Selbst die boshafteste Phantasie kann keinen scheußlicheren, die Geduld mehr auf die Probe stellenden Boden erdenken. Der Abstand zwischen den tief ausgemeißelten Erosionsfurchen beträgt oft nur einen Fuß; Millionen solcher kleiner Rinnen vereinigen sich zu größeren, diese wieder zu noch kräftigeren, die schließlich in das nach dem Kum-köll führende Haupttal münden. Die Abhänge fallen überall sehr steil nach diesen Rinnen ab, und auf dem Schlammboden des Haupttales geht es sich, als hätte man Bleisohlen an den Stiefeln oder schwere Gewichte an den Beinen. Alle gehen natürlich zu Fuß. In einer Lache blieb mein einer Stiefel stecken, und ich fuhr mit dem Strumpfe bis ans Knie in den Morast. Die Wege, die zu Dantes Hölle führen, können nicht scheußlicher sein, als diese siebenmal verwünschte Schlammstraße, die an den Kräften der Karawane unnötigerweise zehrte. Zwei Kamele wurden so matt und unbrauchbar, daß sie von ihren Lasten befreit werden mußten. Aus der Ferne hatten diese Höhen so sanft und niedrig ausgesehen, daß die Männer uns fast ebenes Terrain prophezeit hatten.

Schließlich wurde es gar zu toll, und wir konnten keinen Schritt mehr vorwärts; wir mußten aus diesem Loche heraus, gleichviel wohin, denn schlimmer konnte es nicht werden. Turdu Bai wollte mit der Karawane auf die zu unserer Linken liegenden Höhen hinaufflüchten und stellte ein Dutzend Leute an, die mit Spaten einen steilen Weg gruben. Unterdessen ritt Tschernoff weiter und kehrte bald mit der Nachricht zurück, daß in dieser Richtung nicht einmal ein Fußgänger weiter vordringen könne.

Nun befahl ich kehrtzumachen, und mit großer Schwierigkeit kehrte der lange, schwerbeladene Zug in seinen eigenen Spuren um. Es war so wenig Platz vorhanden, daß jedes Tier auf dem Flecke, wo es sich befand, wenden mußte. Das Zurückgehen war noch fürchterlicher, denn der Boden war jetzt noch mehr aufgeweicht. Nach unzähligen Mißgeschicken kamen wir aus der verwünschten Falle endlich wieder heraus.

Sirkin rekognoszierte jetzt ein anderes Tal, das von einem kleinen Passe im Westen kam. Dieses ritten wir hinauf. In der Mitte des Tales war ein jetzt ausgetrocknetes Flußbett mit senkrechten Uferwänden. Ein paarmal mußten wir es überschreiten, und wieder wurden alle Spaten in Tätigkeit gesetzt, um Wege in die wie Mehl stäubende rote Erde zu graben.

Verzweifelt langsam bewegte sich die erschöpfte Karawane vorwärts. Ich saß auf dem kleinen Passe und ließ sie vorbeidefilieren. Endlich hatte ich sie alle nach der anderen Seite, wo das Terrain offener war, hinuntergehen sehen. Nur eines der beiden schwachen Kamele war mit Mühe hinüberzubringen. Fünf Mann mußten es buchstäblich hinaufschieben. Es wird gewiß das nächste Tier sein, welches daraufgeht.

Wir rasteten auf einer kleinen Wiese an einem Quellbache. Diesmal beschlossen wir aus vier verschiedenen Gründen liegenzubleiben. Erstens war die Weide hier außergewöhnlich gut, viel besser als am Kum-köll, zweitens waren die Tiere abgehetzt, drittens mußten wir auf die Esel warten, die wir ganz aus den Augen verloren hatten und die sich bisher als ganz marschunfähig erwiesen hatten, — während der beiden letzten Tagereisen waren viele von ihnen zusammengebrochen. Und schließlich war es notwendig, Kundschafter südwärts zu schicken, um einen gangbaren Weg zu suchen, denn es ist verkehrt, in unbekanntem Lande mit der ganzen Karawane einfach draufloszugehen. Die Rekognoszierung wurde Mollah Schah und Li Loje anvertraut, die nicht eher wiederkommen sollten, als bis sie einen gangbaren Weg gefunden hätten.

Um 3 Uhr herrschte ein Sturm aus Westen mit Schnee und um 9 Uhr ein Sturm aus Osten. Halb über ein Kohlenbecken gebeugt, sitze ich im Pelz bei meiner Arbeit, und dabei befinden wir uns im Hochsommer, 24 Breitengrade südlich von Stockholm! Dafür beträgt die absolute Höhe aber auch über 4000 Meter! Die Kamele sind zu bedauern, daß sie gerade, nachdem sie ihre Wolle verloren haben, ganz nackt in ein so kaltes Land haben hinaufziehen müssen; sie werden daher, so gut es geht, in die enganschließenden dicken Filzmäntel gehüllt.

Der Rasttag fing mit wirbelndem Schneesturme an. Um die Mittagszeit klärte es sich jedoch auf, so daß ich eine Breitenbestimmung ausführen konnte, und dann taute der Schnee wieder auf. Abends kehrten die Kundschafter zurück und erklärten den Weg nach Süden hin für gangbar; es wurde beschlossen, früh aufzubrechen, die Esel im nächsten Lager zu erwarten und für den nächsten Tagemarsch wieder Kundschafter auszuschicken. Es ist nicht so leicht, durch Tibet zu reisen, wie mancher vielleicht glaubt; es erfordert im Gegenteil außerordentlich große Umsicht. Die Nachtkälte sank auf −13 Grad, und bei Tag stieg das Quecksilber nicht viel über Null.

Den Fußspuren der Kundschafter folgend, zogen wir jetzt gen Süden. Das schwächste Kamel durfte unbeladen gehen, blieb aber nichtsdestoweniger schon zu Anfang des Marsches zurück und mußte mit einem Manne unterwegs liegengelassen werden. Ein anderes, das alles, was Paßübergang hieß, verabscheute, machte uns viele Beschwerde. Sobald es fand, daß es zu steil bergan ging, blieb es einfach stehen, und ein Pferd mußte seine Last übernehmen. Bergab ging es gut, doch unweit des Lagers weigerte es sich, wieder aufzustehen und wurde mit einem Wächter zurückgelassen.

Das Terrain war hier günstig; nur ein Tal zwang uns, eine lange Strecke ostwärts zu gehen. Über unzählige Bachbetten und die zwischen ihnen liegenden Erhöhungen hinweg schlagen wir dann wieder eine südliche Richtung ein und gelangen an das linke Ufer des größten Flusses, den wir seit langer Zeit gesehen haben. Er ist wasserreich, und große Eisschollen glänzen in seinem Bette. Auf einer Anhöhe, wo das erste junge Gras dieses Jahres sproßte, wurde Halt kommandiert. Ich ging bis an den Rand des Ufers und befand mich da über einem gähnenden Abgrund mit meist völlig senkrechten Geröllwänden von 23,1 Meter Höhe. Eine solche Stelle ist für die wenig überlegenden Kamele gefährlich. Das lose Erdreich am Rande kann unter ihrem Gewichte nachgeben, und die Tiere können dabei in die Tiefe stürzen. Sie wurden deshalb nach einem sichereren Tale zurückgeführt. Turdu Bai bugsierte das zuletzt zurückgelassene Kamel in das Lager. Am Abend stellte sich Dowlet mit 30 Eseln ein.