Nachdem das Schneien aufgehört hatte und der gefallene Schnee verdunstet oder aufgetaut war, begannen wir spät abends einen Brunnen zu graben, der noch in 99 Zentimeter Tiefe kein Wasser gab und deshalb nicht weitergegraben wurde. Doch am nächsten Morgen hatte sich in ihm eine nicht unbedeutende Wassermenge angesammelt, die für alle Mann reichte; ja, selbst die Hunde bekamen etwas davon ab. Dowlet holte uns mit der halben Eselkarawane ein; damit sich auch die andere Hälfte mit uns vereinigte, wurde nur ein kurzer Tagemarsch gemacht.
Tschernoff hatte die Gegend rekognosziert und führte uns nach Südwesten über ebenes, hartes Erdreich, das dünn mit Jappkakpflanzen bestanden war und nach allen Richtungen hin von Kulanpfaden durchkreuzt wurde. Noch sah man im Norden die Kalta-alagan-Kette, aber der See, der diesseits derselben liegt, wurde von den Hügeln, die wir gestern überschritten hatten, verdeckt. An das charakteristische tibetische Wetter waren wir schon gewöhnt: heftige Hagelschauer, denen Sonnenschein auf dem Fuße folgt, oder auch klare Luft über unserer Gegend, aber schwarze, freigebige Wolken ringsumher.
Wie auf dem Marsche innerhalb der Karawane eine bestimmte Ordnung herrscht, so entsteht auch das Lagerdorf nicht aufs Geratewohl. Derselbe Plan wiederholt sich allabendlich, nur mit unbedeutenden, durch die Gestalt des Bodens bedingten Abänderungen. An dem einen Ende der Lastenstapelreihen hat Turdu Bai sein Zelt ([Abb. 231]), wo auch Hamra Kul, Mollah Schah und Rosi Mollah wohnen. Letzterer, der muhammedanische Priester der Karawane, ist ein vierzigjähriger, des Schreibens kundiger, sehr netter und zuverlässiger Mann. Er brachte wie Li Loje sein eigenes Pferd mit und erhielt gleich den meisten anderen Muselmännern monatlich 8 Sär.
Das zweite Zelt, von Turdu Bais Flügel gerechnet, beherbergt meine Küche und die der Kosaken; dort residiert Kutschuk allein. Er ist Tscherdons Gehilfe, welch letzterer für die nächste Zeit zu meinem Haushofmeister ernannt worden ist. Tschernoff ist der Koch der Kosaken. Unsere Küche ist also von derjenigen der Muselmänner getrennt, da diese nicht gern mit Ungläubigen speisen und religiöse Furcht vor Töpfen hegen, in die sich möglicherweise einmal ein Stück Schweinefleisch hatte hineinverirren können. Die Kosaken wollen ebensowenig ihre Töpfe mit Kulanfleisch beflecken, welches die Muselmänner wiederum sehr gern essen.
218. Ein Ausläufer des wandernden Sees. ([S. 82].)
219. Mein Hirsch im Garten. ([S. 87].)
Links ein Chinese, Tschernoff und Turdu Bai, rechts Islam Bai.