220. Sirkin und Tschernoff mit den beiden kleinsten jungen Kamelen. ([S. 89].)
221. Im Schatten der Weiden am Seraiteich in Tscharchlik. ([S. 98].)
Die dritte in der Reihe ist die große, von Sirkin, Schagdur und dem Lama bewohnte Jurte. Jeder von ihnen hat sein Bett, das aus Filzdecken, Pelzen und einem Kopfkissen besteht, und eine Kiste für seine Sachen. Die Habseligkeiten der Eingeborenen nehmen dagegen wenig Raum ein und haben meistens in einer Kurtschin (lederne Doppeltasche) Platz. Schagdur ist jetzt nach seiner Krankheit jede Arbeit streng verboten. Es dauerte jedoch nicht lange, so hatte er seine frühere Kraft wiedererlangt und hob Kisten und Lasten mit demselben festen Griffe wie vor der Krankheit. Dem Lama hatte ich ein für allemal erklärt, daß er als „Doktor der Theologie“ nichts mit den gröberen Karawanenarbeiten zu tun habe, da diese von den Muselmännern besorgt würden. Ich sagte ihm, seine einzigen Pflichten seien, mir wie bisher Unterricht im Mongolischen zu geben und späterhin unser Dolmetscher für das Tibetische zu sein, unser „Tangut kälä“, wie es auf mongolisch heißt. Doch wie oft ich ihm dies auch wiederholte, er kehrte sich nicht daran. Es gab keine Arbeit, die dem Lama für seine an heilige Folianten gewöhnten weichen Hände zu grob erschien. Er hob schwere Kisten auf die Kamele und von den Kamelen herunter, und Turdu Bai sagte lachend, er habe an ihm einen ausgezeichneten Handlanger. Hierdurch gewann der Lama eine gewisse Popularität bei den Karawanenleuten und stachelte den Ehrgeiz der Muhammedaner an; ein Rechtgläubiger durfte ja nicht schlechter sein, als ein „Kaper“, ein Heide, der Schweinefleisch ißt. Der Lama besaß eine scharfe Beobachtungsgabe und große Menschenkenntnis. Es währte gar nicht lange, so hatte er die Muhammedaner sowohl nach ihrem Werte als Menschen wie nach ihrer Arbeitstüchtigkeit in eine Rangordnung gebracht.
Darauf folgt Tschernoffs und Tscherdons kleine Jurte. Tschernoff überwacht alle gröberen Arbeiten in der Karawane und ist dafür verantwortlich, daß jeder seine Pflicht tut, und Tscherdon ist, wie gesagt, mein „Leibdiener“ und Koch.
Zu äußerst auf dem entgegengesetzten Flügel steht meine Jurte, bewacht von Jolldasch und Jollbars, die manchmal gar zu eifrig auf eingebildete Feinde losfahren, nämlich auf unsere eigenen Pferde und Kamele, die friedlich in der Gegend umherstreifen oder, wenn sie vergebens nach Gras gesucht hatten, nach Turdu Bais Zelt zu gehen pflegen, um sich dort Mais zu holen.
Die übrigen Karawanenleute müssen sich mit etwas provisorischeren „Zelten“ begnügen. Sie breiten Filzteppiche über die Kamellasten und finden darunter eine Lagerstatt. Ihr Essen kochen sie an den verschiedenen Feuern, die mitten auf den Straßen und dem Markte der Lagerstadt brennen. Einige von ihnen müssen jedoch die ganze Nacht unsere Tiere hüten und dafür sorgen, daß diese sich nicht zu weit entfernen. In dieser schweren Arbeit lösen sie jedoch einander ab, und Tschernoff paßt auf, daß hierbei keine Ungerechtigkeit vorkommt. Manchmal reitet er mitten in der Nacht zu den Herden, um sich zu überzeugen, daß die Hirten nicht schlafen. Was die Schafe betrifft, so wird für sie stets von den Lasten eine Hürde zurechtgemacht, denn in dieser Gegend ist man vor Wölfen nicht sicher.
