der Leute hatte seine bestimmte Arbeit. Während einige die Zelte abnahmen und die Kisten packten, hoben andere die Proviantlasten auf Kamele und Pferde, und sobald eine Abteilung fertig war, brach sie auf.

Voran marschierten die Kamele in fünf verschiedenen Gruppen, jede mit einem Führer; die erste führte Turdi Bai selbst. Wie unter den Männern, so waren auch unter den Tieren einige, die besondere Beachtung verdienten, z. B. die drei Kamelfüllen, die ihren Müttern treu folgten und sich bei diesen dann und wann einen Schluck Milch holten. Sogar das jetzt 33 Tage alte Junge legte seine 38 Kilometer mit Leichtigkeit zurück. Unter den älteren Kamelen zeichnete sich namentlich der große, schöne „Bughra“ (Hengst) aus, der mir 1896 durch die Kerijawüste und nach dem Lop-nor geholfen und den wir jetzt in Tscharchlik wiedergekauft hatten. Sein Gang war ruhig und majestätisch, und mit Resignation betrachtete er die öden Gebirge, die ihm bald sein Leben kosten sollten. Nahr, der Dromedarhengst, war noch immer gehalftert, um nicht um sich beißen zu können; er hatte uns durch die Gobi bis Lôu-lan begleitet. Die beiden „Artan“ (Wallachs), die alle drei Wüstenreisen mitgemacht hatten und von denen ich das eine geritten hatte, trugen jetzt, weil sie völlig leidenschaftslos und ruhig waren, meine Instrumentkisten. Mein altes Reitkamel war eines der neun, die schließlich Ladak erreichten.

Auch Pferde und Maulesel, 45 an der Zahl, wurden in getrennten Gruppen geführt, respektive getrieben und von Fußgängern begleitet, die aufpaßten, daß die Lasten auf beiden Seiten gleiches Gewicht hatten und nicht herunterglitten. Die Schafe folgten Wanka, und man brauchte sich nur von Zeit zu Zeit nach ihnen umzusehen. Unsere acht Hunde liefen in munterem Spiel nebenher und waren sichtlich von dem ganzen Unternehmen sehr erbaut. Der Hirsch wurde auf dieser Tagereise sehr krank oder erschöpft und ließ sich nicht länger zum Maisfressen bewegen. Er blieb unaufhörlich zurück, und da ich sah, daß er nicht die Kraft hatte, mit uns Schritt zu halten, ließ ich ihn blutenden Herzens schlachten. Das Knochengerüst wurde der Skelettsammlung beigefügt.

Zuletzt wurden die Esel fertig, und wir verloren sie bald aus den Augen. Sie gelangten abends nicht einmal bis an das Lager. Von ihnen werden bestenfalls nur einige wenige diese Reise überleben. Jetzt waren ihrer etwa 60.