Sobald die Ansiedlung für eine Nacht fertig dasteht, herrscht zwischen ihren luftigen Hütten eine gute Weile Leben und Bewegung. Dann schwirren drei Sprachen durcheinander, Dschaggataitürkisch, Russisch und Mongolisch. Allmählich verstummt jedoch die Unterhaltung, Turdu Bai führt die Kamele auf die Weide, wenn es in der Gegend solche gibt, Hamra Kul macht es mit den Pferden ebenso, und beide erteilen ihre Befehle hinsichtlich der Behandlung und Bewachung der Tiere. Wenn an einem Packsattel ein Saum aufgegangen ist, wird er wieder zugenäht, und wenn ein Kamel oder Pferd hinkt oder kränklich ist, wird es im Lager zurückbehalten und mit besonderer Fürsorge gepflegt. Hier werden die Feuer angezündet, die wir jetzt beinahe ausschließlich mit trockenem Miste von Kulanen oder wilden Yaken unterhalten. Einen kostbaren Reservevorrat von Brennholz haben wir an den starken Leitern, an denen der Proviant festgebunden ist. In dem Maße, wie dieser zusammenschrumpft, werden die Leitern überflüssig; sie werden aber nur im äußersten Notfall als Feuerung verwendet, anfangs nur, um den oft noch feuchten Dung zum Glühen zu bringen. Sobald er in Glut ist, werden die Töpfe aufgesetzt und das Essenkochen beginnt. Um die Feuer herum sieht man Gruppen von Männern, die sich eifrig miteinander unterhalten und sich der Ruhe freuen. Wenn der gewöhnliche Weststurm mit tüchtigem Schneetreiben anhebt und, wie heute, die Gegend in wenigen Minuten kreideweiß und winterlich macht, decken sie sich einfach mit einer Filzmatte zu und fahren in größter Ruhe mit der Speisenbereitung fort. Meine Jurte ist in einer Viertelstunde fertig. Die Filzdecken und Pelze, aus denen mein Bett besteht, liegen wie die der anderen unmittelbar auf der Erde. Ich lasse mich auf dem Bette nieder und trage die Beobachtungen des Tages in die Tagebücher ein. Nach dem Abend- oder Mittagsessen, wie man diese Mahlzeit nennen will, wird das am Tage entworfene Kartenblatt ausgearbeitet, die Kompaßpeilungen und die Entfernungen ausgerechnet und der neue Lagerplatz auf einem Übersichtsblatte angegeben. Ich weiß also stets, wo wir uns befinden, kann mich davor hüten, mich den westlich von uns liegenden Routen Littledales und Dutreuil de Rhins und den östlich von uns befindlichen Wegen des Prinzen von Orléans und Bonvalots zu sehr zu nähern, und bin auch imstande, die Richtung nach Lhasa einzuhalten.
Das Lager der Eselkarawane befindet sich ganz in der Nähe des unsrigen. Einstweilen sind dort nur 30 Esel; die anderen sind noch nicht erschienen. Am folgenden Morgen, 8. Juni, mußte der alte Dowlet umkehren, um sie zu suchen.
Wir dagegen zogen südwärts durch ein ausgetrocknetes Tal. Kärgliche Weide gibt es hier überall, aber keine anderen Tiere als Hasen. Der Himmel bleibt immer noch bewölkt. Nach und nach wird das Terrain beschwerlich. Hunderte von kleinen, wasserlosen Bachrinnen ziehen sich nach einem nach Norden gerichteten Tale, das zu unserer Linken liegt. In dieses gehen wir hinunter und folgen ihm dann aufwärts. Es ist ziemlich tief in die Hügel eingeschnitten, und der Bach, der hier seinen Abfluß gehabt hat, hat den Talboden derartig aufgelockert und weichgemacht, daß die Kamele einsinken. Es klatscht nach jedem Schritte, den die schweren Kolosse in dem Moraste zurücklegen. Der lange, schwarze Zug folgt jedoch getreulich den Windungen des Korridors, aber der greuliche Hohlweg wird immer nasser und enger. Unaufhörlich erschallen eifrige Mahnrufe. Ein Kamel ist ausgeglitten und gefallen, ein Pferd hat sich seine Last abgeschüttelt, und ein Maulesel sitzt ganz im Schlamme fest.