Diese lange Karawane von Tieren, die mit Kisten, Zelten, Jurten, Ballen und Säcken beladen waren, gewährte in der öden Landschaft einen ebenso großartigen wie malerischen Anblick. Es war eine bunte Truppe, die langsam und schwer an dem blaugrünen See entlangzog. Die ungleichartigen Trachten und Typen trugen zur Abwechslung bei: die Kosaken, Russen und Burjaten, mit ihren abgetragenen Uniformen und den hinter dem Sattel mit Riemen festgeschnallten Pelzen, die Muhammedaner mit ihren Tschapanen und Fellmützen, Eseltreiber, die große Ähnlichkeit mit einer Rotte von Lumpen und Landstreichern haben; der Lama in seinem roten Gewande taucht wie das gutmütige Heinzelmännchen der Karawane bald hier, bald dort auf. Das Ganze erinnerte an ein Heer auf Kriegsfuß, das auszieht, um neue Länder zu erobern. Es war auch wirklich so; aber die Eroberung war friedlicher Art, da sie nur den Zweck hatte, dem menschlichen Wissen bisher unbekannte Länder zu unterwerfen. Noch sah die Karawane stark und lebenskräftig aus, aber man brauchte nur einen Blick um sich zu werfen, um zu ahnen, daß sie von dem Augenblicke an zum Untergange verurteilt war, als sie ihre Schiffe hinter sich verbrannt hatte und südwärts über die öden Hochebenen des nördlichen Tibet zog. Jetzt freilich befanden sich ihre Mitglieder in vorzüglicher Verfassung, aber wie lange würde es so bleiben? Dort dehnte sich wohl ein See aus, aber sein Wasser war salzig, und nicht einmal die Wildgänse rasteten an seinen Ufern; hier gab es wohl eine Steppe, aber ihr Graswuchs war verdorrt, erfroren und hart, und die Berge, nach denen wir unsere Schritte lenkten, zeigten ihre grauschillernden, verwitterten, felsigen Abhänge, auf denen nicht ein einziger grüner Fleck zum Grasen war. Daß es nur eine Frage der Zeit war, wie lange wir aushalten konnten, wußte ich aus Erfahrung; ohne Opfer würde die Fortsetzung der Reise nach Süden nie möglich sein. Die Karawane mußte von Tag zu Tag kleiner werden, und nur ein Fünftel davon sollte dieses unheimliche, mörderische Land verlassen! Dreißig Kamele sollten hier umkommen, und von den Pferden sollte nur ein einziges nach Ladak gelangen. Ich hatte 30 Leute; viele von ihnen sollten aber am Arka-tag wieder umkehren, namentlich alle die, welche mit dem Eseltransporte zu tun hatten. Von den übrigen, die für die ganze Reise gedungen waren, sollten auch nicht alle mit dem Leben davonkommen!

Ich selbst ritt bald an der Spitze, bald am Ende des Zuges, mit meinen gewöhnlichen Arbeiten beschäftigt, von denen die Aufnahme der Marschroute die meiste Zeit in Anspruch nahm.

Anfangs gehen wir längs des Ufers nach Süden, müssen es aber tückischer Moräste und Sümpfe wegen bald verlassen. Die Richtung ist dann südöstlich, und zu unserer Linken liegt eine große Lagune mit sehr salzigem Wasser. Die Hügel, die wir auf einem kleinen Passe überschreiten, bestehen aus weichem, lockerem Material, auf dem die ziemlich schwerbeladenen Kamele nur schwer und mühsam gehen können. Auf der anderen Seite ging es beinahe senkrecht nach einem Flusse hinunter, der ein wahres Höllenloch mit ziegelrotem Schlammboden durchströmte, in welchem man ertrinken konnte, wenn man nicht mitten im Flußbette blieb. Sogar dieses lebhaft fließende Wasser hatte einen bitteren Salzgeschmack. Die Kamele gleiten aus und sinken oft bis an die Knie ein. Im ersten besten Nebentale suchen wir Erlösung von diesem Elend, überschreiten noch einen Paß und noch ein Tal und gehen ein drittes, nach Süden führendes hinauf. Auch dieses lag zwischen jähen Wänden von lockerem, rotbraunem Material. Die phantastischsten Türme und Festungsmauern sind hier ausgemeißelt, und man glaubt, durch die Ruinen einer alten Stadt zu reiten.

Jetzt galt es nur, einen einigermaßen brauchbaren Lagerplatz zu finden; als aber unsere Bemühungen auch beim Einbruch der Dämmerung nicht mit Erfolg gekrönt waren, wurde das Lager Nr. 12 in der ödesten Gegend, die man sich denken kann, aufgeschlagen. Weide und Brennstoff zu finden hatten wir gar nicht erwartet, aber hier fehlte es sogar an Wasser. Glücklicherweise fing es um 9 Uhr ziemlich heftig zu schneien an; alle Gefäße wurden ins Freie gestellt, und wir bekamen so viel Schnee, daß das Wasser daraus zu einigen Schlucken Tee für jeden reichte. Den Tieren wurde so viel Mais gegeben, wie sie haben wollten; die Esel würden doch nicht mehr sehr lange mitkommen können, und dann war es besser, uns ihrer Lasten auf diese Weise zu entledigen, als sie im Stiche zu lassen